Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

Der Ausbau von Fabriketagen läßt sich 
nicht ohne die zukünftigen Bewohner 
planen oder noch besser: den Ausbau 
einer Fabriketage planen und durch- 
führen ist Sache der Bewohner! 
Es findet hier ein schöpferischer Prozeß 
der Auseinandersetzung zwischen den 
vorgefundenen Räumlichkeiten, den 
Vorstellungen der Bewohner als Indivi- 
duen und als: Gruppe statt, wobei sich 
deren Vorstellungen vom Zusammenle- 
ben oft gerade während des Ausbaues 
verändern. Dies ist ein wichtiger Teil 
des Gruppenprozesses. Hier wird nicht 
nur die Verteilung und Einrichtung von 
Zimmern diskutiert, sondern grundsätz- 
lich die funktionale Beziehung von 
Räumen, ja die Notwendigkeit von 
Räumen überhaupt und damit das Ver- 
hältnis vom Individuum zur Gruppe. 
Hier werden handwerkliche Fä- 
higkeiten vermittelt und erprobt. Die 
einzelnen Ausbauschritte lassen sich 
überprüfen und Einzelheiten gestalten. 
Wichtig ist, daß in jeder Phase des Aus 
baues in das Konzept eingegriffen, es 
diskutiert und verändert werden kann 
Schon manche Wand ist nicht gebaut 
worden, weil die Bewohner plötzlich 
gemerkt haben, daß sie auch ohne 
Wand gut oder besser zusammenleben 
können. Die eingebrachte Energie be- 
wirkt eine starke Identifikation mit 
den Räumen. 
Die Fabriketage bietet nicht nur die 
Möglichkeit zu ungewöhnlichen räumli- 
chen und gestalterischen Formen, son- 
dern gleichzeitig auch für die Bewohner 
die Möglichkeit, ihr Wohnen neu und 
anders zu begreifen. 
Ein wichtiges Merkmal ist die Schaf- 
fung eines größeren, offenen Gemein- 
schaftsbereiches,’der eine wirklich zen- 
trale Bedeutung bekommt und den 
Stellenwert der Individualräume ver- 
ringert. Dies ist ein charakteristisches 
Fabrikwohnerlebnis. 
Eine Integration der Küche in dıe- 
sen Gemeinschaftsraum schafft dıe iso- 
lierte Küchenarbeit ab, wie auch eine gan- 
ze Reihe anderer Tätigkeiten miteinan- 
der verbunden werden können und ein 
großer Teil des Tages hier verlebt wer- 
den kann. Dazu gehören: Musik hören, 
Musik machen, spielen, lesen, basteln, 
klönen, diskutieren usw. Es wird mit 
der Einbeziehung von Schlafen und Ar- 
beiten in den Gemeinschaftsbereich ex- 
perimentiert, z.B. durch ein Gemein- 
schaftsbett, Schreibtische, Werkbänke. 
Es kommt je nach Gruppe zu unter- 
schiedlichen Lösungen. In einem Fall wird 
Schlafen als Rückzug in den Privatbereich 
begriffen, und Arbeiten findet im Ge- 
meinschaftsraum statt, in einem Fall ist 
es umgekehrt. Durch die Wichtigkeit des 
Gemeinschaftsbereiches ist der Gruppen- 
stimmung nicht so leicht zu entfliehen, 
und Konflikte drängen stärker zuf Lö- 
sung. Insgesamt heißt das, eine Proble- 
matisierung des Verhältnisses vom Indi- 
viduum zur Gruppe mit dem Ziel, der 
Gruppe mehr Gewicht zu geben. 
Es gibt verschiedentlich Versuche, In- 
dividualräume ganz aufzulösen und funk- 
tionale Räume zu schaffen, bzw. alles in 
einem Raum unterzubringen und den 
Privatbesitz zu vergemeinschaften. 
Wie es in Fabriketagen aussieht, hängt 
natürlich mit der sozialen Situation der 
Bewohner zusammen. Studenten und 
andere Kopfarbeiter brauchen halt ih- 
ren Schreibtisch mit der nötigen Kon- 
zentrationsmöglichkeit. 
Es gibt auch Leute, die brauchen kei- 
nen Schreibtisch (mehr), und damit ent- 
fällt das Problem. Es besteht durchaus 
eine Beziehung zwischen äußerer Lei- 
stungsanforderung, Konzentration und 
dem Bedürfnis nach einer Rückzugs- 
möglichkeit. 
Die Umsetzung dieser Vorstellung 
reicht von der total in Zimmer zerteil- 
ten Etage, über den großen Gemein- 
schaftsbereich und kleine Individual- 
räume, über funktionale Räume mit 
kleinen integrierten Rückzugsecken, bis 
hin zum einen All-Funktionenraum. 
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Die verschiedenen Formen der Um- 
setzung sollen an folgenden Funktions- 
skizzen dargestellt werden, die Aussa- 
gen enthalten zu 
1. Größe und Anordnung von Indivi- 
dual- und Gemeinschaftsbereichen 
Individualräume, nur einer 
Person zugeordnet, durch 
Tür vom Gemeinschaftsbe- 
reich abzuschließen. 
Individualzonen in Gemein- 
schaftsräumen, auf Podesten, 
hinter Fenstern und. Vorhän- 
gen oder Wandwinkeln, Rega 
len u.a.m. Nicht mehr vom 
Gemeinschaftsbereich ab- 
schließbar 
oder von mehreren Leuten ge- 
meinschaftlich benutzte In- 
dividualräume. 
Gemeinschaftsflächen, ohne 
im Näheren darauf. einzuge- 
hen, was darin passiert (die 
Küchen sind sichtbar). 
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2. Art und Möglichkeit des Schlafens 
individuellen Betten, einer 
Person zugeordnet. 
Gemeinschaftsbetten, von meh- 
reren Leuten benutzt oder von 
mehreren Leuten gleichzeitig 
zu benutzen. 
3. Werkecken, Werkräume 
In der Funktion festgelegt, oh- 
ne die Möglichkeit zu berück- 
sichtigen, daß z.B. der Ge- 
meinschaftsraum jederzeit zu 
handwerklichen Arbeiten be- 
nutzt werden kann. 
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Maßstab 1:500 
Die vorgestellten Funktionsskizzen sind 
Momentaufnahmen im Veränderungs- 
prozeß, der von Gruppe zu Gruppe voll- 
kommen unterschiedlich und wechselnd 
sein kann, denn die Räume lassen Ver- 
änderungen in Nutzung und Raumorga- 
nisation zu. 
Noch ein paar Bemerkungen zu 1.: 
Wenn man die Größe der Individualbe- 
reiche mit der des Gemeinschaftsraumes 
vergleicht und ihre Lage innerhalb der 
Fabriketage, Form und Belichtung be- 
obachtet, kann man daraus auf die in- 
tendierte Bedeutung der einzelnen Be- 
reiche schließen. 
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