Volltext: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

schlossen. Von Fall zu Fall, und im Hinblick auf die Ver- 
änderbarkeit, in mehreren Stufen 18) zu ziehen ist die 
Grenze zwischen den unmittelbaren Tätigkeitsmitteln 
und der baulichen Ausstattung. Es scheint darüberhinaus 
sinnvoll, die Tätigkeit prinzipiell als Gruppentätigkeit zu 
definieren, wobei der Fall der Einzelarbeit als Tätigkeit 
einer Ein-Mann-Gruppe bestimmt ist. Dementsprechend 
sind im Begriff der Tätigkeit auch die gruppendynamischen 
Beziehungen eingeschlossen. 
Schließlich ist noch einem möglichen Mißverständnis in 
Bezug auf den Begriff der Nutzungsplanung vorzubeugen 
Ist im umgangssprachlichen Begriff der Nutzung voraus- 
gesetzt, daß die passive Seite der Nutzung, hier also die 
bauliche Umwelt bereits materiell vorhanden ist, so ist 
diese Voraussetzung für den aus den Begriffen der Nut- 
zung und der Planung zusammengesetzten Begriff hinfäl- 
lig, da bei der Planung beide Seiten der Nutzung ohnehin 
nur konzeptionell behandelt werden. Der Begriff der Nut 
zungsplanung ist also nicht beschränkt auf die Planung 
18) Einen Versuch, unter dem Gesichtspunkt ihrer Anpaßbarkeit 
verschiedene Stufen der Veränderbarkeit der baulichen Um- 
welt zu bestimmen, habe ich einmal am Beispiel eines Wohn- 
hauses unternommen. Feldtkeller, C.: Anpassungsfähige 
Wohnungen? , Werk, März 1965. Vgl. auch Anmerkung 26. 
19) 
20) 
Vgl. Anmerkung 54 
Dabei kann die eine Seite (a) notwendig und hinreichend, 
{b) notwendig, aber nicht hinreichend, (c) nicht notwendig 
(also ersetzbar) aber hinreichend, (d) weder notwendig noch 
hinreichend sein zur Hervorbringung der anderen Seite. Die 
funktionale Beziehung entspricht in gewisser Weise der kausalen 
Beziehung: Von einer kausalen Beziehung spricht man, wenn 
es darum geht, ausgehend von einer (erfahrenen) hervorgebrach- 
ten Größe die hervorbringenden Größen (Ursache) aufzufin- 
den; von einer funktionalen Beziehung spricht man, wenn es 
darum geht, ausgehend von einer (hypothetisch angenomme-: 
nen) hervorbringenden Größe die (zu erwartenden) hervorge- 
brachten Größen bzw. ihren Beitrag zu diesen (zu erwartenden) 
hervorgebrachten Größen zu bestimmen. Die kausale 
Beziehung bezieht sich also auf reale Sachverhalte, die funktio- 
nale Beziehung mittelbar selbstverständlich ebenfalls, unmit- 
telbar jedoch auf Konzeptionen, speziell auf die Theoriebil- 
dung (funktionale Erklärung ) und die Planung. 
Der hier verwendete Funktionsbegriff entspricht dem in der 
Systemtheorie verwendeten. Vgl. z.B. Müller, J.: Grund- 
lagen der systematischen Heuristik, Dietz Verlag, Berlin, 1970 
(Schriften zur sozialistischen Wirtschaftsführung). Er unter- 
scheidet sich von dem in den programmatischen Begründungen 
der funktionalistischen Architektur — von Architekturtheorie 
kann diesbezüglich wohl kaum die Rede sein — verwendeten 
Begriff, welcher in gewisser Hinsicht dem Begriff des Inhalts oder 
des Stoffs in der Kunsttheorie entspricht, aber meines Wissens 
nirgendwo einigermaßen klar definiert ist. Er ist insbesondere 
gegenüber den Begriffen der Nutzung und 
der Konstruktion sowie der Aufgabe und des Zwecks 
nicht klar abgegrenzt. (Die beiden letzten Begriffe würde 
ich, im Unterschied zur Funktion, die sich nach der obi- 
gen Definition auf das dem Subjekt gegenüberstehende 
Objekt bezieht, (mit dem Genitivus subjectivus) auf das 
Subjekt selbst oder die Praxis, also einen das Objekt zum 
Gegenstand habenden Prozeß beziehen). 
Zur Klärung des Begriffs der Funktion trägt auch die die 
Beziehung von ‚Funktion’ und Form betreffende Analo- 
gie zum Bereich des Organischen oder der Natur, wie sie 
von Architekten mindestens seit der Renaissance immer 
wieder hergestellt wurde, nichts bei, solange dabei auf 
metaphvsische Konzeptionen. speziell die des Vitalismus 
m 
der Tätigkeiten in einer bestehenden baulichen Umwelt. 
Primäre Aufgabe der Nutzungsplanung ist die Bestim- 
mung der Organisation der baulichen Umwelt in der 
Form des Programms, und zwar unter dem Gesichts- 
punkt ihrer Funktionalität. Die Funktionalitätsforde- 
rung besagt, daß zwischen der baulichen Umwelt und 
den geplanten Tätigkeiten — die ihrerseits die bezüg- 
lich ihrer gestellten Funktionalitätsforderungen erfül- 
len müssen — eine bezogen auf die verfügbaren finan- 
ziellen Mittel 19) optimale funktionale Beziehung be- 
stehen soll, d. i. eine;Beziehung, bei der die eine Seite. 
die bauliche Umwelt, in optimaler Weise an der Her- 
vorbringung der anderen Seite, der Tätigkeiten, betei- 
ligt ist. Die Funktion ist der Beitrag, den die eine Seite 
zur Hervorbringung der anderen leistet.20) 21) 
Die Funktionalitätsforderung bezüglich der baulichen 
Umwelt kann wie folgt präzisiert werden: Es sollen füı 
zurückgegriffen wird, wie sie sich niederschlagen in Aus- 
drücken wie „a vital something or other which we do not 
see” (Sullivan) oder im Begriff der „Wesenheit’”” (Häring), 
welche die Erscheinungsform, die „Gestalt‘“ eben nicht er- 
klären, weder im Bereich des Organischen noch im Bereich 
der Architektur, vielmehr dazu angetan sind, sie in den 
Schleier des „Geheimnisses’”” (Häring) zu hüllen. (Sullivan, 
L. h.: Kindergarten Chats, George Wittenborn, Inc.: New 
York, 1947, S. 46. Häring, H.: über das geheimnis der ge- 
stalt, in: Anmerkungen zur Zeit 3, Hrsg. Akademie der 
Künste, Berlin, 1957.) Der Bereich des Organischen ist je- 
doch für die Architektur nicht uninteressant, Von der 
Konzeption der Nutzungsplanung (bzw. des Nutzungs- 
studiums) her gesehen könnten wissenschaftliche Theo- 
rien über diesen Bereich auf neue Weise interessant wer- 
den. Lamarck, bis zu welchem Mumford die Entwicklung 
des Funktionalismus in der Architektur über die Bildhaue- 
rei zurückverfolgen zu können glaubt, stellt in seiner Ab- 
stammungstheorie gegenüber und setzt in Beziehung nicht 
Form und ‚Funktion’, sondern „Gestalt”” und „Organisa- 
tion” des Tieres auf der einen und die zur „Gewohnheit ” 
werdenden „Tätigkeiten”” auf der anderen Seite. Gestalt 
und Organisation verändern sich infolge von Veränderun- 
gen der Tätigkeiten, welche ihrerseits sich verändern in- 
folge von Veränderungen der „Bedürfnisse‘‘, welche wie- 
derum ihrerseits sich verändern in Abhängigkeit von den 
„Verhältnissen”., (Lamarck, J.: Philosophische Zoologie 
(1809), passim.) Die von Lamarck untersuchten Beziehungen stel- 
len in der einen Richtung einen Anpassungsprozeß dar — hier 
der einen Richtung einen Anpassungsprozeß dar — hier 
ist die Lamarck’sche Theorie durch die Darwin’sche zu 
ergänzen — in der anderen Richtung eine, je nach dem 
Grad der Angepaßtheit mehr oder weniger funktionale 
Beziehung. Eine Analogie zur Beziehung zwischen den 
Tätigkeiten eines Betriebs und ihrer baulichen Umwelt 
ist möglich bezüglich beider Richtungen. Dabei sind fol- 
gende Unterschiede zwischen dem Anpassungsprozeß und 
dem diesem in der Analogie entsprechenden Planungspro- 
zeß zu berücksichtigen. Die Erzeugung von Varietät er- 
folgt im Planungsprozeß nicht über „Abänderung‘‘ durch 
verstärkten Gebrauch oder Nichtgebrauch bestimmter 
Organe oder über Mutation, sondern über den Einfall oder 
das kombinatorische Spiel; die Reduzierung der Varietät , 
die Auswahl funktionaler Variationen, erfolgt nicht durch 
die „natürliche Zuchtwahl‘‘, sondern durch mehr oder 
weniger bewußte Entscheidung entweder aufgrund der 
sinnlichen Erfahrung oder anhand rationaler Kriterien.
	        

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