ARCH+ 7. Jg. (1975) H. 27
EDITORIAL: TENDENZWENDE ?
ARCH+ wird nun seit etwa zwei Jahren von der gegenwärtigen
Redaktion herausgegeben. Allein das wäre
Anlaß genug für einen selbstkritischen und — natürlich —
vorwärtsgerichteten Rückblick, eine Diskussion der Einseitigkeiten,
Mängel und Lücken der bisherigen Publikationspraxis
und der ihr möglicherweise zugrundeliegenden
politischen Fehleinschätzungen. Das Konzept, mit
dem diese Redaktion vor zwei Jahren angetreten ist,
bedarf angesichts der neueren politischen Entwicklung,
die Journalisten „Tendenzwende“‘ genannt haben, einer
Revision. Oder genauer: angesichts dieser Entwicklung
werden Fehler der bisherigen Konzeption und Publikationspraxis
deutlich, welche für die Zukunft eine Korrektur
erfordern. *
I. Schwächen der bisherigen Publikationspraxis
1. Unvermeidbare Schwächen einer kleinen Zeitschrift
Freilich sind nicht alle Mängel von ARCH+ allein auf
Fehler der Konzeption zurückzuführen: eine Zeitschrift
mit einer Auflage von 2.000 Exemplaren hat kaum aufhebbare
Strukturgrenzen, eine „ehrenamtliche“ Redaktion
hat nur eine begrenzte Kapazität: die Zeitschrift
kann nicht besser sein, als eben die Kontakte der Redaktionsmitglieder
zu Autoren und politisch-praktisch arbeitenden
Gruppen. Mangelnde Aktualität, zu geringe sachliche
Breite des Inhalts der Hefte, ja die Vernachlässigung
ganzer möglicher Zielgruppen haben so zunächst auch
strukturelle Ursachen, die nur durch eine Verbreiterung
des Kreises der ständigen Mitarbeiter zu überwinden sind.
Daß es bisher kaum gelungen ist, die nötigen Anreize für
solche Mitarbeiter zu schaffen, liegt jedoch offenbar
nicht allein an den Strukturgrenzen einer kleinen Zeitschrift.
2. Strukturelle Schwächen und Einseitigkeiten der
Publikationspraxis
Erscheinungen wie eine gewisse Exklusivität, die zumindest
zeitweilige Tendenz, aus ARCH+ so etwas wie
eine bereichsspezifische PROKLA-Imitation zu machen,
oder der selbst noch durch das Layout unterstrichene Anspruch
auf wissenschaftliches Niveau, welcher sowohl
mehr fachspezifische, als auch situations-spezifische, politische
Berichte und Kommentare tendenziell ausschließt,
sind sicherlich kein notwendiges Charakteristikum einer
kleinen Zeitschrift, sondern von dieser Redaktion zu verantworten.
ARCH ist immer noch zu sehr eine Zeitschrift von
linken Intellektuellen für linke Intellektuelle. Eben das
darf es nicht sein, wenn es zu einem „Trägerorgan“ 1)
im Sinne eines von der politischen und fachlichen Diskussion
progressiver Architekten und Planer, wie auch von
politisch arbeitenden Gruppen getragenen Organs werden
soll. Bisher ist es ARCH+ noch nicht gelungen, aussagekräftig
zu werden für das gesamte Spektrum derer,
welche sich bewußt oder de facto antikapitalistisch oder
kritisch mit den Bedingungen und Resultaten der Produktion
gebauter Umwelt befassen, seien es an strukturellen
Reformen interessierte Architekten und Planer,
basisdemokratische Initiativen oder linke Gruppen in
oder außerhalb der SPD.
Die fachliche Biskussion auch theoretisch zu fundieren,
war von Anfang an die Absicht dieser Redaktion,
und es gibt keinen Grund, diese Absicht zu ändern. Allerdings
ist es zum Teil bei der Absicht geblieben 2),
oder die Art und Weise, wie diese Absicht verfolgt wurde,
hat gewisse sektiererische Eierschalen nicht restlos
abschütteln können. So zielten die Beiträge in ARCH+
vielfach an den Aktualitäten der fachlichen Diskussion
ebenso vorbei, wie an den jeweils akuten politischen Konflikten
in den Bereichen, mit welchen Architekten und
Planer beruflich befaßt sind. Im letzten Heft erst erschien
ein Artikel über Modernisierung, vom Frankfurter
Häuserkampf war in ARCH+ nie etwas zu lesen, über
Whyl wurde bisher noch nichts berichtet. Rühmliche
Ausnahmen, welche die Bemühungen der Redaktion
zeigen, hieran etwas zu ändern, sind z.B. die Milieudiskussion
oder die Berichte über das als Importgut mißverstandene
„Modell‘“ Bologna. — Kontakte zu politisch
arbeitenden Gruppen, die sich in ARCH+ niedergeschlagen
hätten, hat es mit Ausnahme der Beziehung zu
einer Fachgruppe der Berliner IGBSE nicht gegeben, obwohl
solche Kontakte die notwendige Voraussetzung dafür
sind, ARCH+ auch zu so etwas wie einem Organ arbeitender
Gruppen zu machen. Der BDA wurde zwar richtig
als Quasi-Unternehmerverband dargestellt, seine architekturideologischen
Positionen oder Reformkonzepte jedoch
ignoriert. Das ständisch-berufsspezifische Moment dieser
Ideologie3) erledigt sich freilich nicht von selbst mit dem
Hinweis auf die klassenmäßige Funktion dieses Verbandes.
Ebenso fraglich ist es, ob die Produkte der Arbeit der vielgeschmähten
kleinen Büros aufgrund einer Kritik ihrer Unternehmensform
hinreichend eingeschätzt werden können.
Die Gefahr, daß die politische Bedeutung von Alternativkonzeptionen
zur üblichen Bau- und Planungspraxis
nicht richtig erfaßt werden konnte, da diese Alternativen
sich eben primär fachlich und nicht bewußt poli-