Volltext: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (ab H. 28: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen) (1975, Jg. 7, H. 25-28)

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2. Mit dem Blick auf eine ganz bestimmte Argumentation 2 
wird die Verknüpfung von Berufsinhalten des Architekten 
mit sozialem und politischem Anspruch pauschal diffamiert 
als „soziale Stützargumente” für ökonomische und berufs- 
ständische Interessen. Damit wird die politische Strategie- 
diskussion von vornherein aus der Berufspraxisdiskussion 
herausgenommen und auf die gewerkschaftliche Organisation 
des lohnabhängigen Architekten verwiesen. Bei der Frage 
nach der inhaltlichen Qualifikation des Architekten (die nie 
losgelöst von der Frage nach seiner politischen Position zu 
behandeln ist) geht es nicht um das „ästhetisch qualitätvolle- 
re Antlitz” im Sinne des Warenschönen, sondern um die ge- 
nauere Bestimmung des Verhältnisses von materiellen und 
immateriellen Bedingungen des Lebens im Stadtteil, um die 
Bestimmung der Dialektik zwischen den sinnlichen Formen 
und den sozialen Verkehrsformen und ihrer Beziehung zum 
gemeinsamen „tertium comparationis””, den ökonomischen 
Bedingungen. 
Im zweiten Teil des Vortrags folgt die Definition der „tat- 
sächlichen Bedeutung von Milieu”. Damit werden nach 
der Kritik an der ideologischen Verwendung des Begriffs 
(1) die zweite und dritte Ebene von „Milieu” eingeführt: 
Milieu als Erscheinungsform konkreter Lebensbedingungen 
(2) und das Wesen, die Substanz von „Milieu”, nämlich die 
konkreten Lebensbedingungen selbst (3), die als „Milieu” 
erscheinen. Diese drei Ebenen zunächst aufzuzeigen ist wich- 
tig, da sie im Verlauf der weiteren Argumentation von CTR 
immer wieder durcheinander und in Widerspruch zueinander 
geraten, und damit einige Verkürzungen und Verwirrungen 
produzieren. 
So wird zunächst Milieu als „Erscheinungsform der tatsäch- 
lichen und konkreten Lebensbedingungen” (S. 35) richtig 
definiert, dann aber im nächsten Satz diese konkreten Le- 
bensbedingungen auf „finanzielle Mittel” eingeschränkt. 
So werden dann im folgenden Bausubstanz und historische 
Momente als konstituierend für die Erscheinungsform Milieu 
eingeführt; im Widerspruch dazu aber unter der Frage, „was 
die Bewohner im Gebiet hält” die eindeutige und einseitige 
Ökonomisierung des Wesens von Milieu vollzogen: „Das 
Milieu . . . läßt sich auf die Folgen ökonomischer Beschrän- 
kungen der Milieubewohner reduzieren”. (S. 35) Milieu re- 
sultiert also nach dieser Definition aus niedrigen Mieten 
und ökonomischen Beschränkungen der Bewohner. Damit 
macht CTR genau das, was sie den Architekten als „Materia- 
lisation des Milieubegriffs in der Bausubstanz” vorwirft, nur 
sie materialisiert Milieu voll und ganz in der Miete, im Tausch- 
wert der Wohnung. 
Sie schafft damit hervorragende Ausgangspositionen für eine 
variierte ideologische Benutzung des Milienbegriffs: wenn 
positiv erlebte soziale Verkehrsformen allein dadurch zustan- 
de kommen, daß viele Menschen mit geringem Einkommen 
in einem Stadtviertel in billigen Wohnungen wohnen, kann 
man ja die innerstädtischen Wohnviertel getrost und ohne 
Schaden für die Bewohner der Spitzhacke zum Opfer fallen 
lassen, ohne Skrupel und in der Gewissheit, daß Milieu im 
ARCH+ 7. Jg. (1975) H. 25 
Handgepäck billiger Mieten überallhin mitreist. 
Denn wenn auch der Hinweis auf die Bedeutung der Miet- 
höhe für die Bewohner innerstädtischer Arbeiterviertel im 
Rahmen der Kritik einer interessengebundenen ideologi- 
schen Verwendung des Milieubegriffs durchaus richtig ist, 
so ist er doch bestimmt nicht ausreichend, um das ganze 
Wesen von „Milieu” zu begreifen. Konsequent versucht 
CTR dann auch, die beobachteten sozialen Verkehrsformen. 
die ja ihrerseits Erscheinungsformen bestimmter Lebensbe- 
dingungen sind, auf das zurückzuführen, was sie hier als 
entscheidende Lebensbedingungen allein gelten lassen will: 
die ökonomischen Beschränkungen der Bewohner und 
— mehr am Rande — die physische Obsolenz der Bausub- 
stanz. (S. 35/36) Dabei fällt dann die Frage nach den ob- 
jektiv vorhandenen und auch subjektiv erlebten Qualitäten 
derjenigen Lebensbedingungen, die als Milieu erscheinen, 
unter den Tisch. Doch darauf soll später noch genauer ein- 
gegangen werden. Wenn CTR dann (S. 36) fragt, ob man 
ein Quartier erhalten müsse, weil das Milieu so schön ist, 
oder weil die Bewohner es brauchen, so ist das eine der 
unsinnigen konstruierten Widersprüche, die aus der ständi- 
gen Verwechslung der drei Ebenen des Milieubegriffs 
(ideologischer Gebrauch des Begriffs, Erscheinungsform 
und Wesen von „Milieu”’) resultieren, und aus denen sie 
ihre Argumentation entwickelt. In der Tat brauchen die 
Bewohner das Gebiet, aber nicht, weil die Mieten ihren 
ökonomischen Beschränkungen entsprechen, sondern 
weil sie eine bestimmte Wohnung in einer bestimmten 
Umgebung mit bestimmten Gebrauchswertqualitäten, die 
ganz bestimmte Lebens- und Verkehrsformen ermöglicht, 
brauchen — die natürlich für sie auch bezahlbar sein muß. 
Der von CTR konstruierte Widerspruch zwischen „schö- 
nem Milieu” und „ein Gebiet brauchen” besteht also nur 
dann, wenn hier Milieu als der ideologische Begriff ge- 
meint ist; bezieht man sich dagegen auf die reale Sub- 
stanz des Begriffs, so brauchen die Bewohner das Gebiet, 
weil dort Milieu ist, weil dort bestimmte materielle und 
immaterielle Lebensbedingungen, die als Milieu erscheinen, 
noch vorhanden sind. 
Die Forderung nach „Milieuerhaltung” wird als rein ideo- 
logische dem einzig wirklichen Interesse nach billigen 
Mieten gegenübergestellt. Der Verlust, den Sanierungs- 
betroffene erleiden, und den es zu verhindern gilt, sieht 
CTR einzig in den „günstigen billigen Wohnmöglichkeiten” 
(S. 37). Aus diesen sollen sich dann alle von den Bewoh- 
nern als positiv empfundenen Qualitäten eines Viertels 
ergeben. „Milieu”, hier wiederum als der ideologische Be- 
griff, wird der „Wirklichkeit””, die hier ökonomistisch ver- 
kürzt als „billige Miete” beschrieben wird, gegenüberge- 
stellt. Indem Ideologie und Wirklichkeit als einander aus- 
schließende Momente gleichgesetzt werden mit „Milieu” 
und billigen Mieten, wird zweierlei übersehen: erstens, 
daß Ideologie und Wirklichkeit sich im Milieubegriff selbst 
begegnen; das hier als Wirklichkeit ausgegebene materielle 
Moment „billige Miete” ist nicht das Pendant zu Milieu, 
sondern vielmehr eines der Elemente des Wesens von Milieu.
	        

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