Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

Schwerpunkt: Perspektiven der Wohnungsbaupolitik 
Rudi Ulbrich, Uwe Wullkopf; (Institut Wohnen und Umwelt) 
Hat der soziale Wohnungsbau 
noch eine Zukunft? 
Abb. 1 Ungenügend mit Wohnraum versorgte Wohnungsinhaber-Haushalte ! nach der Haushalts- 
größe und dem Haushaltseinkommen in der Bundesrepublik 1972 
Der soziale Wohnungsbau hat seit den Anteil der 
50er Jahren ständig an Bedeutung verlo- unterversorgten 
ren. Wurden damals bis zu 70% aller Woh- 90 Haushalte in °/s 
nungen öffentlich gefördert, so ist der An- 
teil des sozialen Wohnungsbaus an den ge- 80 
samten Fertigstellungen heute nicht ein- 
mal halb so groß, obwohl die Bautätigkeit 
einen Tiefstand erreicht hat und zum tra- 70 
ditionellen sozialen Wohnungsbau inzwi- 
schen noch der zweite Förderungsweg 60 
mit wesentlich niedrigeren Förderungsbe- 
trägen hinzugezählt wird.' Für die nähe- so 
re Zukunft ist mit weiter abnehmenden 
Fertigstellungen im sozialen Wohnungs- 
bau zu rechnen. Es mehren sich die Stim- 40 
men, die nach dem erreichten Gleich- 
stand zwischen der Zahl der Haushalte 30 
in der Bundesrepublik Deutschland und 3 OO 
dem Wohnungsbestand einen weiteren zo a 
Bau von Sozialwohnungen auch nicht 
mehr für nötig halten und darüber hinaus —>> monatl 
den Bestand an Sozialwohnungen in die 10 sa Nettoein- 
„Marktwirtschaft‘” überführen wollen. ? kommen je 
Schon gibt es auch Gesetzesinitiativen, Haushalt 
die darauf abzielen, die Bindungen für <800 800-1400 1400 - 2000 >2000 
Sozialwohnungen zu lockern und damit 1 Bedarfsnorm: Pro Haushaltsmitglied 1 Zimmer (zuzüglich Küche oder Kochnische pro Haushalt) 
diese Überführung zu erleichtern.? Hat Quelle: 1%-Wohnungsstichprobe 1972 
der soziale Wohnungsbau überhaupt noch 
eine Zukunft? 
N 
tätigkeit bis 1974 und die Modernisierungs- 
leistungen der Eigentümer (als auch die 
Wohnwertverbesserungen, die von den 
Mietern selbst vorgenommen worden sind) 
zwar gebessert haben,° festzuhalten bleibt 
jedoch, daß vor allem die Haushalte mit 
niedrigem Einkommen noch auf manchen 
Komfort verzichten müssen. Der Anteil 
der voll ausgestatteten Wohnungen ist bei 
ihnen nur halb so hoch wie im Durch- 
schnitt aller Wohnungsinhaber-Haushalte 
und sie wohnen zu einem doppelt so ho- 
hen Anteil in Wohnungen der schlechtesten 
Ausstattungskategorie (Abb. 2). 
Diese Haushalte wohnen überdies sehr 
viel häufiger als die Gesamtbevölkerung 
in Mietwohnungen. 1972 waren sie nur 
zu einem Viertel Eigentümer ihrer Woh- 
nung gegenüber einer Durchschnittsquote 
von mehr als einem Drittel, während Haus- 
halte mit hohen Einkommen fast zur Hälf- 
te in Wohnungen wohnten, die ihnen 
selbst gehörten (Tabelle 1). An diesen 
Relationen hat sich auch in der Zwischen- 
zeit nur wenig geändert.’ Für die Haus- 
halte mit niedrigem Einkommen ist des- 
halb die Entwicklung der Mieten von be- 
sonderer Bedeutung. 
2. DIE AUSGANGSLAGE 
Zunächst einige Hinweise auf die Fak- 
ten, soweit sie für die Beurteilung der 
künftigen Rolle des sozialen Wohnungs- 
baus wesentlich erscheinen. 
Richtig ist zwar, daß nach der akuten 
Wohnungsnot im ersten Nachkriegs-Jahr- 
zehnt und einer immer noch gravierenden 
Unterversorgung in den 60er Jahren nun- 
mehr rein quantitativ fast genügend Woh- 
nungen vorhanden sind.* Eine bedeutsa- 
me Unterversorgung besteht aber noch 
hinsichtlich der Wohnungsgrößen, wenn 
man die Bedarfsnorm des Il. Wohnungs- 
baugesetzes zugrundelegt.* Danach sollte 
jedem Haushaltsmitglied ein Zimmer zur 
Verfügung stehen (und zusätzlich jedem 
Haushalt eine Küche oder Kochnische). 
Legt man diesen Maßstab ab, dann sind 
insbesondere große Haushalte und Bezie- 
her niedriger Einkommen noch unbefrie- 
digend mit Wohnraum versorgt (Abb. 1). 
Außerdem bestehen noch erhebliche 
Defizite in der Ausstattung der Wohnun- 
gen. Nach den Ergebnissen der Wohnungs 
stichprobe 1972 waren damals nur wenig 
mehr als 40% aller Wohnungen gut (mit 
Bad, WC und Sammelheizung) ausgestat- 
tet, fast 1/4 der Wohnungen aber ausge- 
sprochen mangelhaft. Inzwischen dürfte 
sich die Situation durch die rege Neubau- 
Abb.2 Ausstattung der Wohnungen nach dem 
Einkommen der Wohnungsinhaber-Haushalte in 
der Bundesrepublik 1972. (Quelle: 1%-Wohnungs- 
stichprobe 1972) 
Tabelle 1: Wohnungsinhaber-Haushalte in Miet- 
wohnungen nach der Höhe des Haushaltsein- 
kommens in der Bundesrepublik 1972 
(Quelle: 1%-Wohnungsstichprobe 1972) 
z 100) 
3 90 
E% 
=z 
5 70 
z 60. 
50° 
Haushaltsnetto- | 
einkommen 
DM/Monat 
dab —— 
Anteil der Wohnungs- 
inhaberhaushalte in 
Mietwohnungen in v.H. 
unter 800 
800 bis 1400 
1400 bis 2000 
2000 und mehr 
insgesamt 
74,7 
68,1 
64,5 
53,3 
64.4 
40 
30 
Im langfristigen Vergleich hat sich der 
Preisindex für die Wohnungsmiete wesent- 
lich stärker erhöht als die Preise für die 
Lebenshaltung insgesamt. Von 1950— 
1977 verteuerte sich die Lebenshaltung 
" 
um LELLALLLELCELIVMV LE 
RAN 890-1400 1400-2000 >2000 
Haushaltsnettoeinkommen (DM/Monat)
	        

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