Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1976, Jg. 8, H. 29-31)

geführt. Aber die Ermittlung und Festlegung
 von Entschädigungen bleibt dabei
meist ausgeklammert bzw. im inoffiziellen,
nicht nachprüfbaren Bereich, Vergleichende
 Bewertungen der freizumachenden
Wohnungen und ihrer Wohnumgebung
einerseits und der Ersatzwohnungen und
ihrer Wohnumgebung andererseits werden
nicht durchgeführt. Ob gleichwertige Ersatzwohnungen
 zur Verfügung gestellt
werden, hängt — trotz aller schönen sozialstatistischen
 Erhebungen — erfahrungsgemäß
 weiterhin vom „‚Durchsetzungsvermögen”
 der betroffenen Mieter bzw. ihrer
Organisationen ab. Meist haben die Hausbesitzer
 oder Sanierungsträger den längeren
 Atem. Die oft schon bei Ankündigung
der „Sanierung“ verschreckten Mieter ziehen
 es vielfach vor, „‚freiwillig‘’ fortzuziehen
 und ohne jede Entschädiqung alles aus

eigener Tasche zu zahlen: Die großen finanziellen
 Belastungen solcher Mieter, deren
Zahl inzwischen in die Hunderttausende
gehen dürfte, tauchen in keiner Bilanz
über die „Kosten der Sanierung” auf. Die
Mehrausgaben (z.B. für neue Gardinen,
Teppiche, Möbel), die ihnen neben Mieterhöhungen
 zwangsläufig entstehen, finden
 sich allenfalls sehr indirekt in volkswirtschaftlichen
 Rechnungen wieder, die
über „Multiplikatoreffekte von Bauinvestitionen”
 angestellt werden.
Ähnliches gilt — und da finden die
„Sanierungs- und Umsetzungsverfahren”
ihre Entsprechung in den „Modernisierungs-
 und Entmietungsverfahren” — für
Ausgaben bzw. Kosten, die den Mietern
bei der Modernisierung ebenfalls meist
„zwangsläufig‘’ entstehen. Die Modernisierungsplanung
 der Hausbesitzer zwinat die

Mieter nicht nur des öfteren zur kostenintensiv
 teuren „„‚Entmietung‘ bzw. zu
Umzügen,für die ebenfalls meist unterschiedlich
 und unzureichend entschädigt wird. Sie
nimmt in der Regel auch keine Rücksicht
auf die Wiederverwendbarkeit von Möbeln
der Mieter (z.B. Küchen- und Wohnzimmerschränke)
 oder von Einbauten (wie
Duschen, Etagenheizungen etc.), die auf
eigene Kosten durchgeführt wurden. Im
Falle von deren Entwertung oder Vernichtung
 werden meist keine Entschädigungen
gezahlt. Für ihre Erneuerung trägt der Mieter
 die Kosten: entweder in Form des erhöhten
 Mietpreises oder in Form des Kaufpreises
 für „‚zwangsläufige’’Neuanschaffungen.
 Denn: die „„‚Wirtschaft’” muß wachsen,
sie braucht Verschwendung, sie braucht
Konsum. Auch den „Zwangs-Konsum”.
Oder vielleicht nicht?

Lore Ditzen ;
INSTITUTIONALISIERTE ANWALTSPLANUNG IN HOLLAND

„Inspraak”” bei der Stadterneuerung — das niederländische Beispiel. Referat, gehalten auf der Werkbundtagung am 22.11.75 in Berlin.
Stiftungen wie „LOS” und „Neue Wohnformen” sind Institutionen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Bewohner bei Erneuerungs-
 und Neuplanungen zu beraten. Sie helfen so, die Kontinuität der Arbeit der Initiativen vor Ort zu stärken und auch im
Falle von Neuplanungen die künftigen Bewohner bereits frühzeitig zu beteiligen und ein „Quartiersbewußtsein”’ zu entwickeln. —
Ein nachahmenswertes Beispiel? Der Werkbund nimmt hierzu in einer Erklärung Stellung (vgl. Kasten). (Gekürzte Fassung).
nissen des Bürgers auf wirksame Weise
Rechnung zu tragen, die Mitsprache. Nur
durch Mitsprache können sie eigene Vorstellungen
 entwickeln, und ausgestattet
mit mehr Information können sie auf
gleicher Ebene mit anderen Instanzen
über Sinn und Unsinn von Abriß und
Neubau diskutieren.”
LOS proklamiert als Leitfaden die
Schaffung eines guten Wohn- und Lebensmilieus,
 das Neubau keineswegs ausschließt,
 aber Erhaltung und Verbesserung
 vorrangig unterstützt.
Diese Stiftung wird durch Subsidien
sowohl des Wohnungsbau- wie des Kulturministeriums
 unterstützt. Aber die
Hauptarbeit wird von freiwilligen Helfern
getragen, die ihre Sachkenntnis kostenlos
zur Verfügung stellten —, außer Reiseund
 Aufenthaltsspesen. Es sind Architekten,
 Ingenieure, Wissenschaftler mit
politischem Engagement. Es sind jetzt
etwa 50. Auch Hochschulen beteiligen
sich daran. Und das ist angesichts der
schon bearbeiteten Projekte und der
Arbeitsweise in einigen Fällen erstaunlich
genug.
LOS wurde ausdrücklich mit dem Ziel
gegründet, bei der Stadterneuerung die
Bewohner zu beraten. Also eine Art von
institutionalisierter Anwaltsplanung oder
Advocay Planning, auf die sich seit ihrem
Bekanntwerden von Versuchen in den USA
auch bei uns viele Hoffnungen gerichtet
haben, die aber in der bisher versuchten

Der internationale Vergleich, in den ich
hier einen kleinen Einblick geben will,
beschränkt sich auf einen Aspekt, den der
„Inspraak”, der Mitsprache bei Stadterneuerungsprozessen,
 also sowohl bei der
Erhaltung wie beim Neubau. Im Prinzip
ist man in den Niederlanden, soweit ich
erfahren konnte, noch nicht sehr viel
weiter als bei uns — wohl aber in den
Verfahrensweisen. Die Vorstellung, daß
Stadterneuerung als Stadterhaltung auch
eine soziale Aufgabe ist, ist auch in den
Niederlanden ziemlich neu.

chen Maßnahmen der Regierung jetzt
schon berücksichtigt wird. So ist zum Beispiel
 eines der Kriterien, nach denen Wohnungsbauprojekte
 im Regierungsprogramm
für experimentellen Wohnungsbau prämiert
 werden können, die mit dem Planungs-
 und Bauprozeß verbundene ‚‚Inspraak’”
 — die Mitsprache, Beteiligung der
Bewohner. Diese Stiftung heißt ‚‚Landelijk
Ombudsteam Stadsvernieuwering — LOS’
und betreibt eine Art von institutionalisierter
 Antwaltsplanung.
Im Gründungsprogramm definiert LOS
den Ausgangspunkt seiner Arbeit: „Daß
Stadterneuerung nicht allein ein technisches
 und finanzielles Problem ist, sondern
 ein Problem des Zusammenlebens
in seiner Gesamtheit, wird in zunehmendem
 Maße erkannt”. Die bisherige Praxis
der Sanierung führt, so wird weiter resumiert,
 zur Zerstörung der Quartierszusammenhänge
 und ihrer nachbarschaftlichen
 Bindungen (Wijk-Gemeenschap)
und zu großer Verschwendung, die durch
unnötig hohe Mieten entstehen können.
Die Klagen der Bewohner richteten
sich bisher darauf, daß ihre Wohnungen:
— zu Unrecht in Abrißplanungen vorkommen,

— zu Unrecht verfallen
— oder auf falsche — ihren Interessen
und Möglichkeiten nicht entsprechende
 — Weise verbessert werden.
‚„‚Deshalb”’, so heißt es im LOS-Programm,
„ist die einzige Möglichkeit, den Bedürf-Ich

 möchte sie mit einer Institution bekanntmachen,
 die versucht, die Frage der
Partizipation auf eine realistische Basis zu
stellen. Es handelt sich ebenfalls um eine
Stiftung — gegründet 1973 von verschiedenen
 Gruppen und Einzelpersonen, also
z.B. der Niederländischen Architektengenossenschaft,
 einem Institut für Architektur,
 Akademien für Baukunst, politischen
Gruppen und der Nationalen Stiftung
Neue Wohnformen, die ganz bestimmte
Projekte mit humanen Zielvorstellungen
fördert und zum Beispiel auch Beteiligungsprozesse
 im Wohnungsneubau realisiert.
 Bürgerbeteiligung ist in den Niederlanden
 noch nicht gesetzlich, sie hat sich
aber durch Bürgerinitiativen so viel Nachdruck
 verschafft, daß sie auch in zahlrei-ARCH+.,

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