Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

Uwe-Jens Walther 
Manuel Castells: Die kapitalistische Stadt 
Originaltitel: La question urbaine 
Maspero: Paris 1972, 75 
deutsch: Die kapitalistische Stadt 
aus dem Französischen von M. Lang 
VSA: Hamburg/Westberlin 1977 
„La-question urbaine” (1972) han- 
delt von der Frage nach den sozialen 
Bewegungen in den Städten. Seit sie 
NEN 
Recht auf die Stadt’ 1968 aufwarf, hat 
sich in Frankreich eine inzwischen eta- 
blierte marxistische Stadtsoziologie da- 
mit beschäftigt, Neben F. Godard, 
J. Lojkine, E. Preteceille, C. Topalov 
und vielen anderen ist der Spanier 
Manuel Castells einer ihrer profiliertesten 
Vertreter. Was Lefebvre 1968 mit seiner 
These von der universellen Emanzipation 
des „Urbanen Menschen” bereits beant- 
wortete, hat Casteils allerdings 1968—72 
hartnäckig wie kaum ein anderer als 
Frage erst rekonstruiert. ‚„‚La question 
urbaine’”” (LQU) kreist um das richtige 
Stellen einer Frage. Damit ist ‚,La 
question urbaine” nicht, was der deut- 
sche Titel „Die kapitalistische Stadt” 
nahelegen mag: ein Stück Realanalyse. 
Auch präsentiert es, so selbstbewußt 
Castells sich gibt, keinen fertigen Be- 
griff der „kapitalistischen Stadt”. Das 
Buch ist vielmehr Sondierung eines vor- 
belasteten Terrains, Vorarbeit der Kate- 
gorienbildung. Es handelt vom ange- 
messenen theoretischen und politischen 
Begreifen sozialer Bewegungen in den 
Städten — von den Problemen einer in 
der Stadtsoziologie je ideologisch ge- 
stellten „‚städtischen’” Frage. So sind 
denn auch Castells ‘Vorläufige. Thesen 
über die städtische Frage’ am Ende 
des Buches eben nicht, wie der Über- 
setzer vorschlägt, Thesen zur Problema- 
tik „der Städte”. 
„Diese Thesen lassen sich getrost als 
Leitfaden für die Lektüre benutzen. 
Zwei Absichten werden hier klar: 
Ideologiekritik disperser stadtsoziologi- 
Scher Ansätze und Vorarbeit zur konzep- 
tionellen Rekonstruktion einer ‘neuen 
Stadtsoziologie’. Mehr oder weniger 
glücklich in der deutschen Fassung be- 
Schnitten, gliedert sich LQU in diese 
zwei Teile. Ist Kapitel II Schwerpunkt 
des ersten, so rüstet Castells ab Kapitel 
II mit dem „systeme urbain” das For- 
Schungsterrain Stadt begrifflich neu ein, 
um schließlich das Analysefeld „Stadt- 
politik” als doppelgleisig zu führenden 
Nachweis verschiedener Formen von 
Klassenpraxis zu konzipieren (nämlich 
als soziologische Analyse von Planungs- 
praktiken einerseits und städtischer Be- 
wegungen andererseits). Darin besteht 
Castells Beitrag 1972. 
Was in LQU noch anspruchsvolles 
Erkenntnisprogramm ist und nicht mehr, 
ist noch nicht konkrete Forschungs- 
praxis, wie etwa in der aufwendigen 
exemplarischen Fallstudie „„‚Monopol- 
ville”’von Castells und F. Godard über 
die Region Dünkirchen (1973—74). In- 
formativer als die Mühen mit konzeptio- 
nellen Vorklärungen in LQU wären da- 
her diese empirischen Erfahrungen da- 
mit. So wird denn auch in der Folge 
die Fragestellung korrigiert, wieder ein- 
geengt und zugleich durch empirisch 
reichere Begriffsbildung ausgeweitet: 
eine Gesamterhebung und -auswertung 
der sozialen Bewegungen in der Pariser 
Region 1968—74/76 und eine Periodi- 
sierung städtischer Politiken seit 1945 
zeugen davon. Seit 1977 verfolgt Castells, 
zurück in Spanien, seine nun vom ak- 
tuellen politischen Kontext dieses Lan- 
des markierten Arbeiten. 
Daß all dies, was (noch) nicht in 
LQU steht, eigentlich wichtiger wäre 
zum Verständnis seiner Tragweite, 
weiß, wer das „Nachwort 1975” zuerst 
liest. Eine solche vorgezogene Lektüre 
ist zu empfehlen — zumal hier Castells 
in selbstkritisch-historischer Perspektive 
gerade auch auf die besonderen Grillen 
des Buches vorbereiten will, die es zu 
einem wahren Leseärgernis machen 
können. Ob diese nachgeschobene Ein- 
ordnungs- und Verständnishilfe allerdings 
wieder ins Lot setzt, was bereits Über- 
setzer und Kontrollübersetzer offensicht- 
lich gebeutelt hat, ist fraglich: denn die 
Grillen von LQU sind Legion. LQU ist 
Höhepunkt einer begriffsakrobatischen 
„Theoretischen Praxis’’. Castells Ideolo- 
giekritik unterliegen die Kategorien der 
französischen epistemologischen Tradi- 
tion; der Sinn des laxen Umgangs mit 
marxistischer Terminologie muß erkauft 
werden durch Hinnahme einer von Bali- 
bar geliehenen Althusser-Interpretation, 
die Balibar selbst allerdings 1972 bereits 
wieder über Bord zu werfen begann. 
Alles in allem atmet LQU noch die allzu 
dünne Luft der französischen Spielart 
intellektualistischer Diskussionen in den 
maoistischen Zirkeln des Mai ‘68 — eine 
Luft, die für uns nur noch in Jean-Luc 
Godards Film La Chinoise zu spüren ist. 
Castells auf der Ebene entgegenzutre- 
ten, auf der er sich 1972 präsentiert, 
kann also verhängnisvoll sein. Das Buch 
ist Artefakt, Zwischenbilanz und Konglo 
merat eines ehrgeizigen Erkenntnispro- 
gramms ohne Stapellauf, überholt und 
doch aufgehoben. So hat LQU so viel 
Wert wie die Bereitschaft, sich mit 
Castells die historischen Etappen seiner 
Arbeit, Probleme und Umwege bei der 
Rekonstruktion einer Frage zu teilen. 
Ohne diese freilich anstrengende Bereit- 
schaft werden die Blößen und Brüche 
dieser „„Theoretischen Praxis’ schnell 
zum Anlaß, Buch und Ansatz sogleich 
in die Ecke zu werfen. Daß LQU nichts 
anderes sei als schlicht Sprachdreck, 
„Verbal Pollution””, wie die große alte 
Dame der kritischen Stadwoziologie in 
England, Ruth Glass, kürzlich giftete, ist 
eine der möglichen Reaktionen. 
Eine andere Reaktion wäre der -Ver- 
such einer politischen Rezeption: im- 
merhin wird die „Städtische Frage’ von 
realen Bewegungen aufgeworfen und aus 
verschiedenen politischen Perspektiven 
theoretisch konzipiert. Ob eine politi- 
sche Rezeption hierzulande gelingt, wird 
vor allem davon abhängen, welche Kennt- 
nis vom Frankreich der letzten 10 Jahre 
eingearbeitet wird: Stichworte wären 
die Ausweitung der Klassenkämpfe seit 
Mai 1968 und die Erfahrungen des 
„Gemeinsamen Programms der Linken””; 
Krise und Scheitern des „synthetischen 
Kapitalismus’’ in den französischen Re- 
produktionspolitiken; Wende von der 
Nationalisierung lokaler Politik seit De 
Gaulle zu der Lokalisierung nationaler 
Politik; Formen der Radikalisierung 
sozialwissenschaftlicher Forscher seit 
1967 und Stränge einer anderen Marx 
Rezeption. Aber auch Kenntnis der 
Bandbreite von theoretischen Ansätzen 
und politischen Positionen in der neuen 
französischen Stadtsoziologie wäre wich- 
tig. Castells ist Vertreter nur eines Stranges 
und überdies nur als Teil eines arbeitstei- 
ligen Zusammenhanges zu denken. 
Die englische Rezeption der franzö- 
sischen Diskussion hat uns hier einiges 
voraus: C.G. Pickvance stellte bereits 
1976 in einem Reader wesentliche 
französische Ansätze kommentiert vor. 
Die zweisprachige Zeitschrift „Interna- 
tional Journal of Urban and Regional 
Research” ist aktuelles Forum der anglo- 
französischen Forschung. 
LQU erschwert den Einstieg in Neuland 
mehr als es ihn erleichtert, indem es den 
Kontext voraussetzt. Aber der Einstieg 
ist dennoch, auch und gerade rückwärts- 
gerichtet, lohnend. 
Uwe-Jens Walther 
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