Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

2. ABSCHNITT 
DIE LETZTE PHASE DES HERAUSWACHSENS 
DER BÜRGERLICHEN GESELLSCHAFT AUS 
DER FEUDALEN PRODUKTIONSWEISE, DAR- 
GESTELLT ANHAND DER THEORETISCHEN 
AUFFASSUNG DER GRUNDRENTE BEI DEN 
PHYSIOKRATEN, ADAM SMITH UND DAVID 
RICARDO 
I. DIE PHYSIOKRATEN 
Im ersten Teil unserer Darstellung haben wir gesehen, daß 
die Geschichte der sogenannten ursprünglichen Akkumu- 
lation — also der Prozeß, in dem das Kapital zugleich sich 
selbst setzt als auch aus vorherigem Nicht-Vorhandensein 
gesetzt wird — ökonomisch sich darstellt in der Verwand- 
lung des feudalen Grundeigentums in das moderne Grund- 
eigentum. Die kapitalistische Form der 
Gründrente 26), d. h. der Zins auf die Vermietung des 
aller natürlichen Bande an seine Eigentümer gelösten Bo- 
dens, mit denen ihn nichts mehr verbindet als die für ihn 
gezahlte Kaufsumme, ist somit die erste spezifische Form 
des bürgerlichen Reichtums. Sie ist sozusagen das Kapital 
in seiner Bestimmung als abstrakter Reichtum, aber noch 
nicht als sich selbst heckender Wert und Mehrwert — als 
der das Kapital erst in seiner fertigen Form der großen 
Industrie voll bestimmbar ist — sondern noch in feudaler 
Hülle befangen. Dieser Zustand ist der ökonomische Aus- 
druck des historischen Widerspruchs des Kampfes zweier 
Produktionsweisen: der untergehenden feudalen und der 
aufkommenden bürgerlichen. Das kapitalistische Grund- 
eigentum ist zugleich Geschöpf wie Schöpfer des Kapitals, 
Es entstand durch die Aktion des Kapitals auf die alten, 
feudalen Formen des Grundeigentums und stellte dann 
auch aus sich heraus das Kapital entgültig auf eigene Füße, 
indem es den modernen Lohnarbeiter schuf, den „anderen 
Menschen, der freiwillig seine Arbeitskraft zu verkaufen 
gezwungen ist”, ohne den das Kapital nichts ist als ein 
Haufen nutzlosen Zeugs, ob nun als Geld oder als Arbeits- 
mittel. Im Begriff wie in der historischen Realität des mo- 
dernen Grundeigentums steckt daher ein Widerspruch: 
als Grundeigentum ‚, als Rechtstitel auf ein 
Stück Erdoberfläche, istes feudal; als moder- 
nes Grundeigentum, als verschacherbarer 
Rechtstitel auf ein Stück verschacherbarer 
Erdoberfläche, mit dem man nicht den Boden als solchen, 
sondern nur die Grundrente (praktisch als Zins 
für das im Bodenpreis verauslagte Kapital) erwirbt. ist es 
kapitalistisch.27) 
26) Vgl. MEW 25, a.a.U., S. 790 ff. 
27) Es ist im übrigen an dieser Stelle darauf hinzuweisen, daß 
dieser Prozeß der Umwandlung des feudalen Grundeigen- 
tums in modernes ein historisch notwendiger ist (der nicht 
etwa mit Bedauern zu konstatieren ıst). Denn auch im 
„gemütlichen” Feudaleigentum liegt bereits das Wesen der 
verschacherten. von wenigen auf Kosten von vielen ange- 
Die Theoretiker des modernen Grundeigentums, damit 
die Theoretiker des Agrarkapitalismus, waren die 
Physiokraten. Inihrer Theorie ist die Widersprüch- 
lichkeit des modernen Grundeigentums handgreiflich, 
gleichzeitig sind sie vom Standpunkt der Kritik der Poli- 
tischen Ökonomie aus betrachtet die „eigentlichen Väter 
der modernen (meint hier: klassischen) Ökonomie” 28), 
da sie die ersten waren, die die Entstehung des Mehrwerts 
— das Grundproblem, quasi die Gretchenfrage der klas- 
sischen Ökonomie — aus der Produktion heraus 
erklärten. Diese erste richtige Lösung des Problems der 
Herkunft des Mehrwerts geschah aber nicht in England, 
dem ersten und ältesten Land mit bürgerlicher Produk- 
tionsweise, sondern in Frankreich, einem vergleichsweise 
rückständigen Land, in dem sich der Prozeß der ursprüng- 
lichen Akkumulation viel später abspielte und das zur 
Zeit der Physiokraten noch ein rein ackerbauendes Land 
war. Auch dies ist als notwendig und nicht als zufällig zu 
begreifen, wie wir zeigen werden. Zunächst wollen wir je- 
doch in aller Kürze die Theorie der Phvsiokraten darstellen. 
Bevor Marx in den „Theorien über den Mehrwert” den Rei- 
gen der kritischen Behandlung all jener bürgerlichen Theo- 
retiker, die sich aufgrund ihrer Beschäftigung mit dem Ur- 
sprung des Mehrwerts den Namen „Ökonomen” verdient 
haben, mit den eigentlichen Vätern der Klassischen Ökono- 
mie, den Physiokraten, beginnt, geht er, quasi propädeu- 
tisch, kurz ein auf den letzten und besten Vertreter der 
„vorwissenschaftlichen Ökonomie”, Sir James Steuart. Die 
„vorwissenschaftliche Ökonomie” erklärt den Mehrwert 
aus dem reinen Austausch, d. h. also aus dem Verkauf der 
Ware über ihren Wert. Steuart.nun ist deshalb 
der „rationellste Ausdruck” jener Auffassung, da er immer- 
hin nicht mehr, wie die Ideologen des Monetar- und Merkan- 
tilsystems, von dem Wahn befallen ist, daß der Verkauf der 
Waren über ihren Wert eine positive Vermehrung 
des Reichtums sei 29) 
Steuart unterscheidet nämlich, allerdings ohne diese Unter- 
scheidung weiter analytisch zu verfolgen, zwischen poSi- 
tivem und relativem Profit. Positiver Profit 
ist für Steuart Vermehrung von stofflichem Reichtum, be- 
deutet für niemanden einen Verlust, wohingegen relativer 
eigneten’ Erde; das’schändliche Monopol auf Stücke des un- 
erläßlichen Lebenselements allet Menschen. Marx schreibt 
hierzu in etwas pathetischem Tonfall der „Pariser Manu- 
skripte”: „(Es ist) nötig, daß das Grundeigentum, die 
Wurzel des Privateigentums, ganz in die Bewegung des 
Privateigentums hineingerissen und zur Ware wird, daß die 
Herrschaft des Eigentümers als die reine Herrschaft des 
Privateigentums, des Kapitals, abgezogen von aller poli- 
tischen Tinktur erscheint, daß das Verhältnis zwischen Ei- 
gentümer und ;Arbeiter sich auf das nationalökonomische 
Verhältnis von Exploiteur und Exploitiertem reduziert 
„.. Es ist notwendig, daß, was die Wurzel des Grundeigen- 
tums ist, der schmutzige Eigennutz, auch in seiner zynischen 
Gestalt erscheint.” 
(zit. nach K. Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 
Leipzig 1970, S. 145). 
K. Marx, Theorien über den Mehrwert, Teil 1, Marx-Engels- 
Werke, MEW 26.1, Berlin, DDR 1971, 5. 12. 
Vel. dazu auch MEW 23, a.a.O., $.75. 
28) 
29)
	        

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