Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

Man könnte ein Abflachen dieses 
Niveaus befürchten, wenn Carlberg 
sich den einzelnen Schwerpunkten — 
wie Wohnungsmarkt, Arbeiten in der 
Stadt, Verkehr, Stadtentwicklung, Grund- 
stücksmarkt, öffentliche Wirtschaft u.a. — 
zuwendet; aber gefehlt. Es gelingt ihm 
mühelos, das einmal erreichte Niveau 
zu halten; dazu seien einzelne Beispiele 
herausgegriffen: 
8 Carlberg konstruiert Zusammenhän- 
ge bei Parallelentwicklungen, wo eine 
unmittelbare Verknüpfung nicht zwangs- 
läufig ist: „Der Markt und die Maßnah- 
men des Staates haben dazu geführt, 
daß sich die Versorgung mit Wohnraum 
verbessert hat. Hand in Hand damit 
wächst der Teil des verfügbaren Ein- 
kommens, der für Wohnzwecke ausge- 
geben wird” (S. 19). 
® Selbst grundlegende Aussagen der 
bürgerlichen Ökonomie werden zu- 
mindest verkürzt dargestellt: niemand 
wird bestreiten wollen, daß zwischen 
verfügbarem Einkommen und Zahlungs- 
bereitschaft ein Zusammenhang be- 
steht. Allein entsche’dend ist das verfüg- 
bare Einkommen nicht für die Zahlungs: 
bereitschaft (S. 19). Wie sollte sonst un- 
terschiedliche Zahlungsbereitschaft bei 
gleichem Einkommen erklärbar sein? 
8 Was als Vereinfachung gedacht sein 
mag, wird durch den Grad der Ab- 
straktion falsch: Die Darstellung der 
Stadtentwicklung vermittelt den Ein- 
druck, als sei die Verdrängung der Indu- 
strie durch Wohnnutzung eine typische 
Phase von Stadterweiterungsprozessen 
(S. 77 f., Grafik) Die Empirie spricht da- 
gegen. 
a Die vom Verfasser für sich in Anspruch 
genommene Problematisierung der 
modernen Stadt, „ohne einseitig politisch 
Stellung zu nehmen” (Vorwort), führt 
weder zu politischer Enthaltsamkeit noch 
zu klarer Darlegung und Analyse. Die 
oberflächliche Gegenüberstellung gegen- 
sätzlicher Argumentationen läßt deren 
Herkunft und deren analytischen Hinter- 
grund völlig im Dunkeln. Gleichwohl 
„zeigt’’ Carlb:rgs platte Gegenüberstel- 
'ung und die (wichtige, aber hier) nicht 
fundierte Abgrenzung von Nachfrage 
und Bedarf „die Vorzüge der Marktfor- 
schung auf” (S. 21). 
Es ließen sich mühelos weitere Bei- 
spiele dafür bringen, in welch profunder 
Weise die bürgerliche Stadtökonomie ad 
absurdum geführt wird. Es drängt sich 
nachgerade der Verdacht auf, Carlberg 
sei ein Linksradikaler, der versucht der 
bürgerlichen Stadtökonomie den Garaus 
zü machen. Nach all dem mag man sich 
an Kleinigkeiten wie Stil, fehlenden De- 
finitionen (Kapitalkoeffizient, externe 
Effekte — es soll ja auch ein Buch z.B. 
für Architekten sein) und ähnlichem 
bei diesem eher hingeschludert erschei- 
nenden Buch gar nicht mehr stören. Wer 
wirklich an einer Einführung in die 
Stadtökonomie interessiert ist, bleibt 
nach wie vor auf die angelsächsische 
Literatur angewiesen. 
D. Henckel 
Berichte: 
Dietrich Stahlbaum 
Sonntagsfotografie oder Fotografie als Waffe? 
Fast jeder von uns besitzt einen Fotoap- 
parat und kann damit umgehen. Aber 
dieser Apparat liegt meistens im Schrank, 
in einer Schublade, in irgendeiner Ecke ... 
Manchmal, und da muß schon die Son- 
ne scheinen, wird er hervorgeholt: am 
Sonntag, im Urlaub an der See und im 
Gebirge. Oder Weihnachten zum Bei- 
spiel, wenn am Tannenbaum die Kerzen 
brennen und die Geschenke ausgebreitet 
sind. 
Schauen wir uns einmal die Dias und 
Fotoalben an: Da sehen wir, am Lago 
Maggiore, die Boote der Fischer (wie 
leben die italienischen Fischer? ) — die 
Fischerboote also, am Ufer festgemacht; 
davor steht man selbst, 2in deutscher 
Tourist, in der Pose eines Eroberers. 
Oder hier: die Säulen der Akropolis 
(erbaut von Kriegsgefangenen, von Skla- 
ven, zu Tausenden an den Peitschenhie- 
ben ihrer Bewacher, an Hunger und 
Durst zugrundegegangen) — die Säulen 
der Akropolis also; davor steht man 
selbst, ein deutscher Tourist, wie ein 
Zeus. 
Oder hier: die Küste bei Brest. Herrli- 
che Felsen, darauf die Freundin als 
— Meeresjungfer. 
Das Foto von den verkrusteten Öl- 
resten an den Felsen, man sieht sie bei 
Ebbe ; — das Foto von den schwarzen 
Schandmalen in der Natur fehlt im Al- 
bum. Es wurde nicht gemacht. 
Oder dieses Bild: Vater, im besten 
Anzug, lässig an seinen neuen, frischge- 
waschenen und polierten Wagen gelehnt, 
in der Fose eines Generaldirektors. 
‚„Wochentags bin ich Autoschlosser. 
Knochenarbeit. Der Dreck unter den 
Fingernägeln verschwindet erst nach 
drei Wochen Urlaub. Den Wagen kann 
ich mir nur halten, weil ich Überstunden 
mache, in meiner Freizeit Autos repariere 
und mein Fahrzeug selber instand halte. 
Eigentlich gehört es mir noch gar nicht: 
es läuft auf Wechsel. Den muß ich pünkt- 
lich alle vier Wochen einlösen.” 
Das steht nicht unter dem Foto. Aber 
damit wären wir bei der 
SOZIALFOTOGRAFIE. 
Sie ist etwas anderes als das, was in Mas- 
sen auf Fotopapier und in Diarahmen 
verewigt wird. 
Ein anderer Autoschlosser. Eines Ta- 
ges steckt er seinen Fotoapparat in die 
Brottasche und geht in den Betrieb. Er 
hat mit dem Meister gesprochen und 
seine Kollegen eingeweiht. Er hat lange 
geredet, bis alle Bedenken, alle Einwän- 
de vom Tisch waren. Und so fotografiert 
er die Kollegen bei der Arbeit und in den 
Pausen. 
Abends fährt er zu einem von ihnen 
nach Hause, fotografiert ihn während 
der Heimfahrt, beim Essen und beim Ge- 
spräch mit der Familie. 
Sie sitzen im Wohnzimmer. Diesmal 
ist das Pantoffelkino abgeschaltet. Es gibt 
Interessanteres zu bereden. Sie haben ja 
eigene Erfahrungen und die sind mit 
einem Mal wichtiger als das, was ihnen 
sonst vorgeflimmert wird. 
Der Arbeitsplatz zum Beispiel, die 
Arbeitslosigkeit, Streß und Verschleiß, 
die Familie, ihre Kinder, deren Proble- 
me: die SOZIALE SITUATION — da 
kennen sie sich aus, besser als die Pro- 
gramm- und Meinungsmacher, die Redak: 
teure, Manager, Aktionäre, Bankiers. 
Haben wir nichts zu sagen? Sind wir 
nicht DAS VOLK? 
Das Gespräch wird auf Band aufgenom- 
men. 
An einem Samstag besucht er wieder 
seinen Kollegen und fotografiert dessen 
Frau bei der Hausarbeit und die Kinder 
bei den Schularbeiten und beim Spiel. 
Er gehört einer Gruppe von Sozial- 
fotografen an. Sie hat Geld zusammen- 
gelegt und im Keller eines Gruppenmit- 
glieds ein Fotolabor eingerichtet. Dort 
werden die Filme entwickelt und die 
besten Fotos vergrößert. 
Die nötigen Kenntnisse haben sie 
sich selber angeeignet. Dabei halfen 
ihnen erfahrene Sozialfotografen. 
Vom Tonband werden die wichtig- 
sten Aussagen abgeschrieben und den Fo- 
tos zugeordnet. Fotos und Texte wer- 
den auf Plakatpappe geklebt. Einer von 
ihnen schreibt zu den Fotos eine Repor- 
tage, ein anderer eine Kurzgeschichte. 
Ihre Fotos, das Tonbandmaterial und 
die eigenen Erfahrungen — das ist der 
Stoff, mit dem sie arbeiten. 
Die Fotodokumentationen stellen 
sie aus: in Kommunikationszentren, auf 
Straßen und Plätzen, in Stadtteilen und 
Arbeitersiedlungen, bei Volksfesten, Ver- 
anstaltungen von Bürgerinitiativen, poli- 
tischen Versammlungen. 
Ihre Reportagen und Kurzgeschich- 
ten werden vorgelesen und die Fotos da- 
zu an eine Leinwand projiziert. 
Sozialfotografen arbeiten für Alternativ- 
zeitungen und veröffentlichen in alter- 
nativen Verlagen. Ein Beispiel ist das 
Jahrbuch der sozialdokumentarischen 
Fotografie ALLTAG, dessen erste Aus- 
gabe 1978 in Hamburg erschien2. 
Nicht von Sonn- und Feiertagen wird 
unser Leben bestimmt, sondern von den 
Bedingungen am Arbeitsplatz, von den 
Verhältnissen in unserer Gesellschaft: 
von der ALLTAGSWIRKLICHKEIT. 
Rücken wir dieser — ungeschminkten 
— Wirklichkeit mit dem Fotoapparat zu 
Leibe! Zeigen wir, wie wir arbeiten und 
leben! Trennen wir uns von den Illusio- 
nen, die uns daran hindern, der gesell- 
schaftlichen Realität ins Gesicht zu 
sehen und sie zu verändern! Fotogra- 
fieren wir KRITISCH diese Realität! 
So wird Fotografie zu einer „Waffe in 
der sozialen Bewegung”’.3 
Gründet Fotowerkstätten! 
Organisiert Euch! 
Arbeitet zusammen! 
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