Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

„Bierpalast” 
® Bewegungsdom: Meditationswork- 
shop 
®e Gesundheitsschnecke: ‚„Ausgeflippt, 
was dann? ”” — konkrete Erfahrungen 
mit der Psychiatrie 
Architektenhaus: Offenes Treffen der 
Architekten 
Gesundheitsschnecke: Natürliche 
Heilmittel 
großes Zelt: Film — Bilder aus Lü- 
chow Dannenberg 
Gesundheitsschnecke: Informatio- 
nen und Diskussion über Atemthera- 
pie 
Die Funktion der Häuser wurde häufig 
mißverstanden; Kritik kam auf — „Aben- 
teuerspielplatz für Erwachsene”, „Spiel- 
wiese” .., wurde ins Besucherbuch ge- 
schrieben, einer fühlte sich an seine 
„Baumbudenzeit” erinnert. Ich habe 
das eigentlich nie als Kritik verstanden, 
denn was wäre gegen einen Abenteuer- 
spielplatz für Erwachsene einzuwen- 
den? Auch die Vermutung, daß die 
Bauten eine Alternative zur bestehen- 
den Architektur darstellen sollten, hat- 
te nichts mit unseren Intentionen zu 
tun. Wir brauchten Räumlichkeiten für 
verschiedene Gruppen und Aktivitäten, 
Häuser, die für 6 Wochen einem be- 
stimmten Zweck dienen sollten, die 
nichts kosten durften und die innerhalb 
von ca. 5 Wochen von uns aufgebaut 
worden sein mußten. Und diese Häuser 
haben ihren Zweck erfüllt, nicht mehr 
und nicht weniger, alles andere ist ihnen 
aufgesetzt bzw. in sie hineininterpre- 
tiert worden. 
Für die, die mitgewirkt haben, war 
es eine wichtige Erfahrung zu sehen, 
daß man aus einem Haufen Müll ein 
funktionierendes Dorf aufbauen kann; 
man merkte, daß man mit Fantasie und 
Improvisationsgeschick etwas auf die 
Beine stellen konnte, ein für das Grup- 
penverständnis wichtiger Erfahrungspro- 
zeß, da wir das Festival nicht nur für 
den Besucher veranstaltet haben, son- 
dern auch für uns. Viele haben auf 
dem Platz gewohnt, und 6 Wochen lang 
ausprobiert und geübt, was im norma- 
len Lebenszusammenhang kaum möglich 
ist, nämlich in einer selbstgestalteten 
und selbstverwalteten Umwelt zu le- 
ben, zu lieben, zu arbeiten, zu essen 
und zu schlafen. 
Viele haben den Platz die ganze Zeit 
über nicht verlassen, es war alles da, 
was sie brauchten, von der Sonnenkol- 
lektor-Dusche über den Backofen bis 
zum Biogasklo war alles vorhanden, Ca- 
fe, Restaurant, Kneipe, Ruhe- und Ak- 
tionsräume, Theater, Musik und Feste; 
man wohnte in den Häusern, die dafür 
geeignet waren, je nach Beziehungs- oder 
Wetterlage verteilten sich dann die Schlaf 
plätze unterschiedlich. 
„Wir hatten zum ersten Mal die Gelegen- 
heit, ohne äußere Zwänge von Hausbe- 
sitzern, Moralaposteln, Arbeitgebern so 
zu leben, wie es uns als Ideal vorge- 
schwebt hat, gemeinsam mit vielen an- 
deren Leuten, die ähnliche Vorstellun- 
gen und Lebensauffassungen haben wie 
wir; und nicht nur gemeinsam zu leben, 
sondern auch an der gleichen Sache zu 
arbeiten — wo kann man das sont noch 
verwirklichen? ” 
„Ich schlief zuerst im Geodom, der 
abends mit seiner gewölbten Kuppel ein 
eigentümliches, schönes Gefühl der Ge- 
„Großstadtdorf” 
borgenheit vermittelte. Als dann der 
große Regen einsetzte, zog ich mit mei- 
nen zwei Katern und Lieblingsblumen 
hinüber zur Bühne, wo ich dann auch 
bis zu deren Abbau wohnen blieb. Sie 
hatte viele Vorteile, wenn es regnete, 
konnte man sich hinter die Planen zu- 
rückziehen, bei schönem Wetter konn- 
te man auf der Plattform schlafen und 
sich morgens die Sonne auf den Körper 
scheinen lassen.’ 
Für viele wurde das Leben auf dem 
Platz zum angenehmen Alltag, und den 
meisten fiel der Weg zurück in ihre Alt- 
bauwohnungen nicht leicht. Einige 
blieben nach dem Festival zusammen, 
die anderen hat es wieder in alle Winde 
zerstreut, aber jeder war nach den 
6 Wochen um einige wichtige Erfahrun- 
gen reicher. 
„Jetzt, da das Ende gekommen war, 
galt es, die Ausstellung weiterziehen zu 
lassen, während wir unsere vertrauten 
Holzbuden abreißen und sie mit den un- 
würdigen Wänden der jeweiligen Woh- 
nungen vertauschen mußten. Das woll- 
te keinem von uns leichtfallen, zumal 
uns die Hütten in voller Sommersonne 
alles andere als abbruchreif anlachten.” 
Einige der abgebrochenen Architek- 
turteile tauchten im Kreuzberger Fabrik: 
etagenbau wieder auf. 
Wer mehr über das „‚alternative Um- 
weltfestival’” erfahren möchte, kann 
sich die Dokumentation dazu bestellen, 
aus der auch die hier verwendeten Zita- 
te stammen. 
Sie ist zu beziehen bei: Ralph Rieth, 
Markgrafenstraße 85, 1000 Berlin 61. 
Außerdem gibt es zwei Filme über das 
Festival, die man ausleihen kann: 
1.: „Wer keinen Mut zum Träumen hat, 
hat keine Kraft zum Kämpfen”. 
Super 8 — 80 min. / Farbe. 
Zu beziehen über: Medienwerkstatt 
c/o Wolfgang Krajewski, Katzlerstr. 3, 
1000 Berlin 62, Tel. 030/2161761. 
2.: „Sonst geht uns die Erde verloren” 
16 mm — ca. 60 min. /s/w. 
Zu beziehen über: Rolf Gmöhling, 
Manteufelstr. 77. 1000 Berlin 36 
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