Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

menarbeit mit den verschiedenen Wirt- 
schaftszweigen unter Aufrechterhaltung 
der freien Konkurrenz. 
Diesen Eigenarten des Bauwesens 
werden nur Individualbetriebe gerecht, 
die für alle, für Gemeinden wie für Pri- 
vate, bauen müßten. Von diesem Grund- 
gedanken ausgehend, ließ Wagner nur 
den 3. Weg gelten. Die Leitung der so- 
zialisierten Baubetriebe sollte den Arbei: 
tern selbst übertragen werden, genauer, 
der Organisation aller baugewerblichen 
Hand- und Kopfarbeiter, der Baugewerk- 
schaft. Die Grundlagen für diese Pläne 
hatte Wagner dem englischen Gildenso- 
zialismus entnommen. Das Eigentum an 
den Produktionsmitteln und am erziel- 
ten (minimierten) Gewinn sollte der Ge- 
samtheit gehören, vertreten durch den 
Staat, die Betriebe sollten an die jeweili- 
gen Berufsgruppen — als Gilden organi- 
siert — verpachtet werden. Diese, wie er- 
wähnt, in England ausgearbeitete Theo- 
rie, schlug in Deutschland praktisch ein. 
Mit Unterstützung des Bauarbeiterver- 
bandes und der Siedlungsbank für Berlin 
wurde 1919, allerdings gegen den massi- 
ven Wiederstand der privaten Wirtschaft 
der erste sozialisierte Baubetrieb — die 
erste deutsche Bauhütte — gegründet. 
Die Bewegung setzte sich durch. Ab 
1920 wurden in allen größeren deutschen 
Städten entweder Bauhütten gegründet 
oder Produktivgenossenschaften in ge- 
meinnützige Bauhütten umgewandelt. 
Sie schlossen sich im Dachverband der 
sozialen Baubetriebe zusammen. Der 
Freie Gewerkschaftsverband ADGB 
stellte das benötigte Kapital zur Verfü-, 
gung und sicherte sich auf die folgende 
Entwicklung seinen Einfluß. 1924 war 
gin Umsatz von 40 Millionen. RM er- 
reicht, 1929 schon 140 Millionen. 1930 
waren 130 soziale Baubetriebe dem Ver- 
band angeschlossen. Der erste wichtige 
Schritt zur Verbilligung der Wohnungs- 
produktion war getan, zwei weitere 
Schritte standen bevor. Die Sozialisie- 
rung war auf die Verteilung und Verwal- 
tung von Wohnungen auszudehnen. 
2. Das Programm der genossenschaftli- 
chen Heimstätten. 
Die Gunst der Stunde schien noch weite- 
re Reformen zuzulassen. Ermuntert vom 
Erfolg der Sozialisierung der Produktion, 
als wesentliche Voraussetzung zur Ver- 
billigung des Wohnungsbaus, stellte Wag- 
ner die nächste Frage: Wie soll der im- 
mense Kapitalbedarf gedeckt werden? 
Investierte früher das Privatkapital, so 
war diese Quelle versiegt. Bei um über 
1000 % gestiegenen Baukosten waren 
alle Verbilligungsversuche ein Tropfen 
auf den heißen Stein. Die erzielbare Miete 
deckt bei weitem nicht die Verzinsung 
der Neubaukosten. 
In den Verhandlungen der Sozialisie- 
rungskommission über die Neugliederung 
des Wohnungswesens wurden viele Vor- 
schläge zum Problem der Neubau- und 
Sanierungsfinanzierung gemacht. Der 
Vorschlag von Wagner und KAMPFMEYER 
soll ein wenig näher angesehen werden. 
Nicht eine Mietsteuer soll den Woh- 
nungsbau finanzieren — Wagner verwarf 
seinen eigenen Vorschlag von 1917, der 
freilich später die Grundlage für die 
reale Entwicklung, für die Konzipierung 
des Hauszinssteuergesetzes abgeben soll- 
te — sondern Se/bstverwaltungsk örper 
des Wohnungswesens finanzieren mit ih- 
rem Vermögen den neuen Wohnungsbau 
Was heißt das? Mieter und Hausbesitzer 
werden zu genossenschaftsartigen Heim- 
stätten zusammengeschlossen. Eine Heim. 
stätte umfaßt 500 - 1000 Wohnungen. 
Sie ist die Basiseinheit, der neue selb- 
ständige Träger der Gemeinwirtschaft 
im Wohnungsbau. Verwaltung und Neu- 
bau von Wohnungsn werden finanziert 
durch Mietanteile und Heimstättenantei- 
le der genossenschaftlichen Mitglieder. 
Diese demokratischen Basisorganisatio- 
nen, die sowohl der Privatwirtschaft als 
auch den Konzepten des Staatssozialis- 
mus eine Alternative entgegenstellten, 
sind nicht realisiert worden. In ihnen wa- 
ren nicht nur ökonomische, sondern vor 
allem Chancen einer politischen Soziali- 
sation der Massen angelegt. 
Die Sozialisierungskommission hatte 
keine eindeutigen Empfehlungen gegeben, 
ohnedies war das umrühmliche Ende der 
Sozialisierungsdiskussion gekommen. Ab 
1920 fühlten sich Kapital und Bour- - 
geoisie wieder stark genug, auch ohne 
so weitreichende Reformkonzessionen 
den weiteren wirtschaftlichen Aufbau in 
die Hand zu nehmen. Die Umorganisa- 
tion des gesamten Wohnungsbesitzes war 
nicht mehr nötig. 
Martin Wagner unterbreitete seine 
Pläne zwar noch einmal in einem ein- 
dringlichen Referat vor dem deutschen 
Städtetag Ende 1920, doch sie blieben 
Programm. Eine andere Reformidee hin- 
gegen konnte realisiert werden: 
3. Sozialisierte Bauherrenorganisation: 
DEWOG 
Die Bauhütten haben nicht selbst gebaut, 
d.h. nicht für eigenen Auftrag. Sie wur- 
den für andere tätig. Noch fehlte eine 
gemeinnützige Bauherrenorganisation. 
Wieder war es M. Wagner, der die Ent- 
wicklung voranbrachte. Seine Absicht _ 
war, neben die Selbsthilfe der Bauarbei. 
ter die Se/bsthilfe der Wohnungsbedürf- 
tigen zu stellen. Die unversorgten Woh- 
nungssuchenden sollten sich zu Sparge- 
nossenschaften zusammenschließen. Das 
„Wartekapital” soll nicht nur eine billi- 
ge Kapitalquelle abgeben, sondern noch 
andere Kapitalquellen erschließen. Die- 
se Gelder sollen sofort und restlos dem 
baugewerblichen Produktionsprozess ZW 
geführt werden. Als Organisationsform 
schlug Wagner eine örtliche Dachgesell- 
schaft vor, in denen alle Baugenossen- 
schaften zusammengeschlossen sind. Die- 
se neuen Dachgesellschaften sollen sich 
zu Bezirks-, Landes- und Reichsverband 
zusammenschließen und so eine große 
Auftraggeberorganisation bilden, die mit 
dem „Wartekapital” arbeitet. Wagner hat 
den Verband sozialer Baubetriebe und 
die Spitzenverbände der Gewerkschaf- 
ten überzeugen können: am 24.3.1924 
wurde der Anfang gemacht — allerdings 
mit der Gründung des obersten Reichs- 
verbandes, der REWOG, später zu 
DEWOG umbenannt. Man hat das Pferd 
vom Schwanze aufgezäumt, in der Hoff- 
nung, daß sich die Basis, nämlich die be- 
stehenden, traditionsreichen Baugenos- 
senschaften, schon anschließen werden. 
Diese Hoffnung ging allerdings nur teilwei- 
se in Erfüllung. Die Genossenschaften 
(in der Hauptsache ihre Führer, so die 
beiden Albrecht) weigerten sich, die Hal- 
bierung ihrer Aufgaben zu akzeptieren. 
Denn während zukünftig die DEWOG 
die Produktion von Wohnungen organi- 
sieren sollte, d.h. die Nachfrage zusam- 
menfaßt, das Baugeld beschafft, geeigne- 
te große Baulandflächen kauft, kurz: als 
gemeinnütziger Großhändler auftritt, 
sollten die Baugenossenschaften zukünf- 
tig nicht mehr selbst bauen. Die Bauge- 
nossenschaften sollten, nachdem die 
DEWOG die Baugenossen mit Wohnun- 
gen versorgt hat nur noch die Verwal- 
tung und Pflege der Wohnungen als Ge- 
nossenschaftsaufgabe übertragen bekom- 
men. 
Die Genossenschaftsbewegung wehrte 
sich mit dem Argument, daß wichtige Po- 
tentiale demokratischer politischer Erfah- 
rung mit dem Wegfall des Selbst-Bauens 
verloren gingen, die durch das bloße Ver- 
walten der Wohnungen nicht wieder er- 
zeugt werden. 
Ein gewiß nicht zu unterschätzendes 
Argument, wie wir heute deutlich sehen, 
Jedoch Wagner hatte mit dem Gesichts- 
punkt der höheren Rationalität die hi- 
storische Entwicklung auf seiner Seite. 
Er forderte die institutionelle Trennung 
der Produktion von der Verwaltung der 
Wohnungen mit dem Argument, daß 
die Rücknahme der Arbeitsteiligkeit durch 
die traditionelle Genossenschaftsidee ei- 
ne höchstmögliche Effektivität des Pro- 
duktionsprozesses behindere. 
Mit der Ausbreitung der gemeinnützi- 
gen Institutionen wurde zwar tatsächlich 
dann der Produktionsprozeß der Massen- 
wohnung auf eine neue rationelle Grund- 
lage gestellt. Aber verloren ging ein Stück 
Arbeiterkultur aus der sozialutopischen 
Phase der Arbeiterbewegung. 
Die Genossenschaften als Selbsthilfe- 
einrichtungen der Arbeiterschaft haben 
nicht nur schon seit dem 19. Jhdt. die 
Wohnungsnot der Arbeitergelindert, sie 
waren auch Quelle eines politisch-schöp- 
ferischen Solidaritätsgefühls. Diese ver- 
mittelten die zunehmend sich entfrem- | 
denden und sich bürokratisierenden‘ Insti- 
tutionen des neuen gemeinnützigen 
Bauens nicht mehr. Was Wagner noch 
emphatisch als „verlängerten Arm der 
Selbsthilfe’ der Kontrolle der Nutzer 
anheimstellen wollte, wurde dann zum 
anonymen Großunternehmen. Und zwar 
in dem Maße, wie die allgemeine Kon- 
trolle der Wirtschaft durch die Arbeiter. 
die im Konzept der Gemeinwirtschaft 
und Wirtschaftsdemokratie vorgesehen 
war, sich zerschlug. 
Innerhalb weniger Jahre sind 12 
Tochtergesellschaften der DEWOG ent- 
standen. Die erste war die GEHAG. Sie 
organisierte ab 1924 die Groß-Siedlung 
Berlin-Britz, genannt die Hufeisensiedlung.
	        

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