Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

originären Kern der modernen, nicht den 
Wohnbau betreffenden Bautypologie spre- 
chen. Dieser Prozeß der Charakterisierung 
findet seine architektonischen Bezüge in 
dem, was im Laufe des 18. Jh. als z/vi/e 
Architektur bezeichnet worden ist. Die 
Veränderungen und die neuen Aufgaben 
der Architektur entwickeln sich genau 
innerhalb der neuen Inhalte, die das Kon- 
zept der zivilen Architektur ausdrückt. 
Zu Beginn und während dieses Jahrhun- 
derts ist die zivile Architektur in der Tat 
einer der Teile, in die sich die architekto- 
nische Aktivität unterteilt (in zivile, mili- 
tärische Architektur und den Wasserbau; 
Milizia fügt auch noch den Schiffsbau hin- 
zu); die zivile Architektur ist vor allem 
das Anwendungsfeld der fünf architekto- 
nischen Ordnungen, die von den klassi- 
schen Theoretikern überliefert worden 
sind; somit liegt das Interesse auf jenen 
allgemeinen Regeln, die für jedes zu 
bauende Gebäude Gültigkeit besitzen, da 
sie sich auf die Architektursprache als 
solche und im besonderen auf deren Ele- 
mente beziehen. Wir finden folglich Re- 
geln der Symmetrie, der Proportionalität, 
der Harmonie usw. 
Bei Francesco Milizia findet sich eine 
erste grobe Einteilung der Gebäude bezüg- 
lich ihrer Nutzung, und zwar in private 
und öffentliche, und eine Klassifizierung 
der öffentlichen Gebäude nach ihrer Be- 
stimmung. Diese werden nämlich unter- 
teilt in: Gebäude Öffentlicher Sicherheit 
(Kasernen, Gefängnisse, Arsenale, Häfen, 
Leuchttürme usw.), Gebäude öffentlichen 
Nutzens (Universitäten, Bibliotheken, 
Kunstakademien, Kollege (Erziehungsan- 
Stalten)), öffentliche Gebäude (Gericht, 
Börse, Münzstätte), Gebäude öffentlicher 
Versorgung (Plätze, Schlachthöfe, Back- 
häuser), Gebäude für Gesundheit und öf- 
Fentliche Bedürfnisse (Krankenhäuser, La- 
Zarette, Friedhöfe, Bäder), Gebäude öf- 
fentlicher Pracht (Triumpfbögen, Obeliske, 
Säulen), Gebäude für Öffentliche Veranstal- 
tungen (Zirkus, Theater), Gebäude größerer 
Erhabenheit (d.h. Kirchen)3). Diese Be- 
schreibung der verschiedenen Bedürfnisse 
konkretisiert sich nicht in Prototypen, son- 
dern zeigt die Möglichkeit einer Typolo- 
gie an, die, indem sie in Werken realisiert 
wird, dazu neigt, die wesentlichen Eigen- 
schaften der Beschreibung zu wiederholen. 
Nichtsdestoweniger ist es interessant zu 
beobachten, daß man für den größten Teil 
der aufgeführten Bauten eine im wesent- 
lichen originäre Anordnung vorsieht; diese 
Bauten werden in der Tat nicht nur als eine 
Gelegenheit gesehen, d/e Stadt in einem ge- 
nerellen Sinne zu erweitern, sondern auch 
als eine Möglichkeit begriffen, neue Para- 
meter in die Stadt einzuführen, die, zuein- 
ander in Beziehung gesetzt, ihr eine unter- 
schiedliche und vollkommen neue Form 
geben. So sieht man zum Beispiel für die 
öffentlichen Gebäude vor, daß sie „nicht 
weit vom Zentrum der Stadt gelegen und 
um einen großartigen gemeinsamen Platz 
herum verteilt seien”. Eine Beziehung zu 
der existierenden städtischen Struktur, 
wenn auch modifiziert durch die Eingrif- 
fe, die man sich vornimmt, ist auch in den 
Vorschlägen der Architekten der Aufklä- 
rung gegenwärtig. 
Bei der Vorstellung seines Projektes 
einer Börse analysiert Claude Nicolas Le- 
doux das, was wir heute als „Funktionen” 
bezeichnen würden, d.h. die sich im Ge- 
bäude abspielenden Aktivitäten und ihre 
notwendigen Beziehungen; aber er befaßt 
sich auch, wenn auch nur kurz und ge- 
drängt, mit dem Standort des Projekts 
und seiner möglichen „Darstellung". 
„Welches ist die generelle Anordnung dieses Ge- 
bäudes? Das ist sie: Es ist notwendig, daß es, 
von allem Überflüssigen befreit, in das Zentrum 
der Stadt gestellt wird. Es sind ein großer Saal 
für Versammlungen und kleinere Säle, um dort 
private Interessen zu diskutieren, Entscheidun- 
gen zu fassen und Sendungen lenken zu kön- 
nen; man braucht überdeckte Portiken, die vor 
den Launen des Wetters geschützte Diskussio- 
nen. ermöglichen ... 4) 
Ebenso schlägt Louis Boullee seine 
Oper innerhalb der schon bestehenden 
städtischen Struktur, zwischen dem Lou- 
vre und den Tuillerien, als zentralen Platz 
vor, um gleichzeitig die Möglichkeit zu 
haben, einen repräsentativen Teil der 
Stadt formal zu vollenden®), Diese Vor- 
stellungen setzen sich wenig später auch 
politisch durch. Denn Napoleon antwor- 
tete auf den Vorschlag des ‘Conseil des 
Batiments’, die neue Börse auf dem Ge- 
lände des Klosters der ‘Filles de Saint- 
Thomas’ zu bauen, mit der Vorstellung, 
daß es seine Absicht sei, eine Börse zu 
errichten, die der Bedeutung der Haupt- 
stadt und der Anzahl der Geschäfte, die 
eines Tages in der Börse vollzogen werden 
sollten, entspreche: „Schlagt mir eine ge- 
eignete Umgebung vor. Es ist notwendig, 
daß sie geräumig ist, um somit Promena- 
den um die Börse herum zu haben. Ich 
möchte eine isolierte Anordnung.” 
Der Bezug zu den Architekten der Auf- 
klärung ist deshalb nicht zufällig: Sie ga- 
ben zum ersten Mal Gebäuden eine konkre- 
te Form, welche, ex novo erfunden und in 
einer präzisen formalen Sprache entwickelt, 
Aktivitäten sich entfalten ließen und stei- 
gerten, die zum Teil schon in der damali- 
gen Gesellschaft vorhanden waren; aber 
durch diese bauliche Bestätigung wurden 
sie allen bekannt (dieser Begriff in seinen 
geschichtlichen Klassengrenzen verstanden); 
d.h. es wurde möglich, die Präsenz und 
den Gebrauch dieser Aktivitäten auf alle 
Gesellschaften gleicher Art auszudehnen. 
Und es handelt sich nicht nur darum, sich 
repräsentative Bauten vorzustellen, sondern 
es handelt sich auch darum, der ganzen 
Reihe von Aktivitäten Form zu geben, die 
schon vorhanden waren oder in der neuen 
Gesellschaft möglich geworden sind; und 
zwar, indem man diese Aktivitäten diffe- 
renziert, um deren Begründung zu systema- 
tisieren, und ihre neuen Inhalte bereichert, 
dadurch, daß man sie genau durch die Ge- 
bäude, die sie darstellen, typisch werden 
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