Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

Rezensionen, Tagungen Diskussion 
Adalbert Evers (Rezensent) 
Margit Mayer/Roland Roth/Volkhard Brandes (Hrsg.): 
Stadtkrise und soziale Bewegungen. 
Europäische Verlagsanstalt, Köln 1978 
Es ist schwer zu sagen, nach welchen 
Notwendigkeiten oder Zufällen die 
linke bundesdeutsche Debatte in ver- 
schiedenen Theorie- und Praxisberei- 
chen ihren Provinzialismus überwindet: 
warum zehrt — um nur ein Beispiel zu 
nennen — die kritische Debatte zur 
Psychiatrie seit Jahr und Tag von italie- 
nischen und englischen Beiträgen und 
warum hat die Publizierung ausländi- 
scher Beiträge zur Urbanistik und 
Kommunalpolitik erst seit etwa zwei 
Jahren begonnen? Lassen wir die 
Frage offen und halten wir stattdessen 
fest, daß der von MAYER/ROTH/BRAN- 
DES herausgegebene Band zu „‚Stadtkrise 
und soziale Bewegungen” ein weiterer 
wichtiger Schritt auf einem Weg ist, wo 
der VSA-Verlag mit Übersetzungen von 
Arbeiten Castells, die Zeitschrift ARCH+ 
mit verschiedenen Beiträgen zur inter- 
nationalen urbanistischen und kommu- 
nalpolitischen Diskussion, aber auch 
die Reihe „Werkberichte”’ (Lehrstuhl 
Planungstheorie, RWTH Aachen) mit 
ihrem Reader zur italienischen Planungs- 
debatte bereits vor einiger Zeit erste 
Schritte getan haben. Der nun vorliegen- 
de Band enthält neben einer Einleitung 
der Herausgeber vierzehn unterschied- 
liche Beiträge zum Thema aus den USA, 
verschiedenen europäischen Ländern 
und Australien. Warum allerdings ist 
fast die Hälfte aller Beiträge dem The- 
ma Stadtkrise und soziale Bewegungen 
in den USA gewidmet? Diese dezidierte 
Schwerpunktsetzung wird von den 
Herausgebern nicht näher begründet, 
wobei wir nicht bestreiten wollen, daß 
sie begründbar gewesen wäre, insofern 
bislang in der BRD eher die italienischen 
und französischen Ansätze zu Wort ge- 
kommen sind. 
Die Beiträge des Readers sind nach 
zwei Schwerpunkten getrennt zusam- 
mengestellt worden. Ein erster Teil ist 
der „Analyse der städtischen Krise” ge- 
widmet, ein zweiter Teil den „‚Städti- 
schen und sozialen Bewegungen”. 
Zu Beginn gibt der Aufsatz von Die- 
ter LÄPPLE, ‚„Gesellschaftlicher Re- 
produktionsprozeß und Stadtstruktu- 
ren” zunächst einmal eine recht anschau- 
liche Zusammenfassung verschiedener 
Stränge und Ansätze der offiziellen wie 
kritischen Debatte bezogen auf die Fra- 
ge nach dem methodischen Ansatz ‚mit 
dem der Entstehungsprozeß ungleicher 
Raumentwicklung und städtische Struk- 
turen zu erklären ist. Fragwürdig er- 
scheint uns allerdings der dabei von ihm 
selbst postulierte und skizzierte metho- 
dische Weg zu einem solchen Erklärungs- 
Versuch: aus immanenten Tendenzen 
des fertig gewordenen kapitalistischen 
Reproduktionsprozesses konkrete For- 
men der Raumnutzung ableitbar machen 
zu wollen, wobei dann die historische 
Analyse als Geschichtsschreibung regio- 
nalspezifischer Modifikationen eines 
solchen „Allgemeinen” fungieren soll. 
Der Leser mag selbst beurteilen, inwis- 
weit die Kapitel seines Aufsatzes, die 
einem solchen Versuch gewidmet sind, 
diesen methodischen Ansatz plausibel 
machen. 
Die anderen — samt und sonders US- 
amerikanischen — Beiträge des ersten 
Teils operieren (mit Ausnahme des Bei- 
trages von Harvey) auf einer anderen 
Ebene als Läpple. Versuche einer kon- 
zentrierten Darstellung der spezifischen 
Widerspruchsformen, in denen sich die 
Stadtkrise in den USA äußert, stehen im 
Vordergrund. Zu methodischen Fragen 
finden wir hier nur indirekte Hinweise. 
So verhält es sich z.B. auch bei David 
GORDON in seinem Beitrag zum Thema 
„Kapitalistische Produktionsweise und 
städtische Krise”. Er arbeitet die Unter- 
schiedlichkeit der „‚,alten’” und ‚„,neuen” 
amerikanischen Stadtagglomeration her- 
aus, also auf der einen Seite Städten 
wie New York oder Chikago, die sich 
schon in der zweiten Hälfte des vorigen 
Jahrhunderts als „‚Industriestädte” ent- 
wickelten und auf der anderen Seite 
Städten im Süden, Südwesten und 
Westen der USA wie Dallas, die erst 
nach dem ersten Weltkrieg in einem an- 
deren Stadium der US-amerikanischen 
ökonomischen Entwicklung zur „Reife” 
kamen. Gordon versucht dabei nachzu- 
weisen, wie sehr die unterschiedliche 
Struktur dieser beiden Typen von Stadt 
sich auf Umfang und Art ihrer Anpas- 
sungsfähigkeit an aktuelle Kapitalerfor- 
dernisse und damit auch Umfang und 
Art ihrer jeweiligen „‚Stadtkrise”’ auswir- 
ken. Implizit könnte aus diesem Auf- 
satz eine Antithese zu Läpples methodi- 
schem Postulat entwickelt werden: daß 
nämlich räumlich ungleiche Entwick- 
lung und städtische Strukturen Resultat 
einer nicht allein ungleichmäßigen, 
sondern auch ungleichzeitigen Entwick- 
lung sind, verstanden als Zusammenstoß 
und Überlagerung verschiedener Produk- 
tionsweisen resp. Reproduktionsniveaus, 
wobei sicherlich die Gesetze der fortge- 
schrittensten Reproduktionsweisen/ni- 
veaus bestimmend sind; gleichzeitig hebt 
der konkrete soziale Raum, der sich bei 
ihrer Durchsetzung herausbildet, auch 
Spuren des Vergangenen in sich auf, 
das dabei ergriffen und umgewandelt 
wird. Aus den Gesetzen kapitalistischer 
Reproduktion wäre demnach außerhalb 
konkreter zeiträumlicher Bedingungen 
keine eigene Raumstruktur ‚,ableitbar””. 
Aber nicht nur an Gordons Beitrag 
kann neben seinen inhaltlichen Informa- 
tionen ein methodisches Problem marxi- 
stischer Raum- und Stadtanalyse disku- 
tiert werden. Auch der Beitrag von John 
H.MOLLENKOPF (Städtische Wachs- 
tumspolitik in den Vereinigten Staaten) 
ist unter beiden Aspekten, den inhaltlichen 
wie methodischen von Interesse. Zum 
einen finden wir hier eine prägnante 
Skizze jener Machtkomplexe und Allian- 
zen von Interessengruppen in der ame- 
rikanischen Gesellschaft, die in den 
50er und 60er Jahren das politische Pro- 
jekt einer systemimmanenten Sanierung 
und Rationalisierung der amerikanischen 
Stadt in Szene setzten. Dabei wird heraus: 
gearbeitet, daß dieses Projekt nicht nur 
an der Veränderung der äußeren Rahmen- 
bedingungen scheiterte, sondern auch 
wegen der zentrifugalen Tendenzen, die 
es im Zuge seiner Realisierung bei dem 
Machtblock auslöste, der es trug. Bei die: 
ser Übersicht zu den Hauptlinien ameri- 
kanischer Stadtpolitik in der Nachkriegs- 
zeit und ihren Protagonisten insistiert 
Mollenkopf auf einer wesentlichen metho- 
dischen Hypothese: daß nämlich über 
die Strukturierung der (amerikanischen) 
Stadt nichts gesagt werden kann, wenn 
nicht die zwei entgegengesetzten Träger 
der Geschichte als aktive Subjekte und 
in diesem Sinne auch als ‚‚stadtbestim- 
mend” behandelt werden: die „„‚ökono- 
mische und akkumulationsorientierte 
Seite” und die „‚gemeinschaftliche an 
den menschlichen Bedürfnissen orientier- 
te Seite”. 
In diesem Zusammenhang arbeitet 
der Beitrag von Richard Child HILL ei- 
nen Aspekt heraus, der im Wechsel urba- 
nistischer Strategien in den letzten Jah- 
ren eine zentrale Rolle gespielt hat: die 
Finanzkrise der Kommunen. Bei der 
Analyse der Ursachen macht Child Hill 
neben der Benennung auch hier bekann- 
ter institutioneller Rahmenbedingungen 
(eine bestimmte Art des Föderalismus 
und die zersplitterte kommunale Struk- 
tur in zusammenhängenden Stadtregio- 
nen) vor allem die historisch-politischen 
Hintergründe deutlich: einen dort im 
Unterschied zur BRD bereits weitgehend 
verfestigten korporativistischen Zerfall 
potentieller Subjekte des Widerstands 
mit Gewerkschaften der städtischen Be- 
diensteten, die Reformmaßnahmen allein 
als Möglichkeit eigener Bereicherung in- 
teressieren eine middle/working class, 
die Steuern für „‚ineffiziente”’ Sozial- 
leistungen verweigert, eine städtische Be- 
wegung, die für sich allein nur Zugeständ- 
nisse, nicht aber einen politischen Kurs- 
wechsel erzwingen kann. 
Der Aufsatz von David HARVEY (Klas- 
senmonopolrente, Finanzkapital und Ur- 
banisierung) hat sich im Unterschied zu 
den genannten anderen amerikanischen 
Beiträgen mehr vorgenommen. Er will 
im illustrativen Rückgriff auf die ameri- 
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