Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

Schicksale - 
Zum Beispiel: Frau Hofmann 
Der Arbeiterschriftsteller Wilhelm 
Erbing, 62, 28 Jahre als Bergarbei- 
ter unter Tage, Mitglied der (nicht 
mehr existierenden) Gruppe 671, 
lebt in der Arbeitersiedlung Stem- 
mersberg in Oberhausen. Er schreibt 
für ARCH+ eine Serie mit dem Ti- 
tel „‚Schicksale”, Jedes ist authen- 
tisch. Die Redaktion knüpft an die 
Veröffentlichungen die Hoffnung, 
daß sie das Nachdenken darüber in 
Gang setzen, was Planung an kon- 
kreten Folgen für jeden einzelnen 
Betroffenen auslöst. 
In der Dunkelschiagsiedlung in 
Sterkrade (Oberhausen) geht die 
Angst um. Denn laut Beschluß der 
„Ruhrkohle A.G.” ist geplant, zwei 
Häuser, eines in der Zechenstraße 
15, das andere in der Dammstraße 
17, wegen Bergschäden abzureißen 
Zunächst. 
Aber die Bewohner der übrigen 
Häuser in der Siedlung fragen sich 
bereits jetzt voll dunkler Ahnung: 
Wann sind wir an der Reihe? 
Frau Hofmann, „Wally”, wie 
die Nachbarn sie nennen, wohnt in 
dem Haus Zechenstraße 15, auf der 
linken Giebelseite. Sie und ihre Woh- 
nung von den insgesamt acht „„be- 
drohten’”” Wohnungen, sind am 
schwersten betroffen. Man sieht es. 
Bei beiden. Die äußeren Wände, wo 
sich das Wohnzimmer befindet, wei- 
sen breite, durchgehende Risse auf, 
und darum hat man sie mit Balken 
und Streben abgestützt, so daß das 
Ganze nun aussieht wie eine Bau- 
stelle. 
Um diesen Eindruck noch zu 
verstärken, sind an der Verstrebung 
elektrische Warnlampen angebracht 
worden, die Frau Hofmann bei Ein- 
bruch der Dunkelheit selbst entzün- 
den muß; der Strom läuft über ei- 
nen Zwischenzähler. Eine ’Dauer- 
baustelle? ”’ Oder soll sie den Ab- 
bruch des Hauses einleiten? 
Wer aber stützt die ’seelischen 
Schäden’ der Frau Hofmann ab? 
Gibt es auch dafür Balken und Stre- 
ben? Wer kümmert sich um sie 
und sagt: Dieser Frau muß gehol- 
fen werden! 
Wenn sie in der Küche auf dem 
Sofa sitzt und über sich und ihre La- 
ge nachdenkt, dann kann es gesche- 
hen, daß ihr die Tränen kommen. 
Dann kommt Frau Kreutzer, eine 
Nachbarin, die mit ihr spricht und 
sie tröstet. 
Dennoch ist sie allein. Denn seit 
Dezember 78 ist sie geschieden von 
ihrem Mann, der, als sie sich nichts 
mehr zu sagen hatten, zu einer an- 
deren Frau gegangen war. Auch 
wenn Frau Hofmann. heute an der 
Schwelle des Alters, verzweifelt re- 
sümiert, daß, wenn zwei Menschen 
sich nichts mehr zu sagen haben, 
sie doch wenigstens miteinander 
„reden” sollten, bleiben dennoch 
die anderen Sorgen, mit denen sie 
zu kämpfen hat: Sie bekommt kei: 
ne Kohlen, ihr geschiedener Mann 
beansprucht das Deputat für sich; 
nur einmal hat er 160 DM „Koh- 
lengeld” geschickt. 
Dann hat sie 800 DM ausgege- 
ben für eine Renovierung in eigener 
Regie, für Tapeten, Reinigung von 
ramponierten Böden u.ä., verur- 
sacht durch die provisorischen Bau- 
arbeiten inner- und außerhalb des 
Wohnzimmers. Nur der Kleider- 
schrank steht noch drin. 
330 DM „Tapetengeld” sind ihr 
zurückerstattet worden, die restli- 
chen 470 DM gehen zu ihren La- 
sten. Außerdem muß sie noch etwa 
1700 DM Anwalts- und Gerichtsko- 
sten wegen der Scheidung bezahlen 
Die Miete ist reduziert worden auf 
78 DM, weil das Wohnzimmer zur 
Zeit nicht bewohnbar ist, — von den 
anderen Ausgaben spricht sie schon 
nicht mehr; damit muß und wird 
sie fertig werden. 
Schlimmer aber ist die Einsam: 
keit. Frau Hofmann: „Manchmal 
esse ich die ganze Woche nichts als 
Eintopf. Und wenn ich am Morgen 
aufwache, frage ich mich: Was wird 
heute wieder passieren? Was soll 
ich denn machen! Ich bin doch al- 
lein!” 
Allein war sie auch im vergange- 
nen Sommer, als ein Blitzeinschlag 
ihren Fernseher zerstörte. Wiederum 
waren es Nachbarn, die ihr beistan- 
den. Aber auch die Feuerwehr kam. 
Die Folgen: Ein Schock und Angst- 
zustände. Frau Hofmann: ‚Der Ner- 
venarzt, bei dem ich in Behandlung 
bin, meint, daß ich damit allein fer- 
tig werden muß; er hat Tabletten 
verschrieben.” Tabletten gegen Ein 
samkeit? 
Nachts wird sie oft wach, weil 
sie glaubt, Klopfen gehört zu ha- 
ben. — Schließlich gibt ’man’ ihr 
den Rat, aus der Wohnung auszu- 
ziehen. 16 Jahre hat Frau Hofmann 
in dieser Wohnung gelebt, und si- 
cher waren auch glückliche Jahre da 
darunter. 
Der Gutachter und Architektur- 
Professor Ernst Althoff aus Krefeld 
aber stellt in einem vorläufigen Gut- 
achten fest (weitere sollen folgen), 
daß es durchaus sinnvoll wäre, die 
gefährdeten Häuser zu reparieren, 
auch von der Kostenseite her. Wer 
aber erstellt ein Gutachten über die 
Einsamkeit der Frau Hofmann? 
Wilhelm Erbing
	        

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