Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (ab H. 28: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen) (1975, Jg. 7, H. 25-28)

ARCH+ 7. Jg. (1975) H. 26 
Wenn das wirtschaftliche Wachstum — wie in den 
Jahren vor 1966/67 — jeweils nur kurzfristig gebremst 
wird, so sind die Auswirkungen auf Umfang und Ge- 
schwindigkeit der Umstrukturierung von Innenstadt 
und innenstadtnahen (Wohn-) Gebieten nur unbedeutend 
und die allgemeine Entwicklungstendenz wird nicht 
verändert. Der Nachfragedruck nach innerstädtischen 
Laden- und Büroflächen wird nicht nachhaltig verringert, 
sondern bleibt die prägende Bewegung der (Innen-) 
Stadtentwicklung. 
Zwar reagieren die vorwiegend mittelständischen Un- 
ternehmen des Baugewerbes, die vorwiegend auf jeweils 
umfangreiche und teilweise langfristig gebundene Kapi- 
talinvestitionen der Baunachfrager angewiesen sind, am 
empfindlichsten auf Konjunkturschwankungen 78), aber 
der im Boom aufgestaute Nachfrageüberhang führt dazu, 
daß diese — insbesondere bei den langen Planungs- und 
Herstellungszeiten der handwerklichen Bauproduktion 
— kaum als Schwankungen der (inner-) städtischen Um- 
strukturierung in Erscheinung treten. 
Welche Konsequenzen für die Stadtentwicklung im 
allgemeinen und für die Umstrukturierung der City- 
Randgebiete im besonderen sind jedoch zu erwarten, 
wenn wirtschaftliche Krisen nicht nur kurze Gewitter 
bei anhaltend freundlicher Großwetterlage sind, sondern 
das gesamtwirtschaftliche Klima entscheidend prägen? 
Verringerung der Profite, Verschlechterung zahlreicher 
sonstiger Bedingungen der Kapitalverwertung bewirken 
Stagnation oder gar Einschränkungen der kapitalistischen 
Produktion. Die Folgen: 
— Es werden Arbeitskräfte entlassen. Zuerst wird der 
Bestand ausländischer Arbeiter „abgebaut ” (dies gilt 
nicht notwendigerweise auf der Ebene der Einzelbe- 
triebe), weil das politisch am leichtesten (und unauf- 
fälligsten 79)) durchsetzbar ist. 
Durch Lohn- und Gehaltssenkungen und Verringerung 
der Zahl der Lohn- und Gehaltsempfänger sinkt die 
Massenkaufkraft 80) und damit die Nachfrage nach 
Konsumgütern und persönlichen Dienstleistungen. 
Die entsprechenden Unternehmen können nicht 
mehr expandieren, ein Teil geht in Konkurs. 
Der schleppende Wirtschaftsgang läßt alle Unternehmen, 
vor allem die kleinen und mittleren, die naturgemäß 
von einer Krise am stärksten betroffen werden, vorsich- 
tiger disponieren. Sie müssen Kosten sparen, ihre 
Nachfrage nach Investitionsgütern (beispielsweise nach 
neuen Maschinen) und Zirkulationsdienstleistungen 
sinkt. Entsprechend nimmt der Flächenbedarf solcher 
Unternehmen ab. Ähnliches gilt für die staatlichen Ver- 
waltungen. 
Eine Reihe von Ereignissen und statistischen Daten un- 
termauern dies: 
— Die Verringerung des Bedarfs an Laden- und Büro- 
flächen wirkt sich beispielsweise in Stuttgart schon 
recht deutlich aus. Eine ganze Reihe geplanter Ge- 
schäfts- und Verwaltungsbauten werden nicht realisiert 
oder die Planung zieht sich in die Länge. Dies trifft 
ve 
1 
vor allem für innenstädtische „Flächensanierungen” 
zu: z.B. für die Bebauung des Wulle Geländes, die Er- 
stellung des Technischen Rathauses und für die Er- 
stellung des „Schwabenzentrums” in Stuttgart-Mitte 
und für die Bebauung an der Ecke Schwab-/Rotebühl- 
straße in Stuttgart-West (vgl. Abbildung 1) 81). 
Die Summe des Angebots an Laden- und Büroflächen 
aus diesen Bauvorhaben übertraf allerdings auch schon 
in wirtschaftlich weniger krisenhaften Zeiten den Be- 
darf. 
Die Stagnation bzw. Verringerung der Zuwanderung 
von Ausländern wird beispielsweise in Stuttgart schon 
recht deutlich erkennbar. Vor allem wirkt sich der 
im Oktober 1973 erlassene Anwerbestopp für Auslän- 
der aus 82) und seit neuestem auch die im April 1975 
für Ballungsgebiete eingeführte Zuzugsbeschränkung 
für Ausländer. Die geringe Zunahme der ausländischen 
Bevölkerung erfolgte in Stuttgart schon 1974 nur 
noch infolge des Geburtenüberschusses 83). 
Wir können somit festhalten, daß einerseits die Nachfrage 
nach innerstädtischen Laden- und Büroflächen nachläßt, 
andererseits aber auch Möglichkeiten zur Vermietung 
schlecht ausgestatteter Wohnungen geringer werden, vor 
allem infolge geringerer Nachfrage von seiten der Aus- 
länder. 
Die Umnutzung innenstadtnaher Wohngebiete, die 
durch das Ineinandergreifen beider Nachfragearten auf- 
rechterhalten wurde, kommt ins Stocken. 
| 
5.4 Auswirkungen der wirtschaftlichen Tendenz- 
wende auf die Modernisierung innenstadtnaher 
Wohngebiete 
Wenn es sich bei der aktuellen wirtschaftlichen Situa- 
tion nur um eine kurze Unterbrechung der Hochkon- 
junktur handeln würde, so wäre keine qualitative Ände- 
rung im Verhalten der Haus- und Grundeigentümer zu 
erwarten. Ein als sicher angenommener zukünftiger 
Boom würde die bisherige, langfristige Tendenz der Um- 
strukturierung innenstadtnaher Wohngebiete aufrecht- 
erhalten: Nach wie vor würde eine Vielzahl von Eigen- 
tümern mittel- bis langfristig auf eine höhere Grundrente 
aus der späteren Umnutzung ihrer Wohngebäude bzw. 
-grundstücke spekulieren. 
Handelt es sich aber um mehr als nur eine kurze 
Konjunkturschwankung, erscheint der nächste Boom 
nicht mehr so sicher, so heißt dies für eine Vielzahl von 
Haus- und Grundeigentümern: 
— Mangels Nachfrage nach Laden- und Büroflächen von 
seiten der Handels- und Dienstleistungsunternehmen 
sowie der Industrie- und Staatverwaltungen bleibt 
ihnen nichts anderes übrig, als ihre Grundrente auch 
weiterhin und auf unabsehbare Zeit durch die Ver- 
mietung von Wohnraum zu erwirtschaften. 
Infolge verringerter Nachfrage nach Wohnraum vor 
allem seitens der Ausländer können sie schlecht aus- 
gestattete Wohnungen in unwirtlichen und schlecht 
versorgten Wohngebieten vorerst nicht mehr oder 
nur schwer vermieten.
	        

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