Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1979, Jg. 11, H. 43-47, [48])

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| Satire ‘ 
Kumpel Anton zur Ruhrgebiets- 
konferenz 
„Antoan”, sachtä Cervinsky für mich, „„has- 
se neulich dat Interfju mit mich in dat 
Blättchen vonne Landesregierung gelesn? ” 
„Wat”’, sarich, „‚Interfju mit dich beidä 
Landesregierung? Wegen Schalke?” 
„Nä, wegen dä Ruhrgebiezkonferenz. 
In dat Hudelblättchen ‘Unsa Land’ odaso 
wat imma vor die Wahlen unters Volk ge- 
mischt werden tut. Weiße wat da drinnen 
steht? Ich soll gesacht ham: „Wenn dä 
Johannes Rau dat kla kricht, watter sich 
forgenommen hat mit die Ruhrgebiezkon- 
ferenz, für uns alle isser ’n Märchenprinz!” 
„Wennze dat man glauben tun köns”, 
sarich. 
„Döskopp”, sachtä Cervinsky für mich, 
„überlech doch ma! Seitse die Pütts zuge- 
macht ham, erzälnse von die Monostruktur, 
dat wa zufiel Pütts ham tun und zu wenich 
Butieken undso. Noch forn paar Tagen hat 
dä Johannes Rau inne WAZ gesacht, dattet 
drauf ankommt, dä Monostruktur aufzulok- 
kern,vonwegen die Krisenanfälligkeit. Undat 
machen se jezz. Kuck doch ma! Ne runde 
Miljade wolnse in die Kraftwerke stecken. 
Ärstens wird dä Pütt jezz widda dä Kohlen 
los, dä Stahlindustrie kricht auch widda wat 
zu beißen und dä Energiewirtschaft kann 
die Funzeln am brennen lassen.” 
„Tja”‘, sarich, „‚abba wo ist dat denn 
gegen die Monostruktur? ” 
„Is doch ganz einfach”, sachtä Cervins- 
ky, „die tun einfach ’n paar Kernkraftwer- 
ke dazwischen, nach Unna undso, dat is 
nich so mono. Und wennwa ersma „Ener- 
giezentrum der Bundesrepublik” sind, wie 
dä Johannes Rau dat vor hat, dann komm 
die Butieken undso fonselbs.’” 
„Ich denk, die woln mär für dä Umwelt- 
schutz tun, hammse doch dick inne WAZ 
geschriebn”’, sarich. 
„Na kla!’”, sachtä Cervinsky, „damit wa 
nich so fon die Industrie belästicht wärn, 
tunse unsre Zechenhäuskes abreißen, von- 
wegen die Abstände.” 
„Abba”, sarich, „‚für dä Lebensqualität 
inne Stadt wollnse echt wat tun. 500 Mil- 
jonen, damit dä alten Zechengesellschaften 
nich so auf die Grundstücke glucken.” 
‚Jau”’, sachtä Cervinsky. „Die Pütts, 
die wo in die Miesen warn, die durfte der 
Staat schon 69 ham, damit die Zechenge- 
sellschaften noch schön zum Wohle von 
uns Kumpels die Zechenhäusken an dä 
Schpekulanten verschärbeln. Und da se für 
ihre Zechenplätze mit dem ganzen Müll 
und Kram drauf keinen Dooven finden, 
darf die Stadt se jezz kaufen. en 
Und dä jungen Familien, wo die Oberbür- 
germeisters so schaaf drauf sind, ham auch 
wat, wose stolz drauf sein könn. ’n eigenes 
Häusken, vastehse! Dä Vatta weiß wofüa 
morns aufer Beeins inner Schlange steht 
und amns Überstunden kloppt; die Mutta 
weiß, warumse für fierfufzich putzen geht 
und dä Blagen wissen, warum dat Leben 
schön is. Und dat alles vonne Ruhrgebiez- 
konferenz vom Johannes Rau.” 
‚‚Junge”, sarich, „‚wat hasse denn nu 
bei dem Interfju mit dat Hudelblättchen 
von dä Landesregierung gesacht? ” 
„Anton”’, sachtä Cervinsky, „‚is doch 
kla, wat ich gesacht hab: ‘Wenn da Jo- 
hannes Rau dat kla kricht, dat ihm die 
Leute die Kiirmes mit der Ruhrkonferenz 
so for den Wahlen abnämn, dann isser für 
uns alle der größte Märchenonkel.” U.H. 
| TEEN 
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„RA - * * aus: F MM 
Ruhr-Milliarden - ohne Konzept a ee Form NEW 
Hilferufe an der Ruhr. Oberbürgermeister Arbeiter-Siedlungen preisgünstige und le- 
konferieren, wie es im Technokraten- benswerte Wohnungen vor dem langsamen 
Deutsch heißt. Mit großem Troß beraten Vergammeln geschützt werden müssen. 
sie im Rathaus Castrop — insgesamt 160 Gebt ihnen eine Milliarde, macht ver- 
Mann holen sich die Spesen ab. Milliarden nünftige Richtlinien, die Übermodernisie- 
sollen auf das Ruhrgebiet herunterrau- rungen verhindern, schreibt als Gegenlei- 
schen. Die bürgerlichen Zeitungen infor- stung für die öffentlichen Gelder die Wohn 
mieren so schlecht, daß kaum ein Kumpel rechte der Bewohner fest, hindert die Bü- 
im Revier begreifen kann, worum es wirk- rokratien, einen großen Teil der Summen 
lich geht. selbst zu schlucken — und eine der wich- 
Daß das Ruhrgebiet überhaupt „‚ent- tigsten Fragen des Ruhrgebietes läßt sich 
deckt” wurde, verdankt es den Bürgerini- in den nächsten 10 Jahren klären. Zum 
tiativen. Sie haben nicht nur Zechenhäu- Nutzen der Ruhr-Kumpels, _ 4 : 
ser vor dem Abbruch gerettet, sondern Wenn der Bundestag zusätzlich die auf 
auch das Image der Landschaft gründlich Kante liegenden unverbrauchbaren Fern- 
verändert. Per Presse und Fernsehen wurde straßengelder (rund 1,6 Milliarden) für 
seit 1972 offenkundig, was jeder Ruhr- Verkehrsberuhigungen in Wohnvierteln 
kumpel natürlich längst wußte: daß esim (nach dem Delfter Modetl) freigibt, dann 
Ruhrgebiet Lebensqualitäten in den Wohn- werden unschätzbare Lebensqualitäten 
vierteln gibt, weil die Menschen kamerad- gewonnen. . 
schaftlich miteinander leben, sich nicht Aber die Stadtoberhäupter lassen sich 
auf ihre Obrigkeit verlassen, sondern auf vom Kumpel nicht reinreden, so sieht es 
sich selbst und die Kollegen. aus. Über dem Volk, auf den Wolken 
Nun haben sich die Politiker des The- schwebend, sind sie schon so weit ent- 
mas Ruhrgebiet angenommen. Aber nicht, rückt, daß sie die Probleme der Menschen 
um Zechenhäuser zu retten oder zu moder in der Vorstadt nicht mehr wahrnehmen. 
nisieren — dieses Thema erscheint im Ka- Sie interessiert nur das Prestige der Innen- 
talog der Milliarden-Forderungen bislang städte, das Interesse einiger Kaufhaus- und 
an keiner Stelle. Nein, die Politiker werden Baukonzerne und ihr eigenes Denkmal, ; 
vom Wahlkampf bedrängt und müssen den So werden die konzeptionslosen Milliar- 
Anschein der Aktivität wahren. Daher den dem Ruhrgebiet mehr Probleme brin- 
werden nun auf Teufel komm raus Sprü- gen als zuvor. Die wirklichen Verbesse- 
che über das Ruhrgebiet gekloppt. Je mehr rungen werden auf der Strecke bleiben. 
Konferenzen, desto mehr kostenlose Wer- Wahl-Krampf. Wetten wir, daß das 
bung in den bürgerlichen Zeitungen — Thema spätestens nach der Bundestags- 
desto mehr Steuern aber auch für diesen wahl vom Tisch ist? . 
bombastischen Leerlauf an Spesen und Es ist zu hoffen, daß sich immer wenI- 
Bürokratie. ger Menschen die Augen mit diesem Sand 
Wie konzeptionslos die Milliarden rau- blind streuen lassen. 
schen sollen, zeigt der „‚Wunschzettel” 
der Stadtoberhäupter. Zunächst mal wird 
Steuergeld verlangt, um Zechengelände 
aufzukaufen — für neue Betriebe und, wie 
es dann immer so schön heißt, damit also 
für neue Arbeitsplätze. Doch bislang 
konnte nicht einmal das vorhandene Ge- 
lände an den Mann gebracht werden. Es 
ist halt eine schlechte Zeit für neue Be- 
triebe. Viel eher muß man vermuten, daß 
mit den Steuergeldern die Zechenbarone 
ihren Alt-Besitz noch einmal günstig ver- 
werten können. 
Die meisten Städte wollen jedoch Rats- 
herren-Denkmäler bauen — wie gehabt. 
Mülheim zum Beispiel: eine teure Wohn- 
anlage für den gehobenen Mittelstand, na: 
türlich mit Steuergeldern der Allgemein- 
heit subventioniert, Eissport-Halle, Frei- 
bad, Hockey-Halle, Abbruch des leerste- 
henden Neckermann-Kaufhauses und Neu- 
bau einer städtischen Sparkasse (statt die 
Sparkasse in den Kaufhaus-Bau ziehen zu 
lassen). Essen will ein neues Theater 
bauen — als ob der Millionen-Etat für we- 
nige Privilegierte nicht schon längst ein 
Skandal sei. 
Von der Wohnungsfrage redet niemand 
Daß nämlich für eine Million Menschen in 
Mietnebenkosten 
Grundsätzlich ist davon auszugehen, daß 
sämtliche Kosten der Vermietung mit dem 
vereinbarten Mietzins abgegolten werden; 
die. Erhebung und Umlage von Nebenko- 
sten durch den Vermieter ist nur aufgrund 
einer klaren Vertragsvereinbarung möglich. 
Unklarheiten im Mietvertrag gehen zu La- 
sten des Vermieters, wenn er einen Formu- 
larmietvertrag verwendet. Aus einer einmä- 
ligen Zahlung von Nebenkosten kann noch 
kein rechtgeschäftlicher Bindungswille des 
Mieters entnommen werden, dies auch zu- 
künftig zu tun. 
(Amtsgericht Köln — 151 C 5191/78) 
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