Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

2. ENTWICKLUNGSTENDENZEN 
VON ARBEITERWOHNQUARTIE- 
REN DER GRÜNDERZEIT 
Die in den Großstädten zu beobachten- 
den Segregationsprozesse in den Arbei- 
terwohnquartieren der Gründerzeit ha- 
ben eine Konzentration der unteren 
Schichten der deutschen Bevölkerung, 
der Ausländer und von meist jungen 
Einpersonenhaushalten (die sich in 
der Haushaltsgründungsphase befinden, 
darunter viele Auszubildende und Stu- 
denten) zur Folge, Neben diesen Grup- 
pen findet man einen i.a. rückläufigen 
Teil alteingesessener Bevölkerung und 
nur noch wenige Hauseigentümer, die 
in ihrem Gebäude wohnen. 
Die Dynamik der Segregations- und 
Konzentrationsprozesse geht aus von 
der Einkommensentwicklung, der Ver- 
änderung der Familienstruktur, der Aus- 
länderpolitik und der Ausdehnung der 
Ausbildung nach Zahl der Auszubilden- 
den und Dauer der Ausbildung bzw. 
des Studiums als den wesentlichen Va- 
riablen der Veränderung der Wohnungs- 
nachfrage. Sie wird bestimmt von der 
Wohnungs- und Städtebaupolitik sowie 
der Struktur der vorhandenen Woh- 
nungsbestände als den Determinanten 
des Angebots; je größer die Disparitäten 
der Haushaltseinkommen und das Gefäl- 
le der Stadtteile, desto ausgeprägter die 
Konzentration der oberen Schichten 
in den besseren und der unteren Schich- 
ten in den minderwertigen Stadtteilen. 
Ebenso ist eine Segregation der Haus- 
halte nach Haushaltsgröße und Phasen 
des Familienzyklus zu beobachten. Der 
Anteil der Einpersonenhaushalte an der 
Gesamtbevölkerung nimmt mit dem im- 
mer früheren Herauslösen aus der Fami- 
lie und der gleichzeitigen. Ausdehnung 
der Ausbildungszeiten absolut zu. Die 
jungen Einpersonenhaushalte sind nicht 
nur vom Einkommen, sondern auch von 
ihren Tätigkeitsmerkmalen und Freizeit- 
interessen auf das Wohnungsangebot der 
innerstädtischen Altbaugebiete angewie- 
sen. Die Verteilung der Ausländer auf 
die Stadtteile bestimmt sich wesentlich 
nach dem Ausmaß ihrer Integration. In- 
tegration bedeutet für sie im Wohnbe- 
reich Anpassung an das Nachfrageverhal- 
ten der deutschen Bevölkerung, also 
auch bei den Ausländern zunehmende 
Segregation nach Schichtzugehörigkeit, 
Haushaltsgröße und Phasen des Familien- 
zyklus (wachsende, stagnierende und 
Schrumpfende Phasen) und damit lang- 
Fristig nachlassende Konzentration der 
Nationalitäten auf einzelne Stadtteile2. 
Zusammengenommen ergeben die 
Skizzierten Trends für das ehemalige 
und meist auch heutige Arbeiterviertel 
wahrscheinlich neben zunehmender 
Konzentration der unteren Schichteri 
eine relative Verjüngung der Gesamt- 
population, Verringerung der Haus- 
haltsgrößen (mit i.d.R. über 50% Ein- 
personenhaushalten) der Kinderdichte3, 
zunehmend auch bei Ausländern. 
Eine Konzentration unterer Schich- 
ten und junger Durchgangshaushalte 
im Stadtteil mit schicht- bzw. gruppen- 
spezifisch hoher Fluktuation bewirkt 
im Stadtteildurchschnitt neben anderen 
Faktoren (z.B. Diskriminierungsmieten 
für Ausländer) eine anteilig re/at/v hohe 
Mietbelastung der Einkommen. Beide 
Trends müssen sich ungünstig auf die 
ökonomische Tragfähigkeit und das In- 
teresse für Maßnahmen zur Wohnum- 
feldverbesserung auswirken. Eine mög- 
liche absolute Zunahme der Haushalte 
in den fraglichen Stadtteilen, bedingt 
durch Abnahme der Haushaltsgröße 
wird eine im Verhältnis zur allgemein 
immer noch steigenden Motorisierung 
überproportionale Zunahme des Pkw-Be- 
standes bewirken. Bei den ohnedies kaum 
vorhandenen Freiflächen und der „hohen 
Priorität der Arbeiterbevölkerung für den 
Laternenparkplatz’’4 sind folglich flä- 
chenbeanspruchende Wohnumfeldmaß- 
nahmen für andere Zwecke bei unverän- 
derter Baudichte so gut wie ausgeschlos- 
sen. 
Die Entwicklung läuft somit insge- 
samt einer zukünftigen Wohnumfeldver- 
besserung eher entgegen. Bei freiem Woh 
nungsmarkt reflektiert die Bevölkerung 
des Stadtteils mit ihren Präferenzen die 
Angebotsstruktur des Stadtteils nach 
Wohnung und Wohnumfeld, d.h. es ku- 
mulieren dort mehr und mehr Gruppen 
mit geringen Wohnumfeldprioritäten., 
Daraus folgen aber nicht auch schon 
automatisch geringe Wohnumfeldansprü- 
che der ansässigen Bevölkerung, viel- 
mehr wird aus dem Grad der Umwelt- 
belastungen, die man zu ertragen bereit 
ist, deutlich, wie sehr die Bewohner auf 
die niedrigere Miete in solchen Stadt- 
vierteln angewiesen sind. 
3 
VERENGUNG DER SPIELRÄUME 
SOZIALORIENTIERTER WOHN- 
UMFELDVERBESSERUNG DURCH 
EINEN RESTRIKTIVEN WOH- 
NUNGSMARKT 
Es gilt als gesicherte Erkenntnis der Stadt- 
forschung, daß unter den Bedingungen 
eines freien Wohnungsmarktes die Wohn- 
qualität eines Stadtteils hoch mit seiner 
Sozialstruktur korreliert. Nachdem die- 
se Ordnung durch die Kriegs- und Nach- 
kriegsereignisse gestört war, wird sie 
durch die aktuellen Segregationsprozesse 
wieder rekonstruiert und durch Segrega- 
tion der Altersstufen und der Haushalte 
nach Personenzahl ergänzt. Die Aufwer- 
tung eines Straßenzuges durch Wohnum- 
feldverbesserungsmaßnahmen hat somit 
zwangsläufig mindestens längerfristig 
(geringe vertikale Mobilität der betroffe- 
nen Bevölkerungsgruppen unterstellt) 
einen Austausch der Wohnbevölkerung 
zur Folge. 
Bei der im ehemaligen Arbeiterviertel 
zum Großteil durch geringe Wohnungs- 
und Wohnumfeldqualität selbst beding- 
ten hohen Fluktuation® wird sich der 
Austausch der Bevölkerungsstruktur 
nach Wohnumfeldverbesserung weniger 
durch direkte Verdrängung infolge von 
Kostenumlagen auf die Miete, sondern 
geräuschloser über Neuvermietungen voll- 2, 
ziehen. Einige Gemeinden sehen derart 
negative Folgewirkungen von Maßnah- 
men der Wohnumfeldverbesserung für 
die Mieterbevölkerung durchaus. Die 
Stadt Essen erhebt z.B. aus diesem Grun- 
de bei den Grundstücksanliegern keine 
Gebühren für Verbesserungen im Straßen- 
bereich und bemüht sich, die Hauseigen- 
tümer durch Öffentlichkeitsarbeit von 
wohnumfeldbedingten Mieterhöhungen 
abzuhalten, indem sie für solche Fälle 
die Nacherhebung der Abgaben androht6. 
Die Stadt Nürnberg verweist in einer 
Schrift der Stadtverwaltung auf“mögliche 
Umstrukturierungsprozesse bei der Wohn- 
bevölkerung durch Attraktivitätssteige- 
rung! infolge von Wohnumfeldverbesse- 
rungsmaßnahmen. 
Länger zurückliegende Wohnumfeld- 
maßnahmen anhand deren sich Folge- 
prozesse nachweisen ließen, liegen in 
der Bundesrepublik entweder noch nicht 
vor oder es wurden darüber keine Nach- 
untersuchungen angestellt. Von der Be- 
gründung der Adolfsallee in Wiesbaden 
(ehemals bürgerliches Viertel) wird als 
Folgewirkung eine verstärkte Einmietung 
Freiberuflicher in den unmittelbar an- 
grenzenden Gebäuden und die Nutzung 
der Grünflächen während der Sommer- 
zeit durch türkische Familien der rück- 
wärtigen Wohnstraßen berichtet. Jos 
WEBERS erwähnt in einem Vortrag 
über Delfter Wohnumfeldaktivitäten 
ein deutliches Ansteigen der Preise an- 
liegender Grundstücke, die infolge be- 
stehender Mieterschutzgesetze jedoch zu 
keinen Mietpreissteigerungen geführt ha- 
ben. 
Geschwindigkeit und Ausmaß der Ver- 
einnahmung aufgewerteter Wohnbereiche 
durch höhere Einkommensschichten rich- 
ten sich nun ganz wesentlich nach der 
Konstellation der Wohnungsmärkte. Ge- 
genwärtig ist in den meisten Großstädten 
der Markt an komfortablen,großen Woh- 
nungen, Baugrundstücken und Familien- 
heimen bis in entfernte Stadtlagen wie 
leergefegt, so daß sich deren Interesse 
nun wieder auf innerstädtische Wohnla- 
gen, insbesondere dort noch vorhandene 
Altbauwohnungen (noch mit Ausnahme 
der ehemaligen Arbeiterviertel, wo 
große Wohnungen sehr selten sind und 
die Mängel der Wohnumfeldqualität ab- 
schrecken) richtet. Gegenüber den in 
Zeiten eines ausreichenden Wohnungs- 
angebotes (1974 bis 1977) beobachteten 
Herabfiltern von Wohnungen sind nun 
vermehrt umgekehrte Filterprozesse zu 
verzeichnen, d.h. Wohnungen und Wohn- 
lagen, die bisher unteren Schichten vor- 
behalten waren, werden von oberen 
Schichten eingenommen. 
Eine vom Autor im Frankfurter Nord- 
end in einem Untersuchungsgebiet mit 
Gründerzeitbebauung durchgeführte 
Analyse aller Kauffälle der Jahre 1976 
bis 1978 (das Untersuchungsgebiet um- 
schließt ehemals bürgerliche und Arbeiter 
wohnquartiere mit je etwa 600 Wohnge- 
bäuden) ergab: 
1. eine abs. Zunahme der Kauffälle 
(1976, 9/1977, 14 und 1978, 12 Kauf- 
fälle) 
alle Grundstückskäufe liegen in den ehe- 
mals bürgerlichen Stadtteilen, die sich 
vom unmittelbar angrenzenden ehema- 
9%
	        

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