Inhalt / Download: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (ab H. 28: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen) (1975, Jg. 7, H. 25-28)

ARCH+ 7. Jg. (1975) H. 26

politische und technische Praxis den angeblichen Sachzwängen
 des Systems zu entziehen und sie als Sache der
Mobilisierung der Bevölkerung in der Vermittlung von
weitgehend kontrollierbaren politischen Trägern zu konzipieren
 und durchzusetzen. Hier in diesem Kontext wurden
 in Bologna im Verlauf der 60er Jahre planerische
Maßnahmen getroffen und Planungsinstrumente geschaffen,
 die die planungspolitischen Prinzipien der Blockierung
 kapitalistischer Entwicklung und der öffentlich-demokratischen
 Kontrolle der Planung zur Realisierung
verhelfen sollten und die die instrumentelle wie politische
 Basis für die aus zahlreichen Veröffentlichungen
auch in der BRD bekannte Planungspraxis der 70er Jahre
 darstellen. Beschränkung des Bevölkerungswachstums
der Kommune auf maximal 580.000 Ew. 8) die Festlegung
 der. g der urbanisierbaren Bodenfläche in kommunalen
und interkommunalen Plänen 9) die Herabsetzung der
gesetzlich fixierten Verdichtungsindices auch für die bereits
 bestehenden oder schon geplanten Wohngebiete 10),
der vorsorgliche Aufkauf von Bodenflächen und Gebäuden
 unter extensiver Anwendung der Enteignungsgesetze,
die Ausweisung des größten Teils des städtischen Gebietes
 für die öffentliche Nutzung und damit die Bindung
der in Bologna bedeutenden historischen Bausubstanz
und grünen Zone (Hügelgebiet) für gemeinschaftliche
Dienstleistungen und Einrichtungen kollektiver Konsumsformen
 11), die Erhaltung der Typologie der Quartiere
der Peripherie, Schutzpläne für die Landwirtschaft, die
Erstellung von großangelegten Plänen im Bereich des sozialen
 Wohnungsbaues 12), die Bildung eines interkommunalen.
 Planungsverbandes (‚‚Comprensorio”) 13) — all
dies waren Maßnahmen, die die Stadtplanung zum grossen
 Teil, meist jedoch nur in technischer Hinsicht, unter
die öffentliche Kontrolle der Kommune hätten stellen
können. Die Verwirklichung jedoch einer Planungspolitik
 im Rahmen des Nicht-Wachstums — Verteilung des
notwendigen Wachstums im sekundären und tertiären
Sektor auf das Umland, Umkehrung des quantitativen
baulichen Wachstums in ein qualitatives (z.B. durch Aufwertung
 der bestehenden Bausubstanz nicht nur im historischen
 Zentrum, sondern auch in den Quartieren der Peripherie
 durch Förderung der Einrichtungen für soziale
Dienstleistungen als zentrale Struktur des städtischen
Gefüges) — um damit auch zu einer gesellschaftspolitischen
 Kontrolle zu gelangen, verlangte Maßnahmen anderer
 Natur: eine neue gesetzliche Ordnung, wo der „Wert
von Grund und Boden durch kein anderes Kriterium bestimmt
 wird als durch die von der menschlichen Arbeit
produzierten Werte”, wo der „Primat der Arbeit über
das Kapital”, die „Trennung von Bau- und Eigentumsrecht”
 usw. 14) anerkannt wird; hier konnten die „Kriterien
 einer technokratischen von oben bestimmten Planung”
 15) nicht weiterhelfen, sondern die Auseinandersetzung
 mit den Zwängen des Systems mußten von der
stadtplanerischen an die politische Ebene verlagert werden;
 die heutige noch entwicklungsbedürftige politische
Basis demokratischer Planung und Verwaltung in Bologna
 — die Quartiersräte mit ihren Partizipationsinstrumen-5°



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ten (Versammlungen, offene Kommissionen, Zonrenräte,
Fabrikräte usw.) und die alle ökonomischen Bereiche umfassende
 genossenschaftliche Bewegung, die eine Allianz
antimonopolistischer Kräfte darstellen — ist das Ergebnis
von langjährigen Kampferfahrungen im kommunalen Planungsbereich,
 die der Piano RG von 1972 in der Einsicht
zusammenfaßt, daß „die Kontrolle über die Nutzung und
die Verwendung des Territoriums ein sehr aktuelles Feld
des Klassenkampfes ist”, das sich wohl nicht autonom
entfaltet, sondern konkret an den Stand des Kampfes auf
nationaler Ebene anknüpfen soll. 16)
“Der Durchbruch in die internationale Planungsdiskussion
 gelang Bologna Anfang der 70er Jahre allein durch
einen, damals noch in Vorbereitung und erst 1973 verabschiedeten
 sektoralen und kleinangelegten Plan — den
„PEEP-Centro Storico” 17) — dessen städtebaulicher
Wert vor allem in zwei Punkten exemplarisch hervortrat:
die ökonomische wie architektonische Operationalisierung
 der Idee der „erweiterten Erhaltung” 18) und die
Verkoppelung eines denkmappflegerischen Erhaltungsplans
 mit einem Sanierungsplan im Rahmen des kommunalen
 Programms für den sozialen Wohnungsbau. Die
auffälligsten Grenzen des Plans liegen darin, daß er nur
ein Fünftel des historischen Zenträums erfaßt. Dies hat
zu einer verkürzten Perzeption der Stadtplanung in Bologna
 geführt, die Anlaß geworden ist einerseits zu illusorischen
 Übertragungserwartungen eines „beispielhaften”
 Sanierungsmodells und andererseits zu skeptischen
Urteilen, die die sektoralen Grenzen des Plans „aufdeckten”
 bzw. dessen Realisierungschancen in den Möglichkeiten
 des Systems mit Recht verneinen. Erst in letzter
Zeit ist entdeckt worden, daß die instrumentelle und
konzeptionelle Matrix des Plans mindestens der „Piano
per il Centro Storico” von 1969 und der „Piano Regolatore
 Generale” von 1970—72 sind 19); ebenso, daß die
politische Matrix des Plans und der Bologneser Stadtplanung
 überhaupt nicht direkt in der politischen Struktur
 des Systems, sondern in einem neuen, zum Teil bereits
 institutionell gesicherten Zusammenhang der politischen
 und gesellschaftlichen Kräfte 20) verankert war.
Die hier hergestellte Verquickung von Planung und Politik
 gilt es noch zu rekonstruieren.
Das Ziel dieses Artikels ist nicht, einen weiteren Beitrag
 zu den besonders in der ersten Phase der Perzeption
 zahlreichen Beschreibungen des Bologneser Sanierungsexperimentes
 zu liefern; Ziel ist, in Anlehnung
an die letzten Bemühungen, auch das politische Phänomen
 „Bologna” zur Sprache zu bringen und Bologna
als einen Versuch darzustellen, Politik und Stadtplanung
in einer neuartigen Weise in Verbindung zu bringen. Bologna
 soll als Beispiel alternativer Politik verstanden werden,
 auf deren Basis neue, mit den äußeren Bedingungen
wechselnde Planungs-, Modelle” aufgestellt werden können,
 deren Realisierungschancen dann nicht mehr im
Lichte der immanenten Möglichkeiten des Systems, sondern
 im Lichte der vollzogenen Veränderungen im kommunalen
 politischen Kontext diskutiert werden müssen.
Hierin und nicht so sehr in dem spezifischen Sanierungs-
	        
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