Volltext: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1973, Jg. 5, H. 17-20)

II. DIE DIFFERENTIALRENTE

Der allgemeine Begriff der Differentialrente

„Das Eigentümliche (der Grundrente, d. Verf.) ist, daß
mit den Bedingungen, worin sich die Agrikulturprodukte
als Werte (Waren) entwickeln, und mit den Bedingungen
der Realisation ihrer Werte auch die Macht des Grundeigentums
 sich entwickelt, einen wachsenden Teil dieser
ohne sein Zutun geschaffenen Werte sich anzueignen, ein
wachsender Teil des Mehrwerts sich in Grundrente verwandelt.”
 50)

Unter den Bedingungen entwickelter kapitalistischer Produktionsverhältnisse
 werden die Werte der Waren zu Produktionspreisen
 ausgeglichen, und die Produktionspreise
regulieren die Marktpreise der betreffenden Waren; (Der
Produktionspreis setzt sich zusammen aus den Kostenelementen
 konstantes und variables Kapital, d. h. dem Kostpreis
 der Ware, und aus dem Durchschnittsprofit). Die
durchschnittlichen Marktpreise der Waren sind also gleich
ihren Produktionspreisen. Man muß nun annehmen, daß
dies auch für Produkte gilt, die über ihren Durchschnittsprofit
 hinaus noch eine Rente abwerfen, wie zum Beispiel
 Boden- und Berwerksprodukte.

„Es fragt sich dann, wie unter dieser Voraussetzung sich
eine Grundrente entwickeln, d. h. ein Teil des Profits sich
in Grundrente verwandeln, daher ein Teil des Warenpreises
 dem Grundeigentümer anheimfallen kann.” 51)

Marx macht dies an einem Beispiel klar: Nehmen wir an, in
einem Lande würde die überwiegende Mehrzahl von Fabriken
 mit Dampfmaschinen betrieben, einige wenige jedoch
 durch natürliche Wasserfälle. Da Dampfmaschinen
und Kohlen als bereits vergegenständlichte Arbeit höheren
 Aufwand an Kapital erfordern, als die Anwendung des
von Natur vorhandenen Wasserfalls, können diese wenigen
Fabriken billiger produzieren als die Mehrzahl. Sie würden
aber genauso teuer verkaufen wie jene, denn der Marktpreis
 wird reguliert vom durchschnittlichen Produktionspreis
 unter durchschnittlichen Produktionsbedingungen.
Unser individueller Kapitalist, dessen Kapital unter ausnahmsweise
 günstigen Bedingungen fungiert, verkauft die
Waren zum allgemeinen Produktionspreis, der höher liegt
als sein individueller. Die Differenz ist für den Kapitalisten
 zusätzlicher, also Surplusprofit, denn der allgemeine
oder Durchschnittsprofit ist im allgemeinen Produktionspreis
 bereits enthalten.

Gesetzt, der Kapitalist ist nicht selbst Eigentümer des Wasserfalls,
 und der Besitzer dieser Naturkraft fordert den auf
sie zurückgehenden Surplusprofit für sich als Rente, so ist
es klar, „daß diese Rente immer Differentialrente ist.

50) a.a.0., 5.6532.
51)  a.a.0., S. 653.

denn sie geht nicht bestimmend ein in den allgemeinen
Produktionspreis der Ware, sondern setzt ihn voraus. Sie
entspringt stets aus der Differenz zwischen dem individuellen
 Produktionspreis des Einzelkapitals, dem die monopolisierte
 Naturkraft zur Verfügung steht, und dem allgemeinen
 Produktionspreis des in der fraglichen Produktionssphäre
 überhaupt angelegten Kapitals.” 52)

Diese Differenz ist begrenzt einerseits durch den allgemeinen
 Produktionspreis, andrerseits durch den individuellen
Kostpreis: Bei Anwendung des Wasserfalls kann das Produkt
 mit weniger Arbeit hergestellt werden, es hat weniger
Wert, oder anders herum: Eine gleiche Menge Arbeit erzeugt
 größeres Produkt. Die Produktivkraft der Arbeit ist
gestiegen.

Für den Einzelkapitalisten stellt sich dies dar als ein Sinken
 seines Kostpreises und damit des Produktionspreises.
Die andere Grenze bildet der allgemeine Produktionspreis.
Würde er fallen, weil in unserem Beispiel möglicherweise
Kohlen für die Dampfmaschinen billiger zu haben wären,
so müßte die Differenz,folglich auch der Surplusprofit
sinken. Würde gar der allgemeine Produktionspreis auf
das Niveau des vorher begünstigten fallen, so verschwände
der Surplusprofit ganz. „Diese Grundrente entspringt
nicht aus der absoluten Erhöhung der Produktivkraft
des angewandten Kapitals, resp. der von ihm angewendeten
 Arbeit, die überhaupt nur den Wert der Waren vermindern
 kann, sondern aus der größeren relativen Fruchtbarkeit
 bestimmter, in einer Produktionssphäre angelegter
Einzelkapitale, verglichen mit den Kapitalanlagen, die von
diesen ausnahmsweisen, naturgeschaffenen Gunstbedingun
gen der Produktivkraft ausgeschlossen sind.” 53)

Der Surplusprofit in unserem Beispiel unterscheidet sich
von der allgemeinen Art des Surplusprofits in einem wesentlichen
 Punkt: Die Bedingung, die ihn ermöglicht, ist
eine Naturkraft besonderer Ausprägung. Selbstverständlich
benutzt das Kapital überall in der Industrie Naturkräfte
{vgl. den Dampf in der Dampfmaschine), um den Kostpreis
 der Produkte zu verringern. Hier entspringt jedoch
der Surplusprofit aus der Tätigkeit des Kapitals selbst. Da
diese Tätigkeit aber allem Kapital freisteht, wird der anfängliche
 Surplusprofit eines Einzelkapitals bei allgemeiner
 Anwendung auf den Durchschnittsprofit gekürzt. Der
allgemeine Produktionspreis ist dann gesunken, entsprechend
 der Marktpreis, die Ware ist also billiger geworden.
Bei Anwendung der Naturkraft Wasserfall gilt dies jedoch
nicht. Der Surplusprofit entspringt hier nicht der Tätigkeit
 des Kapitals, sondern der größeren „naturwüchsigen”
Produktivkraft der Arbeit, gebunden an die Benutzung
einer Naturkraft, die dem Kapital als ganzem nicht zur
Verfügung steht. „Die Naturkraft ist nicht die Quelle des
Surplusprofits, sondern nur eine Naturbasis desselben,
weil die Naturbasis der ausnahmsweise erhöhten Produktivkraft
 der Arbeit.” 54)

52) a3.a.0., 5.659.
53) 2.8.0., 5. 659.
54) a.a.0., 5. 659 £.

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