Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

III. DAS WESEN DER URSPRÜNGLICHEN AKKU- 
MULATION ALS KERN DER WAKEFIELD’ schen 
KOLONIETHEORIE 
Wie die von Marx formulierte Grundeinsicht über die Natur 
des Kapitals und Verlauf seines Entstehungsprozesses auch 
von der bürgerlichen Ökonomie erkannt wird, wenn es’ 
sich nicht mehr darum handelt, die bestehende Wirklichkeit 
zu verklären, sondern darum, diese Wirklichkeit anderswo 
neu zu schaffen, dies zeigt das Beispiel „der modernen Ko- 
lonisationstheorie.” 23) 
Dort, wo die ursprüngliche Akkumulation im wesentli- 
chen abgeschlossen war, im Westen Europas, erklärte die 
politische Ökonomie die herrschenden Produktionsverhält 
nisse „theoretisch für ihr eigenes Gegenteil”, indem sie 
diese nämlich als „einfache Warenproduktion”” beschrieb, 
jenen Hort der Freiheit, der Gleichheit und der Menschen- 
rechte, an dem jeder nur die Früchte seiner eigenen Arbeit 
in solidarischer Brüderlichkeit mit seinen Mit-Produzenten 
tauscht. Wird dagegen dieselbe politische Ökonomie in de 
Tat mit den Verhältnissen konfrontiert, die sie apologe- 
tisch der bürgerlichen Gesellschaft andichtet — es geschiel 
dies da, wO sich das kapitalistische Mutterland jungfräu- 
licher Kolonien bemächtigt, in denen unbebauter Boden 
zunächst praktisch unbegrenzt zur Verfügung steht —, 
dann schlägt ihre Preisung der paradiesischen Freiheitszu- 
stände der einfachen Warenproduktion, die im Mutterlanc 
angeblich herrschen sollen, angesichts der für das Kapital 
höchst unangenehmen Wirklichkeit solcher Zustände um 
in die praktische Analyse vorher nie wahrgenommener 
feiner historischer Unterschiede 
E.G. Wakefield, der Schöpfer einer Theorie der „syste- 
matic colonization”, die die britische Regierung jahrelang 
in Australien praktisch anwandte, ist der Mann, um den e 
hier geht. Marx beschreibt uns zunächst, aufgrund welche 
empirischer Beobachtungen der praktische Verstand des 
Mr. Wakefield zu arbeiten begann: „Zunächst entdeckte 
Wakefield in den Kolonien, daß das Eigentum an Geld, 
Lebensmitteln, Maschinen und andren Produktionsmit- 
teln einen Menschen noch nicht zum Kapitalisten stem- 
pelt, wenn die Ergänzung fehlt, der Lohnarbeiter, der 
andre Mensch, der sich selbst freiwillig zu verkaufen ge- 
zwungen ist. Er entdeckte, daß das Kapital nicht eine 
Sache ist, sondern ein durch Sachen vermitteltes gesell- 
schaftliches Verhältnis zwischen Personen, Herr Peel, jam- 
mert er uns vor, nahm Lebensmittel und Produktionsmittel 
zum Belauf von 50.000 Pfd. St. aus England mit nach dem 
Swan River, Neuholland. Herr Peel war so vorsichtig, 
außerdem 3000 Personen der arbeitenden Klasse, Männer, 
Weiber und Kinder mitzubringen. Einmal am Bestimmungs- 
platz angelangt, „blieb Herr Peel, ohne einen Diener, sein 
Bett zu machen oder ihm Wasser aus dem Fluß zu schöp- 
fen.’”” Unglücklicher Herr Peel, der alles vorsah, nur nicht 
den Export der englischen Produktionsverhältnisse nach 
dem Swan River!” 24) 
23) Vgl. MEW 23, 5. 792 ff. 
24) Vegl. MEW, a.a.0., 5. 793 f 
Die Frage, die sich nun aufdrängt, nämlich wo denn die 
„3000 Personen der arbeitenden Klasse” abgeblieben 
sind, ist leicht zu beantworten. Sie sind vermutlich, kurz 
nachdem Herr Peel sie in Neu-Holland an Land gesetzt 
hatte, ausgeschwärmt und haben sich des frei herumliegen- 
den Landes, frei vor allem von Hecken, Steinmauern und 
bissigen Hunden, selbst bemächtigt und alsbald damit be- 
gonnen, die von Herrn Peel so weitblickend geplante Pro- 
duktion auf großer Stufenleiter vollkommen unökonomisch 
in viele kleine, unabhängige „Produktionsstätten” auf ei- 
genem Grund und Boden aufzulösen. Mit den von ihm 
mitgebrachten Pfundnoten konnte Herr Peel seine selbst- 
gebaute Schilfhütte tapezieren, 
Solche unerhörten Verhältnisse, solch unökonomische 
Zersplitterung von Nationalreichtum, verbunden mit 
nicht wiedergutzumachendem Brachliegen von Kapital, 
analysierte Wakefield als die herrschenden in den ameri- 
kanischen Kolonien. Um nun die Kolonien für die Zivi- 
lisation zu retten, verfiel er auf folgende geniale Idee der 
„künstlichen”” ursprünglichen Akkumulation in den Kolo- 
nien. Marx berichtet darüber: „Wollte man allen Grund 
und Boden mit einem Schlag aus Volkseigentum in Pri- 
vateigentum verwandeln, so zerstörte man zwar die Wur- 
zel des Übels, aber auch — die Kolonie. Die Kunst ist, 
zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Man gebe von 
Regierungswegen der jungfräulichen Erde einen vom Ge- 
setz, der Nachfrage und Zufuhr unabhängigen, einen 
künstlichen Preis, welcher den Einwanderer zwingt, län- 
gere Zeit zu lohnarbeiten, bis er genug Geld verdienen 
kann, um Grund und Boden zu kaufen und sich in einen 
unabhängigen Bauern zu verwandeln. Den Fonds, der 
aus dem Verkauf der Ländereien zu einem für den Lohn- 
arbeiter relativ prohibitorischen Preis fließt, also diesen 
aus dem Arbeitslohn durch Verletzung des heiligen Ge- 
setzes von Nachfrage und Zufuhr erpreßten Geldfonds, 
verwende die Regierung andererseits um im selben Maß 
wie er wächst, Habenichtse aus Europa in die Kolonien 
zu importieren und so dem Herrn Kapitalisten seinen 
Lohnarbeitsmarkt vollzuhalten. Unter diesen Umständen 
tout sera pour le mieux dans le meilleur des mondes 
possibles . . . ” 25) 
25) Vgl. MEW, a.a.O., 5.799 f
	        

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