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Juan Rodriguez-Lores
WARUM BOLOGNA?
BEMERKUNGEN ZU EINER STRATEGIE
VON POLITISCHER PLANUNG
I. Der allgemeine Kontext der Stadtplanung in
Bologna
Die Ursprünge der heutigen Planungspolitik und —
praxis der Kommune Bologna reichen bis zum Ende der
50er Jahre. Die rasche Industrialisierung Norditaliens
nach dem Krieg, die Begleitprozesse der massiven Einwanderung
von Arbeitskräften aus dem Süden und aus
dem Land in die großen Städte, die unhaltsame Verstädterung
stellen auch die Planung in Bologna vor die
anderenorts viel früher aufgetretenen Probleme der
Steuerung einer scheinbar zwangsläufigen Entwicklung:
expansive Urbanisation bei Zerstörung der herkömmlichen
baulichen und sozialen Strukturen und des Gleichgewichts
mit dem Umland, Verschärfung des Gefälles in
der unterschiedlichen Ausstattung in den verschiedenen
Teilen der Stadt und auf dem Land, Entfaltung und Zentralisierung
der Verwaltung und Entscheidungsinstanzen,
Verschärfung der Wohnfrage, deren Lösung auf
Grund der spekulativen Prozesse widersprüchlicherweise
immer mehr an die private Initiative delegiert wird usw. 1)
Die hier anfangs der 60er Jahre entstandene Planungspolitik
Bolognas orientiert sich von vornherein nicht auf
die Steuerung, sondern auf die Blockierung dieser Entwicklung
und schrittweise_auf deren Umkehrung in einer
ganz anderen Richtung. Damit hebt sie den Schein
falscher Objektivität der städtischen Prozesse auf. Die
Grundprinzipien dieser Planungspolitik — Planung im
Nicht-Wachstum 2), öffentlich-kommunale und von
unten heranwachsende demokratische Kontrolle des Objektes
und der Instrumente der kommunalen Planung —
setzen sich in der Planungspraxis der 60er Jahre nur langsam
durch. Ihre erste klare Formulierung erhalten sie in
dem „Piano per il Centro | Storico” (1969) und dem
„Piano Regolatore Generale” (1972). *
Da diese planungspolitischen Prinzipien nicht in der
Natur der neuen städtischen Probleme als Problem kapitalistischen
Wachstums gegeben waren, mußten ihre objektiven
Realisierungsbedingungen mühsam aus den tiefgreifenden
strukturellen Veränderungen des politisch-ARCH+
7. Jg. (1975) H. 26
ff
gesellschaftlichen italienischen Systems seit Ende der
50er Jahre bis heute hergeleitet werden. Die politische
Reformbewegung — auch was die Stadtplanung betrifft
— ist nicht bei der Durchsetzung sozialreformerischer
Gesetze (die Wohnungsbaugesetze „167” von 1962 und
„865” von 1971), welche in den meisten Städten eher
eine rückschlagende Wirkung gehabt haben 3), stecken
geblieben, sondern sie hat immer breitere Schichten der
Bevölkerung 4) und die traditionellen politischen und _
kulturellen Institutionen (Parteien, Gewerkschaften, innenbetriebliche
Organisationen, Universität, bes. die,
Architekturfakultäten) 9) mobilisiert und sie in die theoretische
und politische sowie technische Praxis der Stadt-‘planung
eingezogen. Letztlich hat sie die strukturelle
Verbindung zwischen dem Kampf um soziale Reformen
in den Fabriken und in den Städten in Ansätzen.hergestellt.
Parallell zu dieser Reformbewegung und in engster
Abhängigkeit mit ihr haben sich Organisationsform
wie Programm von linken Parteien wie Gewerkschaften
weiterentwickelt. Am Ender der 50er Jahre wird die alte
Auseinandersetzung um die Arbeiterkontrolle, die in
den 20er Jahren die „Ordinovisten” in der neugegründeten
KPI ausgetragen hatten, neu aufgegriffen. 6) Sie hat
nicht nur zu Spaltungen in den großen sozialistischen-und
in der kommunistischen Partei geführt. Diese Organisationen,
die zum größten Teil politische Träger der massenhaften
Reformbewegung geblieben sind, waren bald
dem unmittelbaren Druck ihrer in den letzten Jahren
sich intensiv vermehrenden Basisorganen, die ihre politische
Praxis wesentlich im lokalen Raum praktizieren,
ausgesetzt; sie haben sich immer mehr den lokalen und
außerbetrieblichen Problemen der Bevölkerung öffnen
müssen; die verfolgte Politik der lokalen Autonomie
(der Autonomie der Region, der Kommune, des Quartiers)
fand in dieser intern veränderten Machtkonstellation
der politischen Organisationen und in der spontanen
Bildung von Bevölkerungsorganisationen ihren Motor.
Nicht nur die Stadtplanung konnte damit während
der 60er Jahre eine immer zentralere Stellung in der
Programmatik der linken Parteien und Gewerkschaften
einnehmen; es konnte auch eine politische Strategie zur
demokratischen Kontrolle der staatlichen Gewalt entwickelt
werden, die die Kommune und die Region als
Konfliktfeld der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung
bevorzugt und deren Angelpunkt die
die neuere Stadtplanung bestimmende und zunächst als
bürokratisches Konzept entstandene „Dezentralisierungs
politik” ist 7). Das in diesem Bereich bereits institutionell
Durchgesetzte — die regionale Reform anfangs der
70er Jahre, die Quartiersräte in vielen Städten — und
alles, was noch auf dem Programm der Reformen steht
— etwa die Steuerreform —, kann keine definitive Garantie
für demokratische Kontrolle sein; es kann lediglich
perspektivistisch die Durchsetzungskraft der Autonomiebewegung
stützen.
Dieser gesamtitalienische Kontext enthält weitentwickelte
Ansätze, um die Stadtplanung als theoretische,