Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

schaft geradezu paradigmatisch wider in der Entwicklung 
der Auffassungen vom Grundeigentum und der Grund- 
rente von den Physiokraten bis Ricardo, d. h. von der 
Auffassung der Grundrente als einziger Form des Mehr- 
werts bis zu Ricardos Leugnung der absoluten Rente, also 
praktisch der theoretischen Leugnung des Grundeigen- 
tums als Schranke für die freie Anlage von Kapital auf 
Grund und Boden überhaupt. 
Der dritte Abschnitt befaßt sich dann mit Marx’ Darstel- 
lung der Grundrente im vierten Abschnitt des 3. Bandes 
des „Kapitals”, d. h. mit den Erscheinungsformen der 
Grundrente in der entwickelten kapitalistischen Gesell- 
schaft, wobei das „begriffene Wesen‘‘ dieser kapitalisti- 
schen Gesellschaft (also die Gesamtheit des 1. Bandes) 
vorausgesetzt ist. In diesem Teil werden Begriffe benutzt 
werden wie Durchschnittsprofit, Produktionspreis, orga- 
nische Zusammensetzung des Kapitals u. a., die vorher in 
unserer Darstellung nicht entwickelt worden sind. Ein 
solches Vorgehen ließ sich aber nicht vermeiden. 
Hier wird die prinzipielle Schwierigkeit des Papiers beson- 
ders deutlich: Einerseits läßt sich die Marxsche Entwick- 
lung der Grundrente nicht nachvollziehen ohne das Spe- 
zifikum der agrarischen Produktion gegenüber der indu- 
striellen Produktion hinsichtlich der Bildung der Durch- 
schnittsprofitrate herauszuarbeiten — dies ist aber nur 
möglich auf der Grundlage des entfalteten Kapitalbegriffs, 
Andererseits können wir nicht — ohne einen einschüch- 
ternden oder ärgerlichen Bluff zu betreiben — beim Leser 
soviel Kapital-Studium einfach voraussetzen, daß die oben 
erwähnten Begriffe keiner weiteren Erläuterung mehr be- 
dürften. Die Voraussetzungen dieses Papiers aber inner- 
halb des Rahmens dieses Papiers darzustellen, würde uns 
zu dem Unmöglichen verpflichten, dem 3. Abschnitt eine 
Kurzdarstellung des Kapitalbegriffs auf der Abstraktions- 
ebene des 3. Bandes des Marxschen Kapitals vorzuschal- 
ten. 
Wir glauben dennoch, daß wir angesichts der herrschen- 
den Konfusion über den Begriff Grundrente uns mit un- 
serem Papier nicht nur an einen kleinen Kreis von „Ein- 
geweihten”” wenden sollten (den nämlich möglicherweise 
die Zielsetzung des Papiers als Grundlage für einen 
realanalytischen Ansatz nicht interessiert); 
daß unsere Arbeit vielmehr eine wichtige Funktion als 
Leitfaden beieiner gründlichen Erarbeitung der 
Kategorie besitzen kann. Dies zeigt auch die Erfahrung 
der Verbreitung des Papiers: ohne bislang einem größe- 
ren Kreis über die TU hinaus zugänglich zu sein, ist es 
doch über inoffizielle Vervielfältigen bereits von einer 
Reihe von Gruppen in Westberlin und Westdeutschland 
für Grundrente-Kurse verwendet worden. Da eine solche 
gründliche Arbeit anhand des Papiers ermöglicht, an den 
Stellen, an denen das Papier seine eigenen begrifflichen 
Voraussetzungen nicht erklärt, über vertiefende Lektüre 
ein Verständnis herzustellen, haben wir davon abgesehen, 
solchen Begriffen formelhafte Kurzdefinitionen beizufügen. 
1. ABSCHNITT 
DIE ENTSTEHUNG DER KAPITALISTISCHEN 
PRODUKTIONSWEISE UND DAS MODERNE 
GRUNDEIGENTUM 
1. DIE FRAGE NACH DEM HISTORISCHEN AUS— 
GANGSPUNKT DES KAPITALS 
In der Darstellung des Kapitals im allgemeinen im ersten 
Band des „Kapital”’ erfolgt die Entwicklung des Kapital- 
begriffs unmittelbar aus dem Wert. „In der Geschichte”, 
schreibt Marx in den „Grundrissen der Kritik der Politi- 
schen Ökonomie”, „gehn andere Systeme vor, die die 
materielle Grundlage der unvollkommenen Wertentwick 
lung bilden.” 3) 
Mit anderen Worten: Wir müssen in der Marxschen Dar- 
stellung des Kapitals zwei verschiedene Aspekte genau un: 
terscheiden, Der erste dieser Aspekte ist der logische, wie 
er in den beiden ersten Abschnitten des „Kapital”” entwik- 
kelt ist. Marx geht hier von der erscheinenden Oberfläche 
der kapitalistischen Produktionsweise, der Zirkulations- 
sphäre aus, und folgt damit dem Vorgehen der bürgerlichen 
Ökonomen selber, für die die Sphäre der Zirkulation, in 
der nur Äquivalente getauscht werden, das Ganze der bür- 
gerlichen Gesellschaft überhaupt ist. Gleichzeitig aber 
macht er klar, daß das Kapital seiner Bestimmung, seinem 
Trieb, „Geld zu hecken”, in der Zirkulationssphäre nur 
mit Hilfe des Zufalls oder sonstiger günstiger Umstände 
nachgehen kann (wie das Handels- oder Wucherkapital), 
daß aber das Wesen des Kapitals als mehrwerthecken- 
der Wert erst im industriellen Kapital erscheint: hier eben 
liegt die Quelle des Mehrwerts nicht in der Sphäre der 
Zirkulation, sondern in der „verborgenen Stätte der Pro- 
duktion, an deren Schwelle zu lesen steht: No admittance 
except on business.” 4) 
Die Darstellung des wirklichen historischen Vorgangs nun, 
die Schilderung des Entstehens der Komponenten des Ka- 
pitalverhältnisses, aufgrund derer sich das industrielle Kapi- 
tal erst entwickeln kann, bis es sich in der großen Industrie 
die ihm adäquate Produktionsform schafft, wird erst am 
Ende des ersten Bandes des „Kapital”” gegeben, nämlich 
im Kapitel über die „sogenannte ursprüngliche Akkumula- 
tion”. In diesem historischen Prozeß nun spielt das mo- 
derne Grundeigentum eine entscheidende Rolle. 
Die Fragestellung, um die es hier also geht, ist die Frage 
nach dem historischen Ausgangspunkt. Ist in den voran; 
gegangenen Kapiteln des ..Kapital”” in genauer logischer 
3) 
K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 
Moskau 1939, S. 163. 
K. Marx, Das Kapital, Bd. 1, Marx-Engels-Werke, MEW 23. 
Berlin, DDR 1969.58. 189 
26
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.