Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

Dietrich Stahlbaum 
Otto-Hue-Straße 38 
4350 Recklinghausen 
Tel. 02361/447 11 
Anmerkungen: 
1) s.a. Roland Günter, Fotografie als Waffe. 
Geschichte der sozialdokumentarischen 
Fotografie. VSA-Verlag 
2) Alltag 1, VSA-Verlag. 
3) wie 1). 
Projekt: 
Industrielles Erbe 
Die Industrielle Revolution entstand 
in England und setzte sich kurz danach 
in Belgien fort. Aber was wissen wir 
davon? 
Unsere Geschichtsbilder sind nach 
wie vor geprägt vom Adel und von der 
Kirche, von Ludwig und Napoleon. 
Ist das wirklich unsere Geschichte? 
Die Geschichte der breiten Bevölke- 
rung? 
Kommen die Leistungen und Leiden 
von Generationen, auf deren Schultern 
unsere gegenwärtige Welt ruht, in unse- 
ren Geschichtsbüchern zum Ausdruck? 
Fügen wir zum ersten Unrecht an 
vielen Generationen, die oft regelrecht 
verschlissen wurden, das zweite Un- 
recht hinzu: daß wir ihre Leistungen 
und Leiden vergessen? 
Der belgische Historiker Adriaan 
Linters hat einige Jahre lang in Flan- 
dern im Rahmen der Inventarisation 
von Denkmälern die Bauten der histo- 
rischen Industrie aufgespürt, beschrieben. 
fotografiert, katalogisiert und vieles zu 
retten versucht. 
Nun hat die belgische Provinz Lim- 
burg im Rahmen der Vorbereitungen 
zur 150-Jahr-Feier des belgischen Staa- 
tes Adrian Linters mit der Leitung eines 
Projektes beauftragt, das neben einem 
ganz ähnlichen in Nürnberg einzigartig 
in Europa ist. 
Das „Projekt Industrielles Erbe’ ver- 
sucht — ähnlich wie in Nürnberg — die 
Industrie-Kultur (in Polen würde man 
„materielle Kultur’ sagen) zu erfor- 
schen und auf mehreren Zugangswegen 
für die Bevölkerung zu erschließen. 
Das Projekt ist großzügig mit Finanz- 
mitteln ausgestattet und ermöglicht 
eine profunde Arbeit. In Zusammen- 
hang mit einem Landesdenkmalamt, 
dessen unkonventionelle Arbeitsweise 
vorbildlich ist, inventarisieren Adriaan 
Linters und seine Mitarbeiter die wich- 
tigsten Industrieorte der Provinz Lim- 
burg. 
Mehr noch: es bleibt nicht bei wissen- 
schaftlicher Arbeit im stillen Kämmer- 
lein, nicht beim Gelehrtenaufwand, der 
sich in der Stube verzettelt und die Be- 
völkerung „außen vor läßt”, das Projekt 
macht nach kurzer Zeit Ausstellungen 
mit dem vorhandenen Material sowie 
billige Umdrucke — ganz und gar unfer- 
tig und ohne Anspruch auf Vollständig- 
keit (aber erstaunlich reichhaltig). Diese 
Weise der Präsentation ist nicht nur 
pragmatisch, nicht nur billig und kraftspa- 
rend, sondern sie appelliert vor allem an 
die Bevölkerung in den einzelnen Orten, 
selbst mitzumachen: kleine Gruppen 
zu gründen, die Material sammeln, die 
mündlichen Berichte alter Leute aufzeich 
nen und dadurch über die ganze Provinz 
hin ein lebendiges Netzwerk an Tätig- 
keit bilden. 
Die offizielle Eröffnung des Projek- 
tes legte bereits einiges vor: ein Inven- 
tar des hochinteressanten Bergbau-Ortes 
Beringen. Am 29. Oktober 1979 gab der 
Regierungspräsident der Provinz Limburg 
den Startschuß. Der Autor dieses Berich- 
tes hatte die Aufgabe, den Fest-Vortrag 
mit dem Thema „Soziale Architektur 
und ihre Elemente” zu halten — was 
auch die Ambition der Veranstalter 
zeigte, aus der Vergangenheit Lehren 
für die Gestaltung von Gegenwart und 
Zukunft zu ziehen, sprich für Architek: 
tur und Stadtplanung der Provinz. 
Am Nachmittag fuhren die Teilneh- 
mer ins Bergwerk Beringen ein, in dem 
zu dieser Zeit gerade ein wilder Streik 
stattfand. 
Kontaktadresse des Projektes: Pro- 
jekt Industrieel Erfgoed, t.a.v. Adriaan 
Linters, Begijnhof 39, 3800 Sint Trui- 
den, Tel. 011—67 65 79. 
ARCHT* wird über den weiteren Fort- 
gang ebenso berichten wie in Kürze über 
das Nürnberger Projekt „‚Industrie-Kul- 
tur". 
Roland Günter
	        

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