Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

Die Kammern dienen nicht — wie vorgesehen — dem 
Schutz der Öffentlichkeit. Eine Architektenkammer 
könnte zum gegenwärtigen Zeitpunkt allein die Konser- 
vierung der fortschrittsfeindlichen Interessen eines im 
Niedergang und in Umwandlung begriffenen Berufsstan- 
des dienen. Fortschritte jedoch hat unsere Gesellschaft 
gerade in der Bauproduktion und im Städtebau bitter 
nötig. 
Die Aufgaben, der von CDU und FDP vorgeschlagenen 
Kammern, betreffen ausschließlich Interessen der frei- 
schaffenden Architektenunternehmer. Dieser Charakter 
der Kammern steht im Widerspruch zu der Tatsache, 
daß auch in Berlin die Mehrzahl der Architekten Arbeit- 
nehmer sind (selbst die FDP sprach in der Sitzung des 
Abgeordnetenhauses vom 16.3.1972 von 400 freien und 
ca. 1.600 angestellten Architekten). 
Die tatsächliche Zahl der lohnabhängigen Architekten 
dürfte unter Berücksichtigung der sogenannten freien 
Mitarbeiter, die arbeitsrechtlich Arbeitnehmer sind, noch 
wesentlich größer sein. 
Der wesentlichste Punkt, der bisher vom DGB vorgebrach- 
ten Kritik, wird auch durch den SPD-Entwurf zu einem 
Architektengesetz, der sich auf eine Liste beschränkt, 
nicht ausgeräumt. Diese Kritik richtete sich dagegen, daß 
in allen bisherigen Architektengesetzen den praktizierten 
ebenso, wie in den Entwürfen, von einer einheitlichen Be- 
rufsgruppe der Architekten ausgegangen wird unter Ver- 
nachlässigung der jüngsten inhaltlichen Entwicklungen 
dieser Branche ebenso wie durch das Leugnen der unter- 
schiedlichen Interessen von Arbeitnehmern und Arbeit- 
gebern. 
Für uns ist der SPD-Entwurf deshalb nur ein schlechter 
Kompromiß zwischen den Entwürfen der FDP und CDU. 
die den Forderungen der Architektenunternehmer und 
ihren Verbänden folgen einerseits und den Interessen des 
Senators für Bau- und Wohnungswesen andererseits. 
Der SPD-Entwurf drückt sich, wie die anderen Entwürfe, 
auch um die Kernfrage einer Architektenliste; die Defini- 
tion eines Berufsbildes und die Aufstellung eines Aufga- 
benkataloges für Architekten. Stattdessen überläßt er alle 
Entscheidungen über Eintragungskriterien und Handha- 
bung der Liste letztlich dem Senator für Bau- und Woh- 
nungswesen. 
Wir vermissen eine gründliche Studie über die Situation 
und die Entwicklungstendenzen der Berliner Architektur- 
büros, wie über die Aufgaben, die Ausbildung, die Fort- 
bildungsmöglichkeiten und die Arbeitsverhältnisse der 
dort Beschäftigten. Eine wissenschaftlich fundierte Ant- 
wort auf die sich aus einer solchen Studie ergebenden 
Fragen, wäre Voraussetzung für eine politische Entschei- 
dung. 
Stattdessen begnügte man sich offensichtlich mit den Aus- 
künften der traditionellen Architektenverbände, sowie den 
Stellungnahmen des Senators für Bau- und Wohnungswe- 
sen und konnte doch auch keine andere Berufsbilddefinition 
zustandebringen, als die bei allen drei Entwürfen fast wort- 
wörtlich gleiche inhaltslose Floskel über die „Planung von 
Bauwerken”. 
Ein hinreichender Schutz der Öffentlichkeit ist auch durch 
den vorliegenden SPD-Entwurf nicht gewährleistet. Dieser 
hat im Falle der Verabschiedung nur zwei Nutznießer, 
einmal den Senator für Bau- und Wohnungswesen, dem er 
eine weitestgehende Kontrolle über die Eintragung in die 
Liste und damit über die Titelführung „Architekt” ein- 
räumt und zum zweiten die Berliner Architektenunterneh- 
mer, die durch dieses Gesetz neben einer Reihe von Vor- 
teilen die EWG-Fähigkeit erlangen. 
Würde dieses Gesetz jedoch nur die Niederlassungsfrei- 
heit der „freischaffenden” Architekten in der EWG re- 
geln, könnte es uns, als Vertreter der angestellten Ar- 
chitekten, gleichgültig sein, denn für sie besteht diese 
Freiheit jederzeit, sofern sie lohnabhängig bleiben. 
Sie können ihre Arbeitskraft sowohl im EWG-Raum 
als auch bei ausländischen Architekten verkaufen, 
die in Berlin bauen. 
Dieses Gesetz nützt nicht nur den Architektenunterneh- 
mern, sondern es schadet gleichzeitig den lohnabhängi- 
gen Architekten. 
1) Durch das Architektengesetz werden sie ohne einen 
Nutzen davon zu haben, gezwungen, sich dem lästi- 
gen Eintragungsverfahren zu unterziehen, wenn sie 
nicht ihrer Berufsbezeichnung „Architekt”’ verlustig 
gehen wollen.. Welche andere Bezeichnung den Ab- 
solventen der Architekturabteilungen Technischer 
Universitäten, Fach- und Kunsthochschulen noch 
bleibt, aus denen ihre fachliche Qualifikation hervor- 
geht, sagt das Gesetz nicht. Ausgebildete Architekten 
werden nach diesem Gesetz in Zukunft gezwungen 
sein, um überhaupt eine Berufsbezeichnung zu erhal- 
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