Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

unangemessene Gestaltung man hätte ver- 
meiden können, wenn man dem Meister 
(und seinem alter ego Wisniewski) gestat- 
tet hätte, sie in seinem Sinne zu gestal- 
ten. Es betrifft die Änderungen in der 
Funktion der Bibliothek. 
DER RAUM AN SICH 
Oder hätten diese Änderungen Scharoun 
am Ende gar nicht so sehr gestört, wie 
wir meinen? Hätte er sich befriedigt 
erklärt, daß er einen Raumzusammen- 
hang verwirklichen durfte, desgleichen 
kein zweiter gebaut wurde? Er hätte 
Grund gehabt, zufrieden zu sein. Denn 
der Raum ist zwar durch viele kleine 
und einige nicht so kleine Änderungen 
in seiner Wirkung beeinträchtigt; aber 
diese Wirkung setzt sich gleichwohl 
durch, wir empfinden den Triumpf 
dieses Raumes bei jedem Schritt. Uns, 
gestehen wir es denn, uns stört die fal- 
sche Benutzung, w/r können den auf 
die Funktion hin geplanten Raum nicht 
von der Benutzung gegen die Funktion 
trennen, welche uns allenthalben ent- 
gegentritt. An dieser Stelle muß die 
Frage erlaubt sein, in welchem Maße 
Scharouns Raumschöpfung selbst be- 
reits über die Funktion hinausgegangen 
ist. Wir hatten Gelegenheit, das bei 
der Betrachung des Foyers zu bemer- 
ken. So wie Scharoun es geplant hat, 
als einen ständig von vielen Menschen 
durchwanderten Raum, war es selbst 
unter den angenommenen optimalen Be- 
dingungen (1200 Leser) nicht zu verwirk 
lichen. Und gilt nicht — mutatis mutan- 
dis — das Gleiche für die Lesesäle, für 
den weiten Raum des Katalogs im Erd- 
geschoß, für die Areale zu ebener Erde 
und auf Galerien, die offenbar nur den 
Zweck haben, daß sich auf ihnen Men- 
schen bewegen? : Öffentlichkeit im 
Raum, der Raum für das Leben der Öf- 
fentlichkeit, riesige Hallen, Gänge, Trep- 
pen, die recht eigentlich keinen anderen 
Sinn haben, als den, daß sich das Volk 
auf ihnen bewege, sich im Raum darstel- 
le, im Raum und durch den Raum. 
Scharoun hat während des Krieges eine 
Anzahl von Skizzen gemacht, in denen 
eben dies dargestellt wird. Es sind sehr 
große öffentliche Gebäude, auf deren 
Galerien, Rampen, Treppen, Terrassen 
sich eine Menge Volkes bewegt: das Pro- 
jekt einer öffentlichen Architektur, das 
Gegenprojekt, vielleicht, zu Albert 
Speers steriler Staatsachritektur. Man 
hat das Gefühl, der Meister habe Speer 
zugerufen: „Dimension? Ja! ... Aber ...!” 
In der Bibliothek fand er einmal im Leben 
die Dimension, in der sich seine öffent- 
liche Architektur verwirklichen ließ, und 
zwar innen /m Raum. Man möchte von 
idealen Bedingungen für eine ideale Ar- 
chitektur einer idealen Gesellschaft spre- 
chen. Ist es so, dann kommt es am Ende 
nicht darauf an, wie man diese Räume 
benutzt. Sie sind da, wir besitzen sie. 
Das sollte genügen. 
Natürlich führt diese Architektur weit 
über Härings Funktionalismus, über sei- 
ne „‚Leistungsform”’’ hinaus. Weit darü- 
ber hinaus ... aber wo führt sie hin? Die 
Federzeichnung eines öffentlichen Gebäudes. Scharoun während des Krieges. 
ideale Gesellschaft, der Scharouns Skiz- 
zen aus dem Kriege und der, wie wir 
sahen, wohl auch seine Bibliothek ge- 
widmet ist, wir sind sie nicht. Ist es mög- 
lich, daß der Raum uns in diese Sphäre 
emporhebt? Er verwandelt uns, das 
haben wir vom ersten Schritt an in die- 
sem Hause erfahren. Dann würde es 
sich hier also letzten Endes um eine 
Architektur handeln, die von alltägli- 
chen Zwecken entbunden ist. 
Solcher Art war die Architektur der 
Skizzen aus den Kriegsjahren. Man kann 
Zwecke dieser großen Strukturen nur 
ahnen, besser gesagt, man kann ihnen 
Zwecke unterlegen. Es sind immer die 
Zwecke der öffentlichen Versammlung, 
anders vermag ich, jedenfalls, diese Vi- 
sionen nicht zu deuten. Aber eine Bib- 
liothek bleibt eine Bibliothek: kein 
Haus der Versammlung, ein Haus des 
Studiums. 
Und so bleibt am Ende die Frage 
unabweisbar, ob dieser große Bau 
eigentlich stimmt. Sie ist der Bau für 
eine festliche Menge, die dem Musikge- 
schehen hingegeben ist. Raum und In- 
halt sind kongruent. Vielleicht werden 
wir gut tun, die Beantwortung der Fra 
ge, ob sie es in der Bibliothek ebenfalls 
sind, der Zukunft zu überlassen. Aber 
ein Zweifel bleibt.
	        

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