Architekturkritik
Julius Posener
Fragen zur
Staats-
bibliothek
EINTRITT
Im Augenblick, da man das Gebäude be-
tritt, fühlt man sich entspannt, entlastet,
man atmet ruhiger, man geht langsamer.
Zur Rechten öffnet sich unabsehbarer
Raum; man schreitet über Reuters wun-
derbaren dunklen Steinfußboden auf
die schöne, sanfte, zum Aufsteigen
einladende Treppe im Hintergrund des
Eingangsraumes zu. Die Steigungen sind
sehr bequem, und während man auf
dem grauen Teppich die Stufen empor-
steigt, öffnen sich dem Blick neue Räu-
me. Im ersten Geschoß angekommen,
wird man von zwei Impulsen gleichzei-
tig wietergetrieben: man möchte, die
Richtung wechselnd, die Treppe weiter
hinansteigen, ins Licht; aber man befin-
det sich hier am Anfang eines drei Ge-
schosse hohen Ganges, welcher in sanf-
tem Bogen irgendwohin führt, man weiß
nicht recht wohin. Man folgt dem Im-
puls zu einer Entdeckungsreise in diese
große Galerie. Man erblickt dort einige
Fenster nach Osten, zwei in den Raum
gehängte Galerien darüber, auf der eige-
nen Seite ein riesiges Wandgemälde und
weiter hinten ein kleines Fenster, durch
das man ein bekanntes Portrait des alten
Goethe erblickt: ein kleines Heiligtum,
offenbar, das sich zwischen der Galerie
und den Lesesälen befindet als Hinweis
auf die Kultur, in deren Dienst dieses
Haus steht. Zwischen dem Wandbild und
dem Fenster liegt eine Stiege,welche ge-
raden Weges, — nein, krummen Weges —
zum mittleren, dem großen Lesesaal
führt. Man erfährt, daß dies im ursprüng-
lichen Plan der große, gerade Zugang
zum großen Lesesaal gewesen ist. Man
kehrt zu der Treppe zurück, über die
man den Aufstieg begonnen hat und
setzt ihn fort, eine Frage im Herzen:
was bedeutet dieser große Gang, in dem
nur wenige Menschen sich bewegen, was
soll an dieser Stelle das übergroße Wand-
bild, was, dort oben nur halb sichtbar,
das Kulturheiligtum? Übrigens ist das
Wandgemälde das einzig Überlebens-
große in diesem Raum. Selbst in ihm,
obwohl er gewaltig ist, fühlt man sich
nicht klein, Nichts, was man gesehen
hat und — ich darf vorausnehmen —
nichts, was man sehen wird, beeinträch-
tigt die Freiheit, mit der man sich in die-
sen Räumen beweat.
Blick vom Haupteingang in die Halle
Das sog. Foyer (1. Obergeschoß)
Der Lesesaal vom 3. Obergeschoß
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