Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

immer deutlicher auf Rahmenbedingun- 
gen zurückgeführt, die zunächst über eine 
wachsende Staatsverdrossenheit und Bü- 
rokratiefeindlichkeit diffus infragegestellt 
werden, was nicht zuletzt in der steigen- 
den Attraktivität der „‚grünen‘’ Bewegun- 
gen zum Ausdruck kommt. Auf der ande- 
ren Seite fordert die Konfrontation mit 
„Problemfällen’” und -familien einen per- 
sönlich-unmittelbaren Einsatz gerade von 
jenen Teilen des „‚engagierten Mittel- 
stands’, der dieser Konfrontation nicht 
in „entmischte”’ klein- oder gutbürgerliche 
Wohnviertel ausweicht. Um dabei jedoch 
nicht durch selbstdefinierte Sozialhelfer- 
rollen überfordert zu werden, werden 
für solche Gruppen neue Ko alitionen 
wichtig, wie sie sich etwa zwischen enga- 
gierten Sozialarbeitern, Bürgern und 
Hauptbetroffenen aus „Randgruppen” bil- 
den, die nicht mehr alles hinzunehmen be- 
reit sind. 
Über das Aufgreifen konkreter Alltags- 
nöte, etwa über Veranstaltungen und 
Sprechstunden zur Rechtshilfe und Mie- 
terberatung, über Beistand vor Ämtern 
und Behörden können durch Sammeln 
und Vermitteln von Informationen Hilfe- 
stellungen gegeben werden, über gemein- 
same Feste und Treffpunkte können Kon- 
takte geknüpft und ausgeweitet werden, 
die als konkret erfahrene Solidarität er- 
ste Voraussetzungen für kollektive Inter- 
essenartikulation und -organisation gera- 
de bei jenen ‚„„‚Randgruppen” schaffen, 
die auch zuvor vom Vorpreschen ‚„‚bür- 
gerlicher’” Aktivitäten nahezu abgeschnit- 
ten waren. 
Um jedoch die Mauer der Privatisie- 
rung von Benachteiligung und Leid auf- 
brechen zu können, muß auf spezifische 
Problemlagen eingegangen werden, deren 
Mangel an Verallgemeinerbarkeit den 
Perspektiven auf „„‚Massenmobilisierung”” 
enge Grenzen setzt. Die in traditionelle 
Klassenbegriffe gefaßten Hoffnungen 
auf massenhafte Selbstorganisation wer- 
den angesichts fortschreitender Fragmen- 
tierungsprozesse erst recht im Wohnbe- 
reich fragwürdig; und selbst die Tragwei- 
te differenzierter „‚Randgruppenstrate- 
gien”” wäre an den oben bloß grob skiz- 
zierten Entwicklungstendenzen kritisch 
zu überprüfen. 
Der vor Jahren durch spektakuläre Ak- 
tionen, Einzelerfolge und Presseberichte 
aufgewirbelte Staub hat sich gelegt. Dar- 
unter zeichnen sich die Konturen eines 
grauen Siedlunge-Alltags ab, der andere 
Aufgaben stellt als die Beteiligung an 
räumlicher Planung und anschließender 
Mängelkompensation. Auch wenn das 
Bild derzeit einigermaßen düster er- 
scheint, werden neue Ansätze sichtbar, 
die allerdings langen Atem, neue Ver- 
bindlichkeit und Öffentlichkeitsarbeit 
fordern, soll der Abdrängung sozialen 
Elends an den Rand der Städte nicht 
auch ’von links’ noch Vorschub gelei- 
stet werden: Die Umorientierung auf 
„attraktivere’”, weil aussichtsreichere Po- 
litikbereiche und Bündnispartner gibt 
zu Befürchtungen Anlaß, daß zugun- 
sten tagespolitisch vorgegebener Aktuali- 
täten fast reaktiv die Felder unterschwel- 
lig gärender Konflikte aufgegeben werden 
Gerrit Anderson 
Alternative in Steilshoop: 
Rückblick auf ein 
Wohnmodell 
In der bekannten Hamburger Neubau- 
siedlung Steilshoop wurde im August 
1973 ein Haus bezogen, das als „‚Wohn- 
modell Steilshoop” die öffentliche Auf- 
merksamkeit auf sich zog. Nach fünf Jah- 
ren ist es inzwischen um diesen Versuch 
und die daran Beteiligten merkbar stiller 
geworden. Die Diskussionen über alterna- 6 
tive Wohnformen, die diesem Modell 
vorausgingen und es begleiteten, sind 
weitgehend verstummt oder werden unter 
veränderten Perspektiven und an anderem 7 
Ort geführt. 
Zudem hat sich innerhalb des ‘Wohn- 
modells’ während der vergangenen fünf 
Jahre eine Entwicklung vollzogen, die 
eine Einschätzung unter veränderten As- 
pekten erfordert. Freilich haben diese 
Veränderungen ihre Ursachen nicht im 
Wohnmodell selbst, sondern sind hervor- 
gerufen und geprägt durch gesamtgesell- 
schaftliche Wandlungsprozesse. 
werden keine Einflüsse zu erwarten sein. 
Im technischen Bereich wird auf vorhande- 
ne Möglichkeiten zurückgegriffen. (Es soll 
kein technisches Experiment werden.) 
Der Planungsprozeß soll mehr dem einer 
Gemeinwesenplanung als dem einer tech- 
nisch-architektonischen Planung entspre- 
chen. 
Auf gestalterische Maßnahmen (visuelle Qua- 
lität) wird verzichtet, wenn die finanziellen 
Mittel voll für inhaltliche Qualitäten benötigt 
werden. 
Planen und Wohnen sollen als kontinuierlicher 
Prozeß angelegt werden, das heißt modellhaft, 
mit der Möglichkeit, daß sich die Inhalte 
und Prioritäten ständig verändern oder ver- 
lagern können, und nicht als Experiment zur 
Bestätigung eines gesetzten Zieles. 
Die Spezialisten wie Planer und Architekten 
sollen beratend und koordinierend wirken. 
(Aus: Rolf Spille, Mieter planen mit, Rein- 
bek 1975, S. 27). 
Im Frühjahr 1971 fand darauf hin eine öf- 
fentliche Veranstaltung statt, auf der die 
Initiatoren und der Verein ‘Urbanes Woh- 
nen’ das Projekt der interessierten Öffent- 
lichkeit vorstellten, um potentielle Bewoh- 
ner zu werben. Bei der weiteren Arbeit 
konzentrierte man sich auf die Planung 
eines Wohnmodells für ca. 200 Personen 
in der damals entstehenden Siedlung 
Steilshoop. Nach einem Jahr Vorbereitung 
wurde der Verein ‘Wohnmodell Steilshoop 
e.V.’ gegründet, der für das Wohnmodell 
folgende Ziele formulierte: 
1. Selbständige Planung der Wohnungsgrundris- 
se durch die zukünftigen Bewohner erstmalig 
im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus. 
2. Geeignete Voraussetzungen zur Bildung von 
Wohngemeinschaften. 
3. Soziale Durchmischung der Hausbewohner. - 
4. Möglichkeit des gegenseitigen Kennenlernens 
der zukünftigen Bewohner, lange vor Bezug 
des Hauses. 
5. Gemeinschaftseinrichtungen über das übliche 
Maß hinaus. 
6. Weitgehende Selbstverwaltung des Hauses 
durch die Bewohner 
7 Versuch der interfamiliären Kooperation und 
damit Versuch von Lösung auch innerfamiliä- 
rer Probleme. 
4 
ENTSTEHUNGSGESCHICHTE UND 
PLANUNG 
Im Klima der Reformeuphorie der frühen 
70er Jahre gediehen Diskussionen um al- 
ternative Wohn- und Lebensformen, deren 
Spektrum von kulturrevolutionären Ten- 
denzen bis hin zur Debatte um Formen 
‘Urbanen Wohnens’ reichte, die vor allem 
in Perspektive auf Entwicklung neuer bau- 
licher Lösungen geführt wurde. Vielerorts 
entstanden Gruppen, in denen sich Archi- 
tekten, Soziologen, Pädagogen und sozial- 
politisch Engagierte mit diesem Thema in- 
tensiv beschäftigten und nach örtlichen 
Realisierungsmöglichkeiten suchten. 
In Hamburg beispielsweise wurde, aus- 
gehend von einer Diplomarbeit des Archi- 
tekten Ro/f Spille an der TU Berlin, ein 
Wohnversuch projektiert, in welchem im 
organisatorischen und finanziellen Rah- 
men des sozialen Wohnungsbaus kollekti- 
ve Wohnformen erprobt werden sollten. 
Nach Verhandlungen im kleinen Kreis 
zwischen dem Architekten, dem Hambur- 
ger Bausenator Meister, einem Baudepu- 
tierten der Stadt und dem Geschäftsführer 
eines Hamburger Wohnungsbauunterneh- 
mens wurde Anfang 1971 grünes Licht 
fürdiesesbis heute einmalige Wohnbauex- 
periment gegeben. Als ‘Kriterien für ein 
Alternativprojekt im sozialen Wohnungs- 
bau’ wurden damals folgende Punkte ge- 
nannt: 
1. Die Beteiligung der späteren Bewohner muß 
mit Beginn der Planung gewährleistet sein. 
2. Das Projekt muß im Rahmen und mit den 
Mitteln des sozialen Wohnungsbaus realisiert 
werden. 
3. Das Projekt wird sich im Reproduktionsbe- 
reich bewegen. Auf den Produktionsbereich 
Oberstes Prinzip für das weitere Vorgehen 
sollte der Versuch einer ‘wirklich partizi- 
patorischen’ Planung sein, und schon rasch 
wurden Erfolgsmeldungen verbreitet: „Aus 
zunächst allgemein an dem Projekt interes- 
sierten Bürgern wurden zukünftige Bewoh- 
ner, die sich von den Initiatoren, Planern 
und.Fördern weitgehend lösten, um eigen: 
verantwortlich mit dem Bauträger Neues 
Hamburg (seit kurzem SAGA) und den 
zuständigen Behörden zu verhandeln, ver- 
tragliche Vereinbarungen zu treffen und 
die internen Belange des Hauses selbst zu 
regeln.” (Presseerklärung des Vereins vom 
30. Aug. 1972). Diese Feststellung traf 
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