Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

Rainer Graff 
Zur Aktion 
„Großer 
Überblick“ 
Seit 1974 gibt es in Berlin-Kreuzberg 36 
eine stark anwachsende Tendenz in Fa- 
briketagen zu leben. Auf einem ca. 
150 ha großen Gebiet gibt es heute in 
mehr als 50 alten Gewerbehöfen auf 
etwa 80 Etagen neues Leben. Mit Miet- 
verträgen — wenn überhaupt — für ge- 
werbliche Räume, auf freiem Miet- 
markt, ohne direkten Kündigungsschutz, 
ohne Rechte im Sanierungsfalle — ein 
inoffizielles Dasein, das als öffentliches 
Thema über Jahre hinweg vorsichtiger- 
weise vermieden wurde. 1978 begann 
sich dies zu ändern, weil das Angebot 
an großen Räumen knapp wurde und 
weil ein wachsendes kulturelles Selbst- 
bewußtsein der in Fabriketagen leben- 
den Leute zur kollektiven Selbsterfah- 
rung und öffentlichen Darstellung 
drängte: die „Kreuzberger Mischung” 
von heute — ein soziales Model!. 
Aprilidee war, die Verbreitung einer be- 
stimmten Lebensart im Stadtraum ein- 
mal sinnfällig vorzuweisen; sich zu tref 
fen, ohne sich zu trennen vom jeweili- 
gen Ort und dieses raumgreifende Er- 
eignis zum Fest werden zu lassen. Zu 
einem bestimmten Zeitpunkt bewegen 
AN ALLE LEUTE IN K36, DIE IN FABRIKETAGEN LEBEN 
1) 
CS 
1. 1 E MIXTEKEN 
Veite Teile des Landes nordöstlich des großen Kreuzbergs haben 
an einem Lebensstil teil, der als "Kreuzberger-Mischung" bezeich- 
net wird. Aus der Namensgebung läßt sich schon äblesen, daß an 
der Ausbildung dieses Lebensstils verschiedene Völker beteiligt 
varen, und mancherlei Einflüsse und Traditionen in ihn eingeflos- 
sen sind. Zentrum dieses Stils ist ein Gebiet, das sich von der 
Steilmauer im hohen Norden bis an die Buchten des Landwehrkanals 
im Südosten erstreckt. Hier wohnen Völker ganz verschiedener 
Sprachzugehörigkeit. Einige gehören Sprachfamilien des Vorderen 
Orients an, andere sind einer Species der germanischen Sprachfa- 
nilie zuzuzählen, die sich unter dem Zeichen des Bären entwickel- 
te, so die Mixteken. 
Die Mixteken haben heute unter anderem als kunstfertige Handwer- 
ker einen großen Anteil an der Erhaltung der "Kreuzberger-Misch- 
ung": dem Nebeneinander von Leben und Arbeiten im Häuserblock, 
und viele verbinden Leben und Arbeiten sogar in ihrer Fabriketage 
Ende der vierziger Jahre dieses Jahrhunderts geriet das Gebiet 
zwischen die Linien der beiden Machtzentren des Landes, Alex und 
Zoo. Letztere geriet schließlich an die Oberherrschaft über dieses 
Gebiet und forderte ihren Tribut. Jedoch gelang es andererseits 
mehreren bedrohten Mixtekenstämmen, ihre Unabhängigkeit in hefti- 
gen Kämpfen zu bewahren. 
Dies ist heute ihre Lage gegenüber dem Herrschaftsstreben der 
mächtigen Bündnisse im Osten und im Westen, Unter dem Druck aus 
dem Westen weichen die Mixteken gegenwärtig nach Südosten aus und 
setzen sich in einem Gebiet fest, das schon seit Ende des vorigen 
Jahrhunderts typische Merkmale des Stils der "Kreuzberger-Mischung 
aufweist. Zwischen Landwehrkanal, Spree und den Ufern des ausge- 
trockneten Luisenstädter Kanals findet man ihre Hinterlassenschaft 
Das Volk der Mixteken ist nicht gerade einheitlich und fassbar, 
aber eines verbindet alle , die dazugehören, für sie bedeutet ihr 
Quartier im Windschatten der Verwertung durch die Mächte Alex und 
Zoo mehr als billige Zuflucht: nämlich die Chance, hier und heute 
ein Stück Zukunft zu erproben. Für die Mixteken liegt der Wert 
dieses Winkels zwischen den Machtzentren in dem räumlichen, ökono- 
mischen und gesellschaftlichen Freiraum, hier Lebensformen einer 
anderen Zukunft auszuprobieren, in der die Trennung von Wohnen und 
Arbeiten nichtmehr besteht, noch die von Arbeit und lebendiger Kul 
tur. April 1978 
Das Ritual "Großer Überblick" sieht vier Botschaften vor: 
1.Botschaft der BEGRÜSSUNG 2.Botschaft der FREUNDSCHAFT 
hier eine 9 
einfache 
eigene 
Gebärde 
3.Botschaft der W@EBÄRDE DES HERZENS 4.Botschaft vom ENDE DER 
NACHRICHTEN 
ZUR VERSTÄNDIGUNG 
Wichtig ist, die nächstliegende Mixtekengruppe im Straßenquadrat 
entlang der Schlangenlinie (siehe Plan) ausfindig zu machen. 
Der jeweils Zeichengebende wendet sich dem Empfänger zu und sendet 
ihm seine Botschaft. Der Empfänger bestätigt den Erhalt der Bot- 
schaft durch würdevolle Wiederholung der Gebärden. Sodann wendet 
dieser sich der nächsten Mixtekengruppe entlang der Schlangenlinie 
zu usw, Es soll keiner übersehen werden! 
Die 3.Botschaft,die BOTSCHAFT DES HERZENS weist eine Besonderheit 
auf: Jeder Sender entwickelt spontan eine eigene 
Gebärde, die kurz und einfach ist, sodaß der Empfänger 
sie verstehen und wiederholen kann. Ist dies geschehen, so sendet 
dieser sein ee eigene Gebärde zum nächsten Hügel. 
DER FLUSS DER BOTSCHAFTEN 
Der Fluss der Botschaften gleicht dem Körper der Schlange (s.Plan). 
Den Schwanz bilden die Hügel im Westen (Prinzessinnenstr.). Von da 
aus läuft die Botschaft entlang der Schlangenlinie bis zum Kopf 
(Ratiborstr.)im Osten. Wenn bei den Brüdern und Schwestern am Kopf 
der Schlange die 1.Botschaft angelangt ist, senden diese die 2.Bot- 
schaft zurück zum Schwanz. Von dort aus geht nun die 3.Botschaft 
in Richtung Schlangenkopf., Ist sie dort angelangt, leiten die Brü- 
der und Schwestern auf den Hügeln des Schlangenkopfes das Ende des 
Rituals ein, indem sie die 4.Botschaft in Richtung Schwanzende ab- 
senden. Mit Signalen wie Regenbogenfahnen, Spiegeln und Luftbal- 
lons feiert das Volk der Mixteken das Ende des gelungenen Rituals 
"GROSSER ÜBERBLICK", 
Alles wird vom Auge der Video-Kamera für uns und unsere Nach- 
fahren aufgezeichnet. Spiegelreflexe der Sonne verletzen das magi- 
sche Auge der Video-Kamera, setzt sie deshalb erst nach Ende der 
SOteCha Feen ein- Wi 
DANACH 
Am späten Nachmittag(ca.17 Uhr) werden wir in das Tal des Marian- 
nenplatzes hinabsteigen, um uns dort wiederzusehen. Hier tauschen 
wir unsere Erfahrungen und Vorstellungen über das gegenwärtige 
und zukünftige Leben und Wohlbefinden des Volkes der Mixteken aus: 
Dazu gehören die Auseinandersetzungen mit Hauseigentümern, genauso 
wie praktische zegenseitige Hilfe und die Veranstaltung weiterer 
Feste, Gegen Abend werden wir uns die Videoaufzeichnungen ansehen. 
P.S. Falls der Gott des Regens seine Macht entfaltet, werden wir 
unverdrossen den "Großen Überblick" am 30.4.4Abhalten. 
19
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.