Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

die Tätigkeiten,sowohl was ihre räumliche Dimension 
— Raum begriffen im naturwissenschaftlichen Sinn, 
nämlich als Funktion der Materie- und Energievertei- 
lung —,also den (nach den verschiedenen physiologi- 
schen Aspekten zu differenzierenden) ‚Tätigkeitsraum’, 
betrifft, als auch was ihre zeitliche Dimension, den Tä- 
tigkeitsablauf,betrifft,igeeignete Umweltbedingungen 
hergestellt werden. Die Herstellung dieser Bedingungen 
über die Kontrolle bzw. Umformung günstiger und 
widriger, betriebsexterner sowie betriebsinterner Bedin- 
gungen durch den Bau (einschließlich der gesamten Installa- 
tion) 22) soll ihrerseits in möglichst geringem Maß zu 
Einschränkungen der Tätigkeiten in allen ihren Dimensio- 
nen führen. 
Diese generelle Forderung enthält verschiedene bezüg- 
lich ihrer Erfüllbarkeit bis zu einem gewissen Grad zu- 
einander widersprüchliche Forderungen. Der gesamte 
Komplex der Tätigkeiten zerfällt in verschiedene von- 
einander relativ unabhängige Tätigkeiten, die einerseits 
relativ störungsfrei nebeneinander stattfinden können 
sollen und die entsprechend ihrer Tätigkeitsform mehr 
oder weniger unterschiedliche, also in gewisser Hinsicht 
spezifisch zugeschnittene und aüsgestattete Einheiten 
der baulichen Umwelt erfordern, zwischen denen anderer 
seits Interaktionen stattfinden können sollen. Den sich 
2 
Als hervorragende Studie der Architektur unter diesem’ 
Gesichtspunkt, allerdings allenfalls beiläufig bezogen auf 
bestimmte Tätigkeiten, sei erwähnt: Banham, R.: The 
architecture of the well-tempered environment, The 
Architectural Press, London, 1969 
Im Fall der Schule wird die Funktionalitätsforderung 
dadurch kompliziert, daß die Tätigkeiten z. T. ineinan- 
der übergehen, also sich spalten und vereinigen können 
sollen, bzw. daß von allen Schülergruppen sehr viele 
in ihrer Form sehr unterschiedliche Tätigkeiten ausge- 
führt werden (Fachunterricht), so daß unter der ökono- 
mischen Bedingung des sparsamen Umgangs mit teuren 
Ausstattungen sowie der platzmäßigen und zeitlichen 
Auslastung der Einheiten der baulichen Umwelt (vgl. 
den im Zusammenhang mit den Lagerhaltungsmodellen 
entwickelten Begriff der Platz-Zeit-Menge) ein relativ 
hohes Maß an Raumwechsel erforderlich ist, was im 
Widerspruch steht zu der unter funktionalen Gesichts- 
punkten erwünschten Kontinuität der Tätigkeiten und 
Permanenz der Zuordnung der Schülergruppen zu bestimm- 
ten Einheiten der baulichen Umwelt. 
Etwas ausführlicher und mit Beispielen aus dem Wohnbe- 
reich ist das Problem der Überschneidung der verschiedenen 
Tätigkeitszonen ausgeführt bei Feldtkeller, C.: back to back, 
Baumeister, Sept. 1970 (leider ist der Titel des Artikels dort 
von der Redaktion verändert worden). 
Konsequenterweise wäre bei der Bestimmung der Organisa- 
tion der baulichen Umwelt, sowohl was die Erstellung des 
Programms als auch was die Entwicklung des Plans betrifft, 
nicht von ‚Räumen’ im Sinn vom Boden, Decke und Wänden 
umgrenzten Einheiten auszugehen, sondern von verschiede- 
nen, nicht notwendigerweise allseitig umgrenzten Einheiten 
im oben beschriebenen Sinn, und es wären Vorstellungen 
darüber zu entwickeln, bzw. entsprechende Festlegungen vor- 
zunehmen, wie diese Einheiten zu unterteilen bzw. zu kop- 
peln sind in bzw. zu Einheiten anderer Typen. Das Programm 
der DT Umwelt bestünde dementsprechend nicht aus 
e.ner .Raumliste’ und Angaben über die Verbindungen zwi- 
daraus ergebenden widersprüchlichen Forderungen, näm- 
lich auf der einen Seite nach Abgeschirmtheit, auf der an- 
deren Seite nach Offenheit, ist so weit als möglich nachzu- 
kommen durch veränderbare oder durch eine nach den 
verschiedenen physiologischen Aspekten der Tätigkeit dif- 
ferenzierte selektive und hinsichtlich des jeweiligen Grads 
der Durchlässigkeit des Baumaterials relative Abschirmung 
zwischen den verschiedenen Tätigkeitszonen.23) 24) 25) 
Werden auf der Seite der Tätigkeiten bzw. der Tätigkeits- 
organisation Erstzustand und Folgezustände unterschieden, 
so gilt die Funktionalitätsforderung für alle diese Zustände; 
d. h. es muß entweder die bauliche Umwelt relativ nutzungs 
neutral sein, oder es muß auch auf der Seite der baulichen 
Umwelt bzw. der Organisation der baulichen Umwelt zwi- 
schen Erstzustand und Folgezuständen unterschieden wer- 
den, und der Übergang von einem Zustand zum anderen 
durch entsprechende Veränderbarkeit möglich sein.26) 
Ausgangsbasis für die Nutzungsplanung bildet ein mehr 
oder weniger ausgereiftes Konzept der Tätigkeitsorganisa- 
tion. das im Bereich der Praxisplanung entwickelt wurde. 
Was die Bestimmung der Tätigkeitsorganisation betrifft, 
so ist hervorzuheben, daß deren Ausentwicklung und 
Festlegung nicht getrennt von der Entwicklung der Orga- 
schen den ‚Räumen’, sondern würde sich darstellen als ein 
System von ineinandergeschachtelten Einheiten mit Angaben 
über die jeweiligen Abschirmungen zwischen den Einheiten, 
Gegen die allzu global gestellte Forderung nach Veränderbar- 
keit ist eine Konzeption zu stellen, die sich aus der Konzep- 
tion der Nutzungsplanung ohne weiteres ergibt — wenn man 
einen Begriff von der Relativität jeglicher Veränderbarkeit 
bzw. jeglicher Festlegung voraussetzt. Dies bes a'gt, daß Ver- 
änderbarkeit an sich gegeben ist, wo immer etwas festgelegt 
ist, daß jede bauliche Umwelt ihre spezifische 
Veränderbarkeitsstruktur hat. Es sind bestimmte Verände- 
rungen mit relativ geringem, andere nur mit relativ großem 
Aufwand möglich, So kann z. B. eine Faltwand relativ leicht 
geöffnet und geschlossen werden; eine Veränderung ihrer 
Position ist aber nicht vorgesehen und erforderte, wollte man 
sie dennoch vornehmen, einen relativ großen Aufwand. Eine 
Wand aus versetzbaren Tafeln erfordert dagegen zu ihrer De- 
montage oder Montage einen im Vergleich zum Öffnen bzw. 
Schließen der Faltwand relativ großen Aufwand; eine Verän- 
derung ihrer Position erfordert aber einen im Vergleich zur 
Veränderung der Position der Faltwand relativ geringen Auf- 
wand. Entsprechende Differenzierungen wären für die in ihrer 
Veränderbarkeitsstruktur allerdings viel komplexere bauliche 
Umwelt insgesamt vorzunehmen. Es gilt nun, zu versuchen, 
der baulichen Umwelt eine derartige Veränderbarkeitsstruktur 
zu geben, daß diejenigen Veränderungen mit relativ geringem 
Aufwand möglich sind, durch die erreicht werden kann, daß 
die hinsichtlich der baulichen Umwelt gestellten Funktionali- 
tätsforderungen auch bei bestimmten Veränderungen der Tä- 
tigkeiten bzw. der Tätigkeitsorganisation erfüllt werden. Ich 
nenne eine solche Veränderbarkeit Anpaßbarkeit. Die Gewähr 
leistung der Anpaßbarkeit ist desto eher möglich, je genauere 
Aussagen über mögliche Folgezustände auf der Seite der Tä- 
tigkeiten bzw. der Tätigkeitsorganisation gemacht werden 
können. (Wenn die Entwicklung auf der Seite der Tätigkeiten 
nicht eindeutig prognostiziert werden kann, so solite versucht 
werden, bezüglich dieser Entwicklung möglichst klare Varian- 
ten herauszuschälen, so daß bezüglich dieser Varianten für 
Anpaßbarkeit gesoöret werden kann} 
76)
	        

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