Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

finanziellen, polizeilichen, universitätlichen, ökono- 
mischen und sozialen Einrichtungen und Gesetzen!” 
vernichtende, sondern als eine permanente zu verste- 
hen, als eine, die von einem qualitativen Sprung hin- 
sichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung zum näch- 
sten fortschreitet. 8) 
Ist es die revolutionäre Funktion der Utopie, oder um 
Mißverständnissen vorzubeugen, die Funktion der 
Utopie für den revolutionären Kampf, das Entfremdet- 
sein bewußt zu machen und zu zeigen, inwieweit das 
Elend bzw. die Entfremdung beim gegenwärtigen Stand 
der Produktivkräfte aufgehoben werden kann, sobald 
die erstarrten und zu Fesseln der Entwicklung gewor- 
denen Produktionsverhältnisse jenen angepaßt werden”) 
so ist es die revolutionäre Funktion der Reformkümpfe. 
die rationale Einsicht mit der sinnlichen Erfahrung zu 
verbinden, um so über die bloße kritisch-utopische 
Reflexion hinausgehend ein revolutionäres Klassenbe- 
wußtsein zu entwickeln, ! 9) 
Als isolierte Ereignisse gesehen hätten die Utopien und 
Reformen tatsächlich nur geringen Wert. Die erreich- 
ten Konzessionen und das sich entwickelnde Klassen- 
bewußtsein sind keine ein für allemal gesicherten Er- 
rungenschaften, auf denen man sich ausruhen könnte. 
Denn die Bourgeoisie führt den Klassenkampf perma- 
nent, und, wenn sie an einer Stelle zurückweichen muß, 
an anderer Stelle um so heftiger. Revolutionäre Funk- 
tionen gewinnen Utopie und Reformkämpfe nur insoweit, 
als sie genutzt werden als Basis für den weiteren 
Kampf. 
Wenn also Benevolo die prinzipielle Ambiguität von 
Utopien und Reformen in bezug auf ihre zukünftige Funk- 
tion für den Klassenkampf hervorhebt, wie in dem unten 
zitierten Abschnitt - dies ist das einzige, was von Be- 
nevolo’s eigener Position zum Verhältnis von Utopie 
bzw. Reform und Revolution im Text zu finden ist -, 
so steht er damit entgegen seiner eigenen Auffassung 
u.E. nicht im Gegensatz zu der marxistischen Position. 
"Wie die technischen Vorstellungen der Utopisten von 
ihren sozialen Errungenschaften abgelöst und so vom 
paternalistischen Reformismus benutzt werden konnten, 
um die von der Revolution bedrohte soziale Verfassung 
zu konservieren, so konnten auch die Initiativen der kon- 
servativen Kräfte, sobald sie in die Wirklichkeit umge- 
setzt wurden, sich im Gegensatz zu ihrer ursprüngli- 
chen politischen Motivation entwickeln und sich zu 
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Waffen verwandeln, um das konservative System zu 
stürzen. Die cites ouvrieres des Zweiten franzôsi- 
schen Kaiserreiches, die englischen Modelldórfer und 
die Kruppschen Siedlungen sind darum die ersten Glieder 
einer Kette von Erfahrungen, die schließlich zu Garniers 
cité industrielle, zu Berlages Stadtvierteln und zu den 
Siedlungen in Frankfurt am Main und Wien führten. An 
diesen Punkt angekommen, wird eine neue Konfronta- 
tion von Stadtplanung und politischen Programmen fäl- 
lig, um die Kluft zu schließen, die sich vor hundert 
Jahren zwischen ihnen aufgetan hat. Das ist die Auf- 
gabe, die heute vor uns liegt. 11) 
Kann auch das allgemeine Verhältnis von Utopie bzw. 
Reform und Revolution und die notwendige Abgrenzung 
gegenüber dem linken Radikalismus, wie oben skizziert, 
sowie gegenüber dem Utopismus bzw. dem Reformismus 
und seiner theoretischen Grundlage, dem Revisionis- 
must?) kaum als wesentliches theoretisches Problem 
angesehen werden! >), so verschiebt sich doch mit der 
gesellschaftlichen Entwicklung des Klassenkampfs der 
Stellenwert von Utopie und Reform im revolutionären 
Kampf und ihr Inhalt. Deshalb ist es erforderlich, sich 
das notwendige Fingerspitzengefühl, wie Lenin sich 
ausdrückt, zu erwerben, um die nie gleichen kompli- 
zierten politischen Fragen schnell und richtig lösen 
zu können. Dazu genügt allerdings das Studium der 
Geschichte der revolutionären Bewegung nicht; viel- 
mehr ist dazu die eigene Erfahrung notwendig. Zu 
ersterem aber könnte der Historiker beitragen durch 
Analyse der tatsächlichen Funktion bestimmter Utopien 
und Reformen in Abhängigkeit von bestimmten Stadien 
und Strategien des Klassenkampfs. Aber gerade hier 
versagt Benevolo, weil ihm die Grundlage des dialek- 
tischen Materialismus fehlt, die es ihm ermöglichte, 
die einzelnen Schritte der Entwicklung im Kontext des 
Klassenkampfs der betreffenden Epoche zu sehen und 
richtig miteinander zu verbinden. Daß Benevolo nicht 
in der Lage ist, dies zu leisten, dafür ist die Unklar- 
heit in seiner Einschätzung des politischen Charakters 
der Stadtplanung, also der Rolle der Stadtplanung im 
Widerspruch zwischen den Klassen, ausreichendes 
Anzeichen. Nicht, daß die Stadtplanung in sich selbst 
als widersprüchlich herausgearbeitet wird; vielmehr 
sind die entsprechenden Textstellen mehrdeutig oder 
widersprüchlich. An einer Stelle ist bezüglich der 
Stadtplanung vor 1848 von einer "Überschneidung" des 
Sozialismus mit der Stadtplanung die Rede. An einer 
anderen Stelle heißt es: 
ARCH+ 15 (1971-3)
	        

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