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Diese Machtverhältnisse sind für die
Unbeweglichkeit der Bautechnologie ver
antwortlich. Die spektakulären technologischen
Fehlleistungen gehen also
nicht einfach auf die Ideologien in den
Köpfen einzelner Techniker zurück, sondern
auf ein spezifisches Machtmonopol
der Bauindustrie, das neue technische
Einfälle oder Experimentiersituationen
nur in der Form aufnehmen kann, daß
sie hoffnungslos deformiert werden.
Wenn die Bauindustrie innoviert, ist die
subjektive Beweglichkeit, die das Innovationsmoment
zuwegebrachte, im voraus
eliminiert, ebenso wie von vornherein
das Verhältnis des Innovationsangebots
zu den betroffenen Nutzern derart
ist, daß es ihnen nur als Verwaltungsmaßnahme
aufgezwungen werden kann.
Denn für die Bauindustrie gibt es —
überflüssig zu sagen — kein Interesse
für einen technischen Fortschritt, der
sich an der Nutzbarkeit technischer
Entwicklungen für die Ausformulierung
neuer Lebensformen mißt. Sie reagiert
auf Marktzwänge. Das Auftragsvolumen
und die Bodenpreise, Rationalisierungsvorhaben
und der Geldmarkt, das sind
die Kriterien der Beurteilung technischer
Entwicklungen. Entsprechend ungleichmäßig,
orientiert an der Empirie
allein der Rentabilität auf dem Markt,
geht die Entwicklung der Bautechnologie
vor sich. Für eine Empirie der sozialen
Verwendungsfähigkeit und ir.dividuierten
Beweglichkeit der Bautechnologie
gibt es daher kein Feld. Was es
gibt, sind bloß die subjektiven Voraussetzungen:
Individuen, die ihre technologische
Kompetenz dem Markt verweigern
oder die der Markt sich vom Leibe
hält, die also nur nachdenken und in
Kleinmodellen experimentieren können.
Eben deshalb, weil die Machtverhältnisse
so sind, haben die Raumexperimente
von Minderheiten, die Squatter-Erfahrungen,
die Fabrikbesetzungen usw. einen
so hohen Erfahrungswert — sie sind
das Feld. auf dem überhaupt hinsichtlich
der Biegsamkeit großindustrieller
Bautechnologie selbstbestimmte soziale
Erfahrungen gemacht werden können.
Bevor man sich aber in diese Besetzer-Szene
stürzt, sind Bedingungen zu absolvieren,
die dafür stehen, daß dieses
anges..mmelte Potential sozialer Erfahrung
nicht als attraktives Anregungsma:-terial
verschleudert wird, als Wohnidee
derer, die sich jede Idiotie ohnehin leisten
können, oder als Innovationsschub
beutehungriger Formalisten — d.h. als
vororganisierte Massenästhetik, wo die
Lebensverhältnisse nicht sich eine Umwelt
zurechtrücken, sondern dieses
Zurechtrücken bereits wieder zum Bild
gemacht und zu Dingen verarbeitet, zur
Eigenschaft von Gebäuden gemacht
wird. Ich meine damit nicht, die Adaption
könne verhindert werden. Vielmehr:
wer noch auch aus diesen gegen die herrschende
Baugewalt gemachten Erfahrungen
in Architektur rückzuwandeln versucht,
schließt sich selbst aus dem Erfah
"ungszusammenhang aus, den er eigentlich
ausbeuten will — er wird nicht viel
lernen und er wird das Falsche sehen.
Davon lernen wird der, der die politischen
Konsequenzen einer praktisch ge
wordenen Trennung von technischer
Vorleistung und eigenem Leben akzeptiert,
auch wenn er als erstes gleich —
jeder Freak-Sympathisant ist ein potentieller
Hausbesetzer — im Fotoalbum
der Polizei landet und anderes mehr.
Die Trennung von Ingenieurbau und
Ästhetik, von Vorl.istung und. Lebensverhältnissen,
die erst als Objekteigenschaft,
dann als soziales Verhältnis beschrieben
wurde, ist, zusammengefaßt,
die Trennungslinie eines Machtkampfes,
bei dem es darum geht, wer die Lebensverhältnisse
der Menschen definiert, wobei
die Art der Trennung das Maß an
Ohnmacht definiert, aus dem heraus die
operieren, die das Recht auf Selbstdefinition
festhalten. Für den Staat hängt
an der ästhetischen Offensive des Baukapitals
viel mehr als nur der konjunkturstützende
Investitionsersatz und «die
Aufrechterhaltung der Verwertungsrate.
Vielmehr tritt der Staat selber als ästhetischer
Anreger und Anbieter auf und
zeigt damit, daß für ihn bei der ästhetischen
Offensive Legitimationsprobleme
des ganzen gesellschaftlichen Systems
im Spiel sind. Wer die Individuen
daran hindern muß, die Artikulation
ihrer Lebensweise selbst zu bestimmen.
steht unter dem Druck, entsprechende
Surrogate anzubieten, die die Erscheinungsformen
subjektiver Mannigfaltigkeit
und Beweglichkeit als fertige Objekteigenschaft
anbieten. Die Gefahr,
daß sich die Szene kultureller Autonomie
ausbreitet, treibt die staatliche‘
Baupolitik in den Versuch, die Szene
als präfabrizierte Bildlichkeit von Haus
und Stadt anzubi:ten, dergestalt, daß
Bedürfnisbefriedigung in den Bahnen
passiven Konsumierens bleibt. Die
neue Stadt- und Wohnhausästhetik
ist ein Mittel, Politik zu machen.
Das ist nun relativ neu — vielmehr,
seit dem Faschismus hat es das nicht
mehr gegeben. Im Fashismus lag die
Aufgabe für den Staat allerdings ein-Facher.
Die Trennung von Technologie
und Massenästhetik deutete sich an, war
aber noch nicht recht vollzogen. Dem
letzten Versuch der spätbürgerlichen Architektur
zu einer autonomen Form
setzte der Faschismus einen letzten Versuch
entgegen, die Massen selbst in Architektur
zu verwandeln. Die Menschen,
die in der Architektur von Mies nur störend
wirkten, weil sie die Reinheit der
Form verunklärten — hier waren sie,
wie Benjamin erkannte, da, sie waren
selbst Baumaterial und ließen sich von
einer offen gezeigten Technologie verwenden.
Architektur waren nur noch
die Kulissen, mit denen die Massen architektonisch
definiert wurden. Das
Scheitern der Architektur war implizit
zugegeben und den Massen die ästhetische
Hauptrolle zugestanden: zugleich
waren sie bloß gegängelte, vororganisier
te Statisten, ohne Macht über das, was
sie darstellten, und eben diese Abwesenheit
von sich selbst fanden sie in der Architektur
des Zeppelinfeldes, der Reichskanzlei,
des Reichssportfeldes wieder —
eine Massenästhetik der Gewalt von
oben.
Ob Massenaufmarsch oder maßstablose
Baufluchten, immer war es die Bedeutungskraft
des Gebauten, auf die
der Faschismus setzte, gegen die leere
bürgerliche Form. Daß auch die Bedeutungen
leer — im gleichen Maß und aus
gleichem Grund — waren, daß es nichts
auszudrücken gab außer der polizeilichen
Macht über die Massen selber, das
wußten die Faschisten zu verdecken,
indem sie die Massen an der Herstellung
des massenästhetischen Arrangements
körperlich beteiligten. Heute hat sich
die Situation gründlich gewandelt. Die
Architektur ist endgültig in Technologie
und Gebrauchszusammenhänge
zerrissen. Es gibt nicht einmal als ab-'
strakten Rest diejenige gesellschaftliche
Bildlichkeit des Gebauten. die die funk-