Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

Neues Leben in alten Fabriken 
Reiner Kruse 
„Der kleine Einblick“ 
Fabrikgebäude, die früher etagenweise 
an kleinere Industrie- und an Handwerks- 
betriebe vermietet wurden, befinden sich 
in vielen Hinterhöfen, vor allem in Kreuz- 
berg, aber auch in anderen Bezirken Ber- 
lins. Die Fabrikgebäude wurden etwa in 
dem Zeitraum von 1870—1910 in den 
Blockinnenbereichen als Hinterhäuser er- 
richtet. Es siedelten sich Tischlereien, 
Schlossereien, Elektrobetriebe, Werk- 
zeugmacher, Maschinenfabriken, Lam- 
penhersteller, Textilindustrie, Möbelfa- 
briken und Handwerksbetriebe aller Ar- 
ten an. In Kreuzberg mit seiner Nähe 
zur Innenstadt haben sich kleine Betrie- 
be konzentriert als Zulieferbetriebe für 
das dortige Geschäftsviertel. Dies steht 
z.B. im Gegensatz zum Wedding, wo die 
kleinteilige Struktur viel seltener ist, da 
sich dort die Großkonzerne der Elektro 
industrie angesiedelt haben (AEG, OS- 
RAM). 
Veränderungen in der Produktions- 
weise und neue Betriebsstrukturen ha- 
ben zur Umsiedlung oder zur Auflösung 
vieler Betriebe geführt. Viele Etagen stan- 
den oder stehen mangels gewerblicher 
Nachfrage leer. Nun ja, damit wollen 
wir uns‘ beschäftigen, wie neues Leben 
in alte Fabriken kommt, durch Leute, 
die darin wohnen, einzeln, als Wohnge- 
meinschaften cder als Kommune, als 
neue Kunsthandwerker, Künstler, Thea- 
terspieler, Musiker und vieles mehr. Sie 
alle haben hier für ihre Freiräume große 
Freie Räume vorgefunden, die sie nach 
ihren Vorstellungen und Bedürfnissen 
ausbauen und gestalten können. Die Mie- 
te ist teilweise sehr billig, ab 1,— DM/ 
qm, wozu natürlich noch die Kosten für 
den Ausbau kommen. Da dieser Ausbau 
aber durchweg in Eigenleistung geschieht, 
viel brauchbares Material von den Schutt- 
plätzen der Wegwerfgesellschaft geholt 
und phantasievoll verarbeitet werden 
kann, sind die Kosten im Rahmen des- 
sen. was ohne Aufnahme von Krediten 
aufgebracht werden kann. Für eine 300 
qm große Fabriketage sind je nach Aus- 
baustandard und Findigkeit bei der Ma- 
terialsuche ca. 5.000,— DM bis 20.000, 
DM Ausbaukosten anzusetzen. Die Vor- 
züge, in einer Fabriketage zu leben, 
müssen für die Bewohner immerhin so 
groß sein, daß dafür Rechtsunsicherhei- 
ten und andere Nachteile wie z.B. Ge- 
werbevertrag ohne Kündigungsschutz, 
kein Ersatz für Einbauten, häufiges Ver 
steckspielen mit Hausbesitzern, Melde- 
behörden und Baupolizei, formales An: 
melden eines Gewerbes, keine polizei- 
liche Anmeldung, in Kauf genommen 
werden. Besonderes Pech haben Fabrik- 
etagenbewohner, die morgens um sieben 
durch das Geräusch einer lauten Ma- 
schine geweckt werden, oder denen am 
Wochenende die Heizung abgedreht 
wird. 
Gebäudemerkmale und „Kreuzberger 
Mischung” 
Hinterhoffabriken sind im allgemeinen 
vier- bis fünfgeschossig, und es gibt 
sie In vielen unterschiedlichen Formen 
in Alter, Bauart, Größe, Form, Belich- 
tung, Gestaltung etc., jedoch lassen sie 
sich auf einige Grundtypen zurückfüh- 
ren. Kleinere Fabrikgebäude sind nur 
einseitig belichtet, sie sind meist an 
drei Seiten von anderen Gebäuden be- 
grenzt und haben eine Tiefe von 5-8 m. 
Größere sind beidseitig belichtete Quer- 
gebäude, haben eine Halle von ca. 12- 
16 m Breite und oft nur durch schmale 
Mauerpfeiler unterbrochene Fenster- 
reihen. Sie haben eine Stützenreihe in 
der Mitte und Einbauten, die relativ 
leicht zu entfernen sind. 
Wegen der hohen Deckentragfähig- 
keit von mindestens 750 kp/qm ist es 
kein Problem, leichte Trennwände oder 
andere Einbauten hineinzustellen. 
Die ältesten haben noch Holzbalken- 
m 
„n 
decken, kleine Fenster, nicht viel größer 
als in Wohnhäusern. Es gibt keine Zen- 
tralheizung und keinen Lastenfahrstuhl. 
Später werden dann Preußische Kap- 
pendecken (flache Backsteingewölbebö 
gen zwischen Stahlträgern) verwendet, 
große Fensteröffnungen lassen mehr 
Licht hinein. Zentralheizung und La- 
stenaufzug verbreiten sich. 
Eine weitere Entwicklung ist der Ein- 
bau von Stahlbetondecken, Zentralhei- 
zung wird zur Regel. Jetzt werden auch 
große Gewerbehöfe geschaffen, wo sich 
die Fabrikgebäude um mehrere Hinter- 
höfe herumziehen und vom Wohnbe- 
reich relativ gut abgeschirmt sind. Die- 
se Gebäude genügen auch heute noch 
weitgehend den Produktionsanforde- 
rungen, sind fast vollständig vermietet 
und haben im Sanierungsprozeß eine 
Chance, erhalten zu bleiben, um in al- 
ten Stadtvierteln die Mischung von Woh- 
nen und Arbeiten weiter aufrecht zu er- 
halten, natürlich sorgfältig voneinander 
getrennt. 
Und was passiert mit den anderen, 
den alten Fabriken, mit denen die mo- 
dernen Produzenten nichts mehr an- 
fangen können? Für sie sind es Weg- 
werfhäuser, die früher oder später auf der 
Abrißliste stehen? 
[Aus einem Flugblatt: 
WIR BRAUCHEN DIESE HÄUSER! 
„Wir, das sind Handwerks- und Wohn- 
kollektive, Theater- und Musikgrup- 
pen, Künstler und Lebenskünstler 
und sonstwie Lebendige. Wir wollen 
hier existieren können auf unsere 
„Kreuzberger Weise”, d.h. in Selbst- 
hilfe, selbsthbestimmend und ein- 
fallsreich. Wir sind ein unübersehba- 
rer Teil der ‚Kreuzberger Mischung 
wo Wohnen und Arbeitsraum noch 
eins sein kann und ist. Heute leben 
wir in vielen dieser Gewerbehäuser 
und Fabriketagen und verbinden 
das Leben mit dem Arbeiten, nicht 
nur zum Geldverdienen, sondern 
auch zum Spaß, zum Lernen, zur 
Selbsterhaltung, verbinden es mit 
der Arbeit an uns.” 
Ausbauen und Leben 
Sehr unterschiedlich sind die Gründe, in 
einer Fabriketage zu leben. Manche 
Gruppen suchen von vornherein Fabrik- 
etagen, weil sie nur hier ihre Vorstellun- 
gen vom Zusammenleben verwirklichen 
können. Andere sind von der langen, ver 
geblichen Suche nach einer großen Woh- 
nung gefrustet. Fabriketagen sind leich- 
ter zu bekommen. Manchmal reizt die 
billige Miete, die großen Räume, die 
Eigenart der Räume, der Wunsch nach 
Platz zum handwerklichen Arbeiten, für 
Geld oder zum Spaß, die Lust am Aus- 
bauen. Aus diesen unterschiedlichen 
Vorstellungen, Bedürfnissen und Fähig- 
keiten entwickelt sich eine Vielfalt von 
Formen, von der Vorstellung vom Le- 
ben und Zusammenleben geprägt und 
funktional räumlich umaesetzt.
	        

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