Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

die beiden Seiten als eine Einheit zu behandeln.12) Für 
die Konzeption eines Planungsbereichs (bzw. eines For- 
schungsbereichs) der gerade die Beziehung zwischen diesen 
beiden Seiten betrifft, ist jedoch deren begriffliche Be- 
stimmung unumgänglich. Ich habe mich bei der folgenden 
Definition zunächst auf denjenigen Bedeutungsbereich des 
Wortes ‚Nutzung’ beschränkt, der für die Planung von Be- 
trieben relevant ist.13) 
Für die aktive Seite wird im folgenden der Begriff der Tä- 
tigkeit verwendet. Er ist nicht allzu problematisch 14) und 
entspricht den in den angelsächsischen Ländern in diesem 
Zusammenhang gebräuchlichen Begriff der activity. Für 
die passive Seite ist ebenfalls ein Begriff erforderlich, der 
sich, wie der Begriff der Tätigkeit, nicht auf Einheiten be- 
stimmter Größenordnung bzw. Komplexität bezieht. In 
der Nutzungsplanung (bzw. dem Nutzungsstudium) muß 
n ämlich mit Einheiten unterschiedlicher Größenordnung 
und Komplexität gearbeitet werden, und es muß von Fall 
zu Fall bestimmt werden, welches jeweils die geeignete 
Einheit ist. Der ‚Raum’ im Sinn einer von Boden, Decke 
und Wänden umgrenzten nutzbaren Einheit (‚Gefäßraum’ 
oder ‚Zweckraum’), der von den Einheiten verschiedener 
Größenordnung und Komplexität, auf die das Wort ‚Nut- 
zung’ im allgemeinen bezogen wird, 
hier allein in Frage kommt, kann jedenfalls nicht mehr 
als die in jedem Fall adäquate Einheit gelten. Bei der Pla- 
nung von Großräumen oder ‚offenen Räumen’ (‚offener 
Grundriß’”), aber auch bei der Planung von Verkehrszonen 
oder der Freifläche (bzw. bei dem entsprechenden Nutzungs 
studium) muß zum Zweck der Organisation der Nutzung 
mit kleineren Einheiten. wie z. B. Einzelarbeitsplätzen. 
12) Vgl. die Ambivalenz bezüglich dieser beiden Seiten bzw 
die Einheit, die diese beiden Seiten bilden in Begriffen 
der traditionellen Schulorganisation wie ‚Klasse’ oder 
‚Schule”. 
Es ergeben sich damit für die verschiedenen Bereiche der 
Nutzungsplanung etwas unterschiedliche Definitionen 
des Begriffs der Nutzung. Vgl. Anmerkung 17. 
Im Hinblick auf das relativ entwickelte terminologische 
Repertoir der Arbeitswissenschaft bot sich zunächst der 
Begriff der Arbeit an. Er wurde jedoch nicht verwendet, 
da er als allgemeiner Begriff für die aktive Seite der Nut- 
zung zu eng ist, Selbst der Begriff der Tätigkeit ist hier 
außerordentlich weit zu fassen, wenn er ‚Tätigkeiten’ wie 
z. B. das Speichern von Material, bei dem die Komponente 
des Tätigseins im engeren Sinn sehr zurücktritt, einschlie- 
ßen soll 
13) 
Der Terminus ‚bauliche Umwelt’ bezieht sich sowohl auf 
die Gebäude wie auf die Außenanlagen (vgl. ‚Gartenbau’, 
‚Straßenbau’”), also auf alle baulichen Anlagen eines Betriebs, 
Dies zu betonen scheint mir wichtig im Hinblick auf die 
gegenwärtige, durch die ökonomischen Verhältnisse bedingte 
architektonische Praxis und den ihr entsprechenden Begriff 
der Architektur, welche sich schwerpunktmäßig auf Gebäude 
beziehen unter Vernachlässigung der jeweils gebäudeäußeren 
baulichen Umwelt und der Beziehung zwischen dem Gebäude 
inneren und dem Gebäudeäußeren, was sich ausdrückt in der 
Beziehungslosigkeit der ‚Architektur’” zu ihrer baulichen Um- 
welt. Zuerst hatte ich den Terminus ‚technisch-räumlich” 
(technisch-räumliche Einheit, technisch-räumliche Organisa- 
tion) vorgeschlagen (vgl.: Institut für Schulbau 1970/71 — 
4. Werkstattbericht, a.a.O.). Das Wort ‚räumlich’ bezog sich 
Gruppenarbeitsplätzen, Spielstätten, gearbeitet werden, 
die schlechterdings nicht als ‚Räume’ im obigen Sinn be- 
griffen werden können. Auf der anderen Seite muß auch 
mit Einheiten, die mehrere ‚Räume’ umfassen, wie z. B. 
Departments, gearbeitet werden. Eine negative Bestim- 
mung der Bandbreite der in Frage kommenden Einheiten 
hinsichtlich ihrer Größenordnung bzw. Komplexität ergibi 
für die aktive Seite, also die Seite der Tätigkeiten, als un- 
tere Begrenzung: so kleine bzw. einfache Einheiten wie 
der Tafelanschrieb, als obere Begrenzung: so große bzw. 
komplexe Einheiten wie das gesamte Schulleben, für die 
passive Seite als untere Begrenzung: so kleine bzw. ein- 
fache Einheiten wie eine bestimmte Wandfläche, als obere 
Begrenzung: so große bzw. komplexe Einheiten wie das 
Schulgebäude insgesamt. Als Terminus zu dem hiermit 
umschriebenen Begriff wählte ich den Terminus ‚bau- 
liche Umwelt‘, 15) 16) Bezogen 
auf den Bereich der Nutzung von Betriebsanlagen wäre 
der Begriff der Nutzung also definiert als das Stattfinden 
— in der Grundbedeutung des Worts — von Tätigkeiten in 
einer baulichen Umwelt .17) 
Die beiden Begriffe der Tätigkeit und der baulichen Um- 
welt sind unter Berücksichtigung ihres gegenseitig kom- 
plementären Charakters zu präzisieren. So seien im Be- 
griff der Tätigkeit die sie ausübenden Personen mit ihren 
Intentionen und psychophysischen Eigenschaften, sowie 
die unmittelbar für die Tätigkeit erforderlichen Mittel, im 
Begriff der baulichen Umwelt die den psychophysischen 
Eigenschaften der die Tätigkeit ausübenden Personen ent- 
sprechenden physikalisch-technischen Eigenschaften der 
baulichen Umwelt. sowie die bauliche Ausstattung einge- 
dabei auf den Raum im Sinn einer von Boden, Decke und 
Wänden (mehr oder weniger) umgrenzten Einheit — im Gegen- 
satz zur umgangssprachlichen Verwendung dieses Wortes im 
Sinn des , wie immer verstandenen, naturwissenschaftlichen 
Raumbegriffs. Im Hinblick auf die Notwendigkeit, auch in der 
Architekturtheorie die Kategorie des Raums im naturwissen- 
schaftlichen Sinn einzuführen (vgl.Haupttext) ist es, um Mißver- 
ständnissen vorzubeugen, zweckmäßig, die Worte ‚Raum‘ und 
‚räumlich’” in entsprechenden theoretischen Texten nur im 
letzteren, nicht auch im ersteren Sinn zu verwenden. Diese 
Überlegung sprach dafür, diesen Terminus fallen zu lassen. 
Ebenfalls erwogen wurde der Terminus ‚physische Umwelt? 
Bei der Verwendung dieses Terminus wäre neben der bauli- 
chen die geophysische und die biophysische Umwelt einge- 
schlossen, was in gewisser Hinsicht von Vorteil wäre. Einge- 
schlossen wäre damit aber auch die soziale Umwelt, die gerade 
nicht auf dieser Seite, sondern auf der Seite der Tätigkeiten er- 
faßt werden soll. 
Für den Ausdruck ‚Einheit der baulichen Umwelt”, der im fol- 
genden häufig verwendet wird, sei zur Diskussion gestellt 
der Terminus ‚Areal’. Er wurde in diesem Text nicht weiter 
verwendet, da entsprechende Termini für die Ausdrücke ‚Tä- 
tigkeitseinheit‘ und ‚Nutzungseinheit‘ bisher nicht gefunden 
werden konnten 
Bezüglich des Unterschieds in der Definition des Begriffs der 
Nutzung im Bereich der Nutzung von Betriebsanlagen und im 
Bereich der ‚Bodennutzung’ in der Urproduktion und der 
Siedlungstätigkeit sei angemerkt, daß die aktive Seite, die Tätig- 
keit, im letzteren Fall gerade in der Herstellung der baulichen 
Umwelt, im Bau, besteht (vgl. ‚Bergbau‘, ‚Waldbau‘, ‚Feld‘- 
bzw. ‚Ackerbau’, ‚Siedlungsbau”), während die passive Seite 
in der geophysischen und biophysischen Umwelt besteht. 
16) 
17)
	        

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