Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (ab H. 28: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen) (1975, Jg. 7, H. 25-28)

ARCH+ 7. Jg. (1975) H. 27 
die Stadt, eine Ganzheit, in drei Städte zerlegen wollte. 
Man muß diesem Argument gegenüber fragen, ob die 
Stadt, die man zurückruft, in der Tat noch eine Ganz- 
heit gewesen ist. Mir scheint, sie war dafür bereits zu 
groß. Aristoteles hat den Satz geprägt: „Zehn Menschen, 
das macht noch keine Stadt, hunderttausend sind keine 
Stadt mehr.” Er hat die Zahl zu niedrig gegriffen. Was 
aber an seinem Satz wichtig ist, ist der Begriff der obe- 
ren Grenze. In Berlin war sie lange schon überschritten. 
Wer ein Milieu zurückwünscht — in dem zu leben, nota- 
bene, niemand von denen verdammt war, die es mit so 
viel Gefühl zurückrufen —, der sollte sich sagen: so ein 
Milieu ist kein Spaß. Schließlich hat der gleiche Hein- 
rich Zille, der es so liebevoll geschildert hat, von seinen 
Wohnungen gesagt, man könne mit ihnen einen Men- 
schen ebensogut töten wie mit einer Axt. Der berühmten 
Eckkneipe entsprach die Zweizimmerwohnung: Stube, 
Küche, kein Klo geschweige denn ein Bad, in der sieben 
Menschen hausten und gelegentlich noch ein Schlafbur- 
sche. Der Hinterhof, nach dem man sich zurücksehnt: 
nun, Sie kennen ihn ja. Die Mischung der Funktionen, 
die sich dort abspielten, haben Sie aber wahrscheinlich 
nicht erlebt. Die Trennung der Funktionen, welche die 
Charta von Athen vorschlägt, mag zu weit gehen. Es gibt 
aber auch eine Mischung der Funktionen, die zu weit 
geht: es ist die, die in der „gemordeten Stadt‘“ vorherr- 
schte. Und die Architektur der Putten und Karyatiden, 
die auf viele heute so anziehend wirkt, nun sie war nicht 
mehr echt; ihr Ziel war, was man heute Verschleierung 
nennt. 
Erlauben Sie mir, in kurzen Sätzen zusammenzufas- 
sen, was wir bisher gefunden haben: 
Der Funktionalismus ist der Beginn der neuen Archi- 
tektur. Aber er ist nicht die neue Architektur. Er ist ein 
historisches Phänomen sui generis. 
Der Funktionalismus wird als fons et origo für die neue 
Architektur verantwortlich gemacht, von links und von 
rechts. Dabei bedient sich die linke Kritik gewisser Argu- 
mente, welche ursprünglich von den Nazis geprägt wor- 
den sind — und von den alten Rauschebärten. Geändert 
hat sich dies: der Funktionalismus wird nicht, wie da- 
mals, als Zerstörer der Landschaft verdammt, sondern 
als Auflöser der Städte: Urbanität versus Funktionalismus 
Aber die neue Kritik hat mit der alten die Romantik ge- 
meinsam: beide sehnen sich nach dem, was unwieder- 
bringlich dahin ist. Beide beschwören falsche Leitbilder. 
Der Kern aber jeder Kritik ist der Vorwurf, daß der 
Funktionalismus vom Zweck ausgegangen sei und an 
Nichts anderes gedacht habe als an den Zweck. Man hat 
dafür einen unschönen Ausdruck geprägt: zweckratio- 
nal. Zweckerfüllung war das Ziel, das Mittel die Heraus- 
Stellung des Zweckes oder der Zwecke durch Analyse, 
durch Teilung des Problems in eine Anzahl von Bedin- 
gungen. Jeder Bedingung entsprach dann eine eigene 
Antwort: also wieder Teilung. Die Charta von Athen 
hat die Stadt in drei Zweckbereiche geteilt, Le Corbusier 
hat bereits 1910 die drei Aufgaben der Wand, daß sie 
stütze, daß sie schütze, daß sie teile, isoliert und jeder 
Aufgabe ein eigenes Organ zugewiesen: Stützwerk, Scha- 
le, Wandschirme. Mies ist seit Barcelona ebenso verfahren. 
Häring stellte bestimmte Fragen an das Haus und wollte, 
daß es ihnen sichtbar genüge. Immer handelte es sich um 
eine endliche, meist um eine ganz kleine Anzahl von Be- 
dingungen; ja, es ist vorgekommen, daß man nur eine 
Bedingung nannte wie Duiker in jener erstaunlichen Er- 
klärung, die er zu seinem Glasturm, der Schule in Hilver- 
sum gegeben hat: er spricht in ihr von nichts anderem 
als von dem Bedarf der kindlichen Haut an ultraviolet- 
ten Strahlen. Macht man aus der Bedingung eine Defini- 
tion, so lautet sie so: eine Schule ist eine Falle für ultra- 
violettes Licht. 
Gegen dieses Verfahren besonders hat die Kritik sich 
gewandt. Sie hat es intellektuell genannt: Der Intellekt 
analysiert, er erkennt Ganzheiten nicht an. Der Funktio- 
nalismus ist die Sünde des Intellekts wider den Geist. 
Nur am Rande möchte ich des Unbehagens Erwäh- 
nung tun, welches mich überkommt, wenn man den In- 
tellekt verteufelt: dies erinnert an dunkle Zeiten. Ich 
möchte Sie daran erinnern, daß Kleist gesagt hat, wir 
müßten weiter vom Baume der Erkenntnis essen, um 
wieder in den Stand der Unschuld versetzt zu werden. 
Denn da wir einmal davon gegessen haben, ist auf unse- 
re Instinkte kein Verlaß mehr, und die verbotene Frucht 
ist die einzige, die uns noch erlaubt ist. Kleist weist hier 
auf die Schwierigkeit hin, in der das Kreative sich befin- 
det, seit die Analyse so stark die Oberhand gewonnen 
Hat. Daß sie aber die Oberhand gewonnen hat ist kein 
Zufall; und das Datum, in dem Kleist seine bedeutende 
Feststellung gemacht hat, ist auch kein zufälliges Datum. 
Er schrieb am Beginn der wissenschaftlichen Revolution, 
welche, drückt man es materialistisch aus, ein Teil der 
industriellen Revolution gewesen ist. In ihr wird der Pro- 
zeß der Teilung in der Arbeitsteilung sichtbar, welche 
seither mit immer zunehmendem Momentum alle Berei; 
che des Lebens durchsetzt und zersetzt. Die Kritik des 
Funktionalismus von links hat eben diesen Punkt be- 
tont, um zu zeigen, wie eng der Funktionalismus mit dem 
Mechanismus der kapitalistischen Industrie verbunden ist. 
Wir haben bereits gehört, was Hannes Meyer 1938 darü- 
ber zu sagen hatte: daß der Funktionalismus der Erfül- 
lungsgehilfe der großen Trusts gewesen sei. Darum hat 
er analysiert, geteilt, die Ganzheit zerstört. Und hat er 
nicht selbst eingestanden, daß das seine Rolle war? Gro- 
pius sagt im Programm für das Dessauer Bauhaus 1926: 
„Die Lebensbedürfnisse der Mehrzahl der Menschen sind 
in der Hauptsache gleichartig. Haus und Hausgerät sind 
Angelegenheiten des Massenbedarfs” und durch „die ty- 
penschaffende Maschine“ zu befriedrigen. „Eine Verge- 
waltigung des Individuums durch die Typisierung ist 
nicht zu befürchten.” 
Gropius ist also offenbar von der Massenherstellung 
ausgegangen und hat die Gleichheit der Bedürfnisse po- 
stuliert. Man kann auch sagen, daß er sie dekretiert ha- 
be. Auf jeden Fall hat es sich für ihn erübrigt, die Men- 
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