Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

Deshalb wollen wir untersuchen: 
1. Jene Richtungen, die sich unter Bezug- 
nahme auf die Sprache als einem bloßen 
technischen, neutralen Faktor gegen die 
Destruktion der Sprache wenden, wie sie 
von einer bürokratisierten Architektur aus- 
gelöst worden ist. Hierdurch wird es uns 
möglich sein, diejenigen Antworten aufzu- 
decken, die uns von der Profession und der 
Forschung gegeben werden, die sich um 
eine Erneuerung des Bewußtseins für 
sprachliche Prozesse und um den Anschluß 
an die Experimente der von den formalisti- 
schen Methodologien beeinflußten Avant- 
garde bemüht. 
2. Die Versuche, die sich mit der Zerstö- 
rung der Sprache selbst und mit der sy- 
stematischen Destruktion der Form, die 
auf eine umfassende Kontrolle der techni- 
schen Umwelt ausgerichtet ist, befassen. 
3. Bemühungen, die Architektur als Kritik 
und Ironie zu interpretieren, sowie solche, 
die bewußt die Möglichkeit architektoni- 
scher Kommunikation zugunsten eines neu- 
tralen Systems von “Informationen” ab- 
lehnen. 
4. Die Entwicklung eines Architekturver- 
ständnisses, das auf eine Neuorganisation 
der kapitalistischen Arbeitsteilung zielt, 
was zu einem neuen Verständnis der Rolle 
des Technikers in der Bauproduktion führt, 
d.h. die ihn als verantwortlichen Partner 
in der ökonomischen Entwicklung und als 
Organisator, der in den gesellIschaftlichen 
Produktionsprozeß direkt integriert ist, ver- 
steht. 
Wir werden diese grundsätzlichen Haltun- 
gen jedoch ohne leichtfertigen Optimismus 
untersuchen, um die Rolle der komplizier- 
ten Beziehungen zwischen den Intellektu- 
ellen und der Klassenbewegung zu klären. 
Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß 
jede Analyse, die die strukturelle Bezie- 
hung zwischen den spezifischen Formen 
der architektonischen Sprache und dem ge- 
sellschaftlichen Produktionsprozeß, dessen 
Teil sie zugleich sind, zu verstehen versucht, 
dies immer nur kann, indem sie dem Ob- 
jekt der Analyse selbst Gewalt antut. Mit 
anderen Worten: die Kritik sieht sich selbst 
gezwungen, einen ‘repressiven” Charak- 
ter anzunehmen, wenn sie versucht, das an 
Strukturen offenzulegen, was über die 
Sprache selbst hinausgeht; d.h. wenn sie 
versucht, die Autonomie architektonischer 
Zeichensprachen auf den Begriff zu brin- 
gen, bzw. versucht, das ‘tödliche Schwei- 
gen der Zeichen” zum Sprechen zu brin- 
gen — so, wie dies scharfsinnig schon in 
Nietzsches Frage: ‘Wer spricht?”, und in 
der Antwort Mallarmes: ‘Das Wort selbst”, 
1) zum Ausdruck kommt. Das würde augen: 
scheinlich jeden Versuch ausschließen, die 
Sprache als ein System von Bedeutungen 
zu befragen, deren diskursiven Zusammen- 
hang es notwendigerweise aufzuschlüsseln 
gilt. Wir müssen deshalb da, wo die zeitge- 
nössische Architektur ostentativ die Frage 
nach ihrer Bedeutung aufwirft, nach den 
Zeichen einer regressiven Utopie suchen, 
selbst dann, wenn diese Zeichen einen 
Kampf gegen die Rolle einer “Sprache” 
mimen. Diese Auseinandersetzung wird 
A. N 
James Stirling: Engineering Laboratory der A. und V. Vesnin: Entwurf für den Sowiet- 
Leicester Universität, 1959 - 63, Axonometrie palast (Wettb.), 1923. Axonometrie 
„ 
James Stirling: Studentenheim der St. Andrews Universität, Schottland, 1964 - 68 
deutlich, wenn wir in neueren Werken se- 
hen, wie die kompositorische Strenge auf 
prekäre Weise zwischen den Formen des 
“Kommentars’(der Zeichen durch Zeichen) 
und der “Kritik” (der Bedeutung der Zei- 
chen) schwankt. Eines der besten Beispiele 
hierfür ist die Arbeit von James Stirling. 
Kenneth Frampton, Marc Girouard, Jo- 
seph Rykwert und Charles Jencks unter- 
scheiden sich voneinander in der Art der 
Versuche, den rätselhaften und ironischen 
Gebrauch von “Zitaten” in Stirlings Ar- 
beit zu interpretieren. 2) 
Stirlings neuere Arbeiten, die Siemens- 
Zentrale in München, die Ausbildungsschu- 
le von Olivetti in Haslemere und der Woh- 
nungsbau für die Neue Stadt Runcorn, lie- 
ßen uns auf einen Richtungswechsel hof- 
fen, einen Bruch mit den unruhigen Kom- 
positionen aus konstruktivistischen, fu- 
turistischen, paxtonianischen und viktoria- 
nischen Erinnerungen seiner Universitäts- 
bauten in Leicester, Cambridge und Ox- 
ford und des Bürgerzentrums, das er in 
Zusammenarbeit mit Leon Krier für Derby 
entworfen hat. 3) Die Parabel, der Stir- 
ling folgte, ist von hoher innerer Konsi- 
stenz. Sie offenbart in der Tat die Konse- 
quenz einer Reduktion des architektoni- 
schen Objektes auf reine Sprache, obwohl
	        

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