Berichte
Ditha Brickwell
Brief aus Berlin
Die IBA - Hoffnung und Streit um eine neue Baugesinnung
Die Idee, in Berlin vierte Internationale
Bauausstellung zu machen, geistert
bereits seit den frühen siebziger Jahren
durch die Reihen der Stadtintellektuellen.
Zunächst war der Anspruch einfach
und einleuchtend:
»Eine Zeit die soviel baut, muß sich auch um eine
neue Baugesinnung bemühen, das bedeutet vermehrte
Anstrengung und geistige Auseinanderset-ZUNg.«
So, oder so ähnlich hat sich der Senatsbaudirketor
Berlins, Hans-Christian Müller
mehrfach öffentlich geäußert.
Die lange Zeit des Schwankens der Politiker,
ob es denn opportun und für die
Stadt gut sei, diese Herausforderung anzunehmen,
hat die nunmehr doch geborene
»IBA« in einen anderen zeitlichen
Kontext gebracht: Nicht mehr die Begleitung
des Wachstums mit kulturellen Perspektiven
kann ihre Aufgabe sein, sondern
die Instrumentalisierung einer Tendenzwende,
des von Bausenator Harry
Ristock so oft beschworenen »Umschaltens
von außen nach Innen« oder mit IBA -
Worten »die Innenstadt als Wohnort zurückzugewinnen.«
Weil man meinte, die Zeichen der Zeit
erkannt zu haben, fächerte man die Ansprüche
und Wünsche an die zukünftige
Internationale Bauausstellung sehr breit.
Im Senatsbeschluß zur Einrichtung, der
die IBA tragenden Planungsgesellschaft
vom Oktober 1978, wird die Verwissenschaftlichung
wie auch mehr Menschlichkeit
für die Architektur beschworen.
Der IBA wurde kein geschlossener
Plan politischen Wollens, sondern ein offenes
Konzept der Möglichkeiten mit auf
den Weg gegeben, mit dem Wunsch, daß
sich in der Wechselwirkung mit einer interessierten
und lebhaften Öffentlichkeit
eine neue Architekturauffassung im
Spannungsfeld von Praxis, Politik und
(auch internationalem) Intelekt entfaltet.
Von ihrer ersten Einrichtung an aber
war die IBA unerwartet umstritten.
Zuerst litt sie an einem Mangel positiver
Publizität - mit dem Vorwurf, zuwenig Inhalt
an die Öffentlichkeit zu bringen, wurden
zugleich Personenauswahl und Personenwechsel
genußvoll vor den Lesern
ausgebreitet, der IBA haftete bald der
Geruch von extremem Spinnertum und
Spaltung an. An das Tauziehen um Personen
schloß sich der Streit um den Termin
(1984 oder verschieben?), der Streit
um die Finanzierbarkeit (4 Milliarden?)
und die Diskussion um den Verantwortungsradius
(die IBA als Sanierungsträger?)
an.
Was dem oberflächlichen Zeitungsleser
eher einer politischen Posse als einer
internationalen Anstrengung verwandt
schien, wird nun langsam als Schleppnetz
für Zeitsymptome erkennbar. Die vordergründige
News- und Enthüllungspublizistik
tut der IBA unrecht, wenn sie die
Auseinandersetzung als eine Folge interner,
personenbezogener Ereignisse auffaßt
und als Kabarett genießt. Ich behaupte,
die IBA zeigt sehr gut die Spaltung
der Zeit.
Zunächst zum Personenkarussel: es
schien rein zufällig bei K/eihues und Hämer
zu halten, zwei Repräsentanten weitauseinanderliegender
Architekturauffassungen.
Hämer hat in Berlin als Propagandist
für die Rettung der Innenstadt Tradition.
Er hat hier auch Werke geschaffen, die
für ihn bürgen (Klausener Platz, Block
118) und eine Gemeinde von Anhängern.
Hardt-Walther Hämer - das ist in Berlin
schon der Inbegriff der solidarischen Praxis
für die Bewohner geworden, des Hineingehens
in Probleme, wo andere Planer
wegsehen.
Hämer solidarisiert sich mit den sozial
Schwachen, rettet das Hinterhaus für die
Kiezbewohner und Ausländer, regt
Selbstfindungs- und Selbsthilfeprozesse
bei den Blockbewohnern an. Er geht
Geld suchen, um Gebäude winterfest zu
machen und Höfe zu entrümpeln. Energiekonzepte
beginnen mit der Reparatur
des Schornsteins (und enden beim billig
heizbaren Kachelofen).
Modernisierung ist klein, Umwelt und
Grün wird vom Mieter selbst gemacht,
aus der sozialen Not hilft man sich durch
Zusammenhalt. Diese Konzepte erinnern
an Modell Cities und Byker Wall?
Sie sind teils in Berlin schon länger oder
gleichzeitig praktiziert worden, mit weniger
ideologischer Untermauerung, und
sie erlebten in ihrer Frühphase mehr offizielle
Gegenhaltung. Sie rechtfertigen
sich von selbst - ohne die Brandzeichen
von Wissenschaft und Kunstkritik - solange
Viertel wie Kreuzberg da sind, und sie
sind international bedeutsam, solange
sich Bedford Styvesand und Kreuzberg
so atemberaubend ähnlich sind, ihren
Mutterstädten Berlin und New York aber
zugleich fremde andere Städte.
Und hier setzt der Entfremdungseffekt
eines Städtebaubegriffs ein, der die Welt
im.besten Sinne des Wortes ’von unten
betrachtet’. Er zeigt zwar zur Rettung dieser
Viertel die einzige, die menschliche
Lösung auf; er verliert aber als Preis jede
Sicht auf Zukunft. Für den eigenen Gegenstand
führt er schon nicht weiter, weil
die Rettungsversuche mit Verfall und
Auszehr nicht Schritt halten. weil das
Ineinandergreifen von Sozial-, Wirtschafts-
und Bauprogramm noch unterentwickelt
ist.
Hier fehlt die Vision. Kein Symbol und
kein Prozeß, der den Weg in das 21. Jahrhundert
weisen könnte. Die umfassenden
Antworten nach den Aufgaben der
Stadt und der Menschen in ihr bleiben of.
fen, kulturelles Erbe und Schönheitsbewußtsein
werden in den Bereich des Elitären
verwiesen, angesichts von Notwendigkeit
und Not wird Schönheit zur Blasphemie.
Als ob sich diese extreme Haltung in
ihr Gegenteil umgestülpt hätte, gerinnt
Kleinhues jede Problemstellung zum architekturtheoretischen
Pathos. Besessen
von einer allgemeinen Vorstellung der
Architektur als Aufklärung kämpft er gegen
die Bankrotterklärungen Europas
und der USA in Sachen Architektur. Es
muß ein neuer Stil zu finden sein! Er weiß
sich den Rationalisten und Ekklektizisten
verpflichtet - die Berliner Eigenart um jeden
Preis den Ausgleich zu finden,
zwingt ihm aber Pluralität auf. Er setzt
der Berliner Toleranz seine absolute Vorstellung
entgegen, verfährt aber nach den
aufgegebenen Spielregeln, und das geht
So:
Die Südliche Friedrichstadt wird in
Baublöcke aufgeteilt, jeder Baublock erhält
einen Wettbewerb als Gestaltungskorsett,
worin zwei Berliner, zwei westdeutsche
und zwei ausländische Architekten
um den Preis des Bauens streiten.
Dazu werden Schwerpunkte gefügt -
»Energiesparhäuser« oder »Servicehäuser«
oder »Stadthäuser« oder »Ökologiehäuser«.
Als städtebaulicher Zusammenhalt gilt
der historische Stadtgrundriß.
Als soziales Ergebnis wird hier der Sozialmieter
(Berliner Mischung) und über
einen Anteil von Eigentumswohnungen
auch die darübergehobene Mittelschicht
einziehen, langfristig hat das Quartier die
Chance schick oder schön verkommen zu
werden. Die Zäsur gegenüber dem östlichen
Kreuzberg (von Hämer betreut), ist
gewiß, die Übertragbarkeit einzelner gewonnener
schöner Lösungen fraglich, da
jetzt schon unter dem Tisch Baupreise
und Kostenmieten gehandelt werden,
die, würden sie Wirklichkeit, jeden weiteren
sozialen Wohnungsbau unfinanzierbar
machen müßten. Wir lebten dann
eindeutig über die Verhältnisse. Noch
eindeutiger wird der Gegensatz von sozialem
und dramatischem Anspruch in
der IBA an der Infrastrukturplanung.
Während Hämer um die Eingliederung
kleiner Kinderbetreuungsstätten ringt.