Volltext : ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (ab H. 28: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen) (1975, Jg. 7, H. 25-28)

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Christoph Feldtkeller

DIE GESELLSCHAFTLICHE FUNKTION DER
ARBEIT DES ARCHITEKTEN

Einleitende Bemerkungen

Diskussionszusammenhang

Die folgenden Ausführungen.beziehen sich auf die
Kontroverse zur Frage des kritischen Engagements in
der Berufspraxis, die entstand durch den in der Phase
der Studentenrevolte von einem grossen Teil der Architekturstudenten
 energisch verfochtenen Standpunkt,
die architektonische Planung von einer gesellschaftskritischen
 Position aus angehen zu müssen — und zu können,
 und durch die aus dieser Bewegung hervorgehende
(Selbst)kritik, in der der Standpunkt vertreten wird,
daß eine derartige, an den Lebensbedürfnissen orientierte
 Planung unter den bestehenden ökonomischen
Verhältnissen nicht durchsetzbar sei. 1) Indem in dieser
 Kritik der Produktionsprozess als Kapitalverwertungsprozeß
 gesehen, somit der Tauschwertcharakter
der Produkte hervorgehoben wird, an deren Produktion
der Architekt beteiligt ist — wenn man einmal absieht
von der nur mittelbar auf den Kapitalverwertungsprozeß
 bezogenen Planung beim Staat und von der Planung
von Gebäuden für den privaten Konsum durch den Auftraggeber
 selbst —, werden gewisse Illusionen bezüglich
der Gebrauchswertbestimmung dieser Produkte überwunden.
 Indem der Produktionsprozeß aber nur als
Verwertungsprozeß, nicht auch als Arbeitsprozeß betrachtet
 und der Konsumtionsprozeß außer acht gelassen,
 also die gesamte Gebrauchswertseite ausgeblendet
wird, 2) bleibt auch die so notwendige Untersuchung
dieser Produkte in ihrem Gebrauchswertcharakter aus.
So verbleibt aber die Kritik im Banne eines weit
verbreiteten, auch dem ersten Standpunkt zugrundeliegenden
 Wunschbilds bezüglich der Aufgabe des Architekten,
 und erreicht somit nicht die notwendige Grundlage,
 um die gesellschaftliche Funktion der Arbeit des
Architekten richtig bestimmen, und die Frage des kritischen
 Engagements in der Berufspraxis realistisch beantworten
 zu können. 3)

Feldtkeller

Erfahrungshintergrund

Die Konzeptionen, die ich darlegen werde, entstanden
im Zusammenhang mit meiner beruflichen Erfahrung
in der Schulplanung und der Schulforschung. Ich werde
deshalb als erläuternde Beispiele zu meinen Ausführungen
Erfahrungen aus diesen Bereichen heranziehen. Im Rahmen
 der Schulplanung war ich befaßt mit der sog. Programmierung,
 also der Ermittlung und Zusammenstellung
von Anforderungen bezüglich der zu planenden Gebäude
unter dem Gesichtspunkt ihrer Eignung für die geplanten
 Tätigkeiten. Im Rahmen der Schulforschung war ich
befaßt mit Untersuchungen in in Betrieb genommenen
Schulgebäuden im Hinblick auf ihre Eignung für die darin
 stattfindenden Tätigkeiten. Von besonderer Relevanz
für mein Thema war bei dieser Arbeit die aufgrund der
Innovation im pädagogischen Bereich während der Aufschwungphase
 der Schulreform erforderliche enge Verflechtung
 zwischen der architektonischen und der pädagogischen
 Ebene der Planung und Forschung, die eine
Explikation des Gegenstands der architektonischen Planung
 bzw. Forschung in seiner Abgrenzung gegenüber dem
Gegenstand der pädagogischen Planung bzw. Forschung
erforderlich machte.

1. Der Zweck der architektonischen Planung: die Gewährleistung,
 daß mit der Herstellung von baulichen Anlagen
 für die Durchführung von Tätigkeiten, welche ihrerseits
 durch die Struktur des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses
 bestimmt sind, bestimmte für diese Tätigkeiten
 erforderliche Umweltverhältnisse erzielt werden

Es ist zunächst die weit verbreitete Vorstellung von
der Aufgabe des Architekten zu kritisieren, welche als
Aspekt des Berufsbilds eine wichtige Voraussetzung darstellte
 für den Versuch, in der Berufspraxis eine gesellschaftskritische
 Position zu vertreten, die aber auch in
der Kritik daran keineswegs überwunden, sondern mit
der Auffassung, daß unter den bestehenden ökonomischen
 Verhältnissen eine an den Lebensbedürfnissen
orientierte Planung nicht durchsetzbar sei, nur suspendiert
 ist, nämlich die Vorstellung, daß die architektonische
 Planung ganz allgemein auf die Lebensverhältnisse
bezogen sei, ja daß mit ihr nichts geringeres erfolge als
die Gestaltung des Lebens selbst. 4) Nur unter dieser
Voraussetzung läßt sich ja bezüglich der architektonischen
 Planung die Frage nach ihrer Orientierung an den
Lebensbedürfnissen stellen.
In dieser Pointierung ist dieses Wunschbild, so paradox
 das zunächst erscheinen mag, ein Erbe des Funktionalismus
 des 20. Jh., entstanden sozusagen als dessen
eigene Überhöhung in einem humanitären Sinn: Stellte
der Funktionalismus den Versuch einer Neuorientierung
dar, nachdem mit dem Beginn der Industrialisierung des
Bauens und damit der Massenproduktion in diesem Sektor
 ein längeres Festhalten an jenem durch die Einmaligkeit
 der architektonischen Schöpfung und ihre letztlich
vom Ritual sich herleitende Aura geprägten Architektur-
            
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