Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

send zum besonderen Fall des Nutzungsstudiums über- 
zugehen. 
Der Forschungsprozeß beginnt, sobald in der Praxis eine 
unerwartete Erfahrung gemacht wird. Sein Ziel ist es, für 
den (unerwarteterweise) erfahrenen Sachverhalt eine zu- 
friedenstellende Erklärung zu finden, um die Kontroll- 
kapazität gegenüber der Umwelt zu erhöhen und in der 
Praxis erfolgreicher zu werden. Peirce gliedert den For- 
schungsprozeß seiner logischen Struktur nach in folgende 
Schritte: 
(1.) Hypothesenbildung: Die Hypothese bezeichnet, 
wenn möglich gestützt durch eine funktionale Erklärung 
und nicht nur durch Aufzeigen statistischer Korrelatio- 
nen, eine Beziehung zwischen dem erfahrenen Sach- 
verhalt und einer oder mehreren diesen Sachverhalt 
mitverursachenden Größe(n) 66), Die logische Struktur 
der Hvpothesenbildung ist von der Form der Abduktion: 
bisb;e B 
AB 
a;,a; € A, (möglicherweise) 
ist, das ist dies, daß die Modalität der Konklusion, also der 
Grad oder die Stufe der Gewißheit, mit der sich die in der 
Konklusion enthaltene Aussage aus den in den Prämissen 
enthaltenen Aussagen ergibt, nicht wie im Fall der Deduk: 
tion oder der Induktion die der absoluten bzw. relativen 
Gewißheit (s.u.), sondern die einer Möglichkeit ist: Mög- 
licherweise ist aj, aj £ A, der Fall; aber daß a; der Fall 
ist, ist nicht notwendige Voraussetzung dafür, daß b; der 
Fall ist; es kann auch sein, daß nicht aj, aj £ A, sondern 
z.B. fi, fi € F (als mitverursachende Größe) der Fall ist. 
Die Abduktion hat jedoch nicht den Charakter des blinden 
Versuchs, kommt sie doch zustande durch Inbeziehung- 
setzen einer Beobachtung mit der Erfahrung. 
(2.) Ableitung der erwarteten Ergebnisse des Experiments: 
Durch diese Ableitung wird angegeben, zu welchem Ergeb- 
nis das Experiment führen muß, damit die Hypothese als 
durch das Experiment bestätigt angesehen werden kann. 
Die logische Struktur dieser Ableitung ist von der Form 
der Deduktion: 
A—B 
ai 
b; (gewiß) 
Die erste Prämisse, ein praktischer Satz, bezeichnet den 
neuerlich erfahrenen Sachverhalt, somit ein Besonderes. 
Die zweite Prämisse, ein theoretischer Satz, bezeichnet 
eine bereits vorhandene Erfahrung, somit ein Allgemeines, 
welches erinnert wurde aufgrund einer im Zusammenhang 
mit der neuerlichen Erfahrung gemachten Beobachtung. 
Man darf sich durch die formale Gleichheit einer allge- 
meinen und einer besonderen Aussage in der (nicht-for- 
malen) Sprache über die inhaltliche Unterschiedlichkeit 
der jeweiligen Aussagen nicht hinwegtäuschen lassen. 
In der formalen Logik ist der theoretische Satz als Satz- 
funktion zu fassen mit Termini allgemeiner Bedeutung, 
hier ‚A‘ und ‚B‘, die sich den jeweils besonderen Fällen, be- 
zeichnet durch ‚aj‘ bzw. ‚b;‘ zuordnen lassen: a; © A, 
bj = B. 67) Das jeweilige Allgemeine wird im Forschungs- 
prozeß mit immer neuem Besonderen in Beziehung gesetzt 
und so im Laufe der Entwicklung immer adäquater gefaßt. 
Das Zeichen ‚> ‘ im theoretischen Satz bezeichnet eine 
konditionale Beziehung. Die Konklusion — hier gekennzeich 
net durch das von Boole eingeführte Zeichen , .‘.‘, welches 
auch von Peirce verwendet wird —, ebenfalls ein praktischer 
Satz, bezeichnet eine Größe, die als eine den in der ersten 
Prämisse bezeichneten Sachverhalt mitverursachenden 
Größe in Frage kommt. Was hier von besonderer Relevanz 
seine Arbeit: The Logic of Drawing History from Ancient 
Documents, in: Peirce, Ch, S.: Collected Papers[7.162 ] 
bis [7.255 ], Belknap Press of Harvard University Press, 
1931 bis 1958, Peirce‘s Konzeption des Forschungsprozesses 
ist eine eminent praxisbezogene. Dieser Praxisbezug, durch 
den sich der Peirce‘s Pragmatismus auszeichnet (vgl. Peirce: 
Collected Papers [5.196 ], a.a.O.) ist allerdings idealistischer 
Prägung. Wenn ich zur wissenschaftstheoreitschen Charakte- 
risierung des Nutzungsstudiums bzw. seiner Ergebnisse, was 
die logische Struktur betrifft, dennoch weitgehend Peirce 
folge, so ist das so gewonnene Ergebnis vom Standpunkt des 
dialektischen Materialismus aus zu relativieren. Dies geschieht 
Die erste Prämisse ist der theoretische Satz des Syllogismus 
des Schritts (1.). Als zweite Prämisse, als praktischer Satz 
(experimentelle Anordnung), wird gesetzt: die Konklusion 
des Syllogismus des Schritts (1.). Die Modalität der Konklu- 
sion eines praktischen Satzes (erwartetes Ergebnis des Ex- 
periments), ist die der Gewißheit. 68) Wenn das tatsächliche 
Ergebnis des Experiments dem erwarteten Ergebnis ent- 
spricht, so kann die Hypothese als bestätigt gelten; wenn 
nicht. so gilt die Hypothese als falsifiziert. 
(3.) Verallgemeinerung: Über die Verallgemeinerung wird 
die in der Hypothese bezeichnete und über das Experiment 
bestätigte Beziehung zwischen a i und b i als eine für alle 
entsprechenden Fälle a i, a i£ A, und b i, bis B gültige 
erklärt. Die logische Struktur der Verallgemeinerung ist 
von der Form der Induktion: 
D 
A > B (relativ gewiß) 
Beide Prämissen sind praktische Sätze. Die erste ist die 
über die anschließende Behandlung des Subjekt-Objekt- 
Verhältnisses. 
Vgl. Anmerkung 52. 
In der Unterscheidung von praktischen und theoretischen 
Sätzen folge ich Schickel, J.: I Ching, in.: Schickel, J.: 
Große Mauer, Große Methode, Ernst Klett Verlag, 1968, 
S. 231 bis S. 283. Schickel bezieht sich, was diese Unterschei- 
dung betrifft, seinerseits auf König, J.: Bemerkungen über 
den Begriff der Ursache, a.a.O., S. 48 ff. . 
Die Begriffe der Gewißheit und der relativen Gewißheit 
werden ausführlich erörtert bei: Klotz, H.: Der philosophi- 
66) 
67) 
68)
	        

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