Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

Klaus Novy 
Der Wiener Gemeindewohnungsbau: 
„Sozialisierung von unten“ 
Oder: Zur verdrängten Dimension der Gemeinwirtschaft als Gegenökonomie 
1. Von Niederlage zu Niederlage — das Di- 
lemma gesamtwirtschaftlicher Reform- 
versuche 
Die strategische Bedeutung gemeinwirt- 
schaftlicher Inseln — vom „Roten Wien” 
zum „Roten Österreich” 
Die Demontage eines Modells — der 
wunderliche Mythos eines gescheiterten 
Weges 
Das „Rote Wien” — erfolgreichstes Bei- 
spiel reformsozialistischer Politik 
5. Die „revolutionäre’” Ökonomie der Wie- 
ner Wohnungspolitik 
5.1 Mietstop und Inflation — das 
Ende eines Marktes 
5.2 Das Wohnungsangebot — von der 
Ware zur kommunalen Dienst- 
leistung 
Revolution in der Finanzierung 
— über 60.000 Wohnungen ohne 
Kreditaufnahme 
Die „Nullifizierung der Grund- 
und Hausherrnrente”” 
Die Wohnungsproduktion als 
kommunales Arbeitsbeschaf- 
fungsprogramm 
„Weniger ist mehr” — Exkurs 
zum volkswirtschaftlichen Sinn 
eines politisch verlangsamten 
Einsatzes von technischem 
Fortschritt 
Innergemeinwirtschaftliche Kreis- 
läufe — Ansätze zur „vertikalen 
Sozialisierung” 
Marktgesetze im Dienste der Wirt- 
schaftsreform — Bodenpreisbil- 
dung und Bodenpolitik der 
Gemeinde 
5.9 Die „Politisierung” schafft „‚neue” 
Probleme 
6. Die Grenzen der Ökonomie und Sozial- 
politik — Reformen als soziale Bewegung 
6.1 Von der individuellen zur gemein- 
schaftlichen Versorgung — die Or- 
ganisationsangebote der Gemeinde 
6.2 Von der passiven zur aktiven Be- 
dürfnisbefriedigung — die Organi- 
sationen der Arbeiterbewegung 
7. Das Ende — Selbstvergessenheit des Re- 
formsozialismus 
58 
1. VON NIEDERLAGE ZU NIEDERLA- 
GE — DAS DILEMMA GESAMT- 
WIRTSCHAFTLICHER WIRT- 
SCHAFTSREFORMVERSUCHE 
Die Geschichte sozialreformerisch moti- 
vierter, gesamtwirtschaftlicher Reformver- 
suche ist eine Geschichte von Niederla- 
gen. Die Gefahr, programmlos überrascht 
zu werden — wie 1918 in Deutschland 
und Österreich — ist zweifellos überwun- 
den. Doch der rein quantitative Umfang 
von Wirtschaftsreformprogrammen bürgt 
allein nicht für Erfola1. Und so gerieten 
Fuchsenfeldhof, erbaut 1922/24 (1085 Wohnungen) 
die Mehrzahl der zentralstaatlichen Re- 
formversuche eher zur Belastung ihrer po- 
litischen Träger. Die von der SPD 1919 
durchgesetzte „industrielle Selbstverwal- 
tung” in der Kohle-, Kali- und Eisenin- 
dustrie wurde zum Fiasko2, Das noch 
entschieden eingriffstiefere Nationalisie- 
rungsprogramm der Labour Party nach 
1945 beendete bald diese historisch selte- 
ne Chance einer Alleinregierung einer Ar- 
beiterpartei. Dies sind nur zwei Beispiele 
einer längeren Kette von Frankreich 1936 
bis Portugal 1974, die alle eine eigentüm- 
liche ‚Ohnmacht des Sieges’’ (Weissel) 
indizieren, die in seltsamen Kontrast 
zum verbreiteten Bewältigungsoptimis- 
mus steht, wie er sich noch in jüngsten 
Programmen (Programme Commun 
1972) und in aktueller reformpolitischer 
Literatur 3 findet. 
Diese Machbarkeitsillusionen sind um- 
so überraschender, bedenkt man, daß die 
meisten Reformregierungen nicht einmal 
viel schwächere Eingriffe überstanden 
haben. Abläufe wie die folgenden sind 
typisch: 
® Erhöhung der unteren Einkommen, 
Verkürzung der Arbeitszeit, Demokra- 
tisierung und Humanisierung am Arbeits- 
platz. 
® Sollen diese reforminduzierten Leistun- 
gen ihren originären Zielgruppen zu- 
gute kommen, müßte eine Überwälzung 
der dadurch in den Unternehmen entstan- 
denen Kosten auf die Preise — und damit 
auf die Konsumenten — verhindert wer- 
den. Also Preiskontrolle der wichtigsten 
Produktarten. 
® Daraus folgt eine Gewinnkompression 
in der Privatwirtschaft, die ihre In- 
vestitionstätigkeit drosselt; ihr fehlen auch 
die Selbstfinanzierungsmöglichkeiten. 
Dem „Investitionsstreik” folgt eine Krise 
der Investitionsgüterindustrie, Rückgang 
des Volkseinkommens und Arbeitslosig- 
keit. 
® Auf der anderen Seite werden die er- 
höhten Einnahmen der unteren Ein- 
kommensgruppen für Konsumausgaben 
verwandt: Steigerung der Konsumquote 
— Sinken der Sparquote. Zunahme der 
Konsumgüterimporte, da einheimische 
Industrie wegen des Preisstops und der po- 
litischen Unsicherheit nicht expandiert; 
es auch so schnell nicht könnte. 
® Die spätestens jetzt passiv werdende 
Zahlungsbilanz frißt — falls vorhan- 
den — die Devisenreserven auf und macht 
schließlich von ausländischen Krediten 
abhängig. 
® Die Umschichtung der Nachfrage ge- 
koppelt mit der Preiskontrolle führt 
zur zunehmenden Verweigerung des Pri- 
vatkapitals (Arbeitslosigkeit und Kapital- 
Flucht) und erzwingt weitergehende Re- 
formeingriffe (öffentliche Kontrolle, So- 
zialisierung). 
e Vielfach wird aber — da die meisten 
Reformregierungen nur über eine außer- 
ordentlich knappe und prekäre Mehrheit 
verfügen — eher der Weg der Lockerung 
der Preiskontrolle und der Wiederstimu- 
lierung der Privatwirtschaft gegangen, 
was — zusammen mit dem Wertverfall 
der Währung (Kapitalflucht, passive 
Zahlungsbilanz) und der damit impor- 
tierten Inflation — zum Explodieren des 
aufgestauten Preisdruckes führt: ga/oppie- 
rende Inflation. 
® Schließlich gehen durch die unentrinn-.
	        

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