Leserbriefe
Wien, 1.7.80
Betrifft Heft 50 ARCH
Anrede beginnend, möchte ich
One gleich einmal fürs 50. Heft gratulieren.
Nicht nur solange auszuhalten ist
wert gefeiert ZU werden. Auch eine inhaltliche
Tendenz ist im Begriff die zulange
vernachlässigte Wirklichkeit des gebauten
Raumes genauer ins Monokel zu
nehmen. Es wird das ureigenste Verdienst
von ARCH' sein, die sogenannte
Typologie-Diskussion der romanischen
Länder, - die immer auch eine politische
war - , ins Licht der germanisch-protestantischen
Sinnesfeindlichkeit zu bringen.
Und ohne in einen Panik-Stadt-Mythos
zu verfallen muß doch klar gesagt
werden, daß sich erlebter und erfahrener
»Raum« nicht nur in Aktionen und Gesetzen,
in bürokratischen Entscheidungen
und der Verfügbarkeit ausdrückt.
Schließlich gibts auch noch Bedingungen
unter den er »entwickelt« wird. Immer
wird dies auch ein »architektonischer«
Raum sein, das nämliche »ARCH« vor
dem »‘« im Titel ist damit gemeint.
Vielleicht sollte man an dieser Stelle an
Ernst Bloch erinnern. In seinem Gespräch
»über Ungleichzeitigkeit« ist
deutlich die »Wirksamkeit der alten Sprachen«
angesprochen, wenn sie mit der
Wirklichkeit der Umstände eine Beziehung
der Erfahrung eingehen. Diese Erfahrungen
sind typologischer, u.U. gar
stadträumlicher Art. Und wer davon
nicht »redet«, der hat nichts gelernt, der
bleibt im Abstrakten stecken.
In diesem Sinne, mehr Mut zum
»Fleisch«, zum Alltag, zum Raum, zur
Architektur, zur Wirklichkeit verdammt
noch mal. ARCH* 50 ist ein toller Stern
auf diesem Himmel der Erde. »Alles nur,
weil die Sozialdemokraten und später die
Kommunisten sich in MNüchternheit,
Phantasielosigkeit und Armseligkeit verfangen
hatten....« (Ernst Bloch).
Dies als Mahnung zum Schluß und der
Hoffnung auf weitere ARCH* 50
Dietmar Steiner
Berlin, am 14.08.80
Betr. Heft 51/52 ARCH“: Berlin:
Mauer abgerissen
Gegendarstellung
Sehr geehrte Damen und Herren,
als Architekt der im Bereich Berlin-Kreuzberg
(Oranienplatz/’ehemaliger
Luisenstädtischer Kanal’) im Früljahr
1980 durchgeführten Baumaßnahme
übersende ich Ihnen folgende Korrektur
zu Ihrer 0.a. Veröffentlichung. Im Sinne
des Pressegesetzes bitte ich um Gegendarstellung
in einer Ihrer nächsten Ausgaben,
mit folgendem Inhalt
1.) Sie behaupten, es »wurde der Platz bis
zu 2,50 m Höhe rundum eingemauert«.
Diese Behauptung ist falsch. Richtig dagegen
ist, daß zu keinem Zeitpunkt der
Oranienplatz rundum eingemauert war.
Richtig ist, daß an der Nordseite des Platzes
zwei im Bau befindliche, abgewinkelte
Mauerscheiben von ca. 1,50 m Höhe
eingerissen wurden, die als Rankwandelemente
mit Pergolenaufsatz vorgesehen
waren und nie den Platz rund umschlie:
ßen sollten.
2.) Sie behaupten, »daß die Mauer vornehmlich
als diskretes Hundeklo diente,
Parkbänke z.T. verschattete« usw.
Diese Behauptung ist falsch. Richtig dagegen
ist, daß (s.Pkt.1) die Mauer keinem
Hund als diskretes Hundeklo diente und
Parkbänke nicht verschattete, da sie in
der von Ihnen beschriebenen Art nicht
bestand
Mit freundlichem Gruß
Jürgen Zilling
Betrifft 51/52 ARCH*
Aachen, 1.9.1980
Geehrte ARCH* Redaktion,
zunächst einmal uneingeschränkte
Glückwünsche zum Heft 51/52 von
ARCH*: habe ich doch schon beim
Durchblättern soviel Anerkennenswertes
gefunden, daß in diesen Brief kaum
die Hälfte des Kopfschüttelns paßt, welches
mich befiel. Bevor ich jedoch ausgewählte
Höhepunkte hiervon zu Papier
bringe, muß ich Farbe bekennen: gehöre
ich doch zu der Mehrheit der staatsabhängigen,
harmlos-vertrottelten oder
5öswillig-doktrinären (je nachdem) Naturwissenschaftler,
die schon beim Aufstehen
jeden Morgen überlegen, wie sie
mit Kernenergie und ähnlichem Teufelszeug
harmlosen Bürgern Transurane in
die Augen streuen können. Das entwertet
gottseidank sämtliche weiteren Aus--führungen
sofort und ich brauche daher,
da Sie sich ja eine Meinung gebildet haben,
nicht mit Fakten aufwarten, was
nicht schwierig, aber verlorene Liebesmüh
wäre
Dies längliche Intro belegt meine objektiven
Schwierigkeiten, mit meiner Kritik
irgendwo an ARCH* 51/52, dieser - mit
Verlaub - Bonanza des Unsinns, zu beginnen.
Fangen wir also beliebig an, z.B.
beim Literaturverzeichnis: Daß Erich
Fromm sich die Nähe von Herbert Gruhl
nicht mehr verbitten kann, ist nicht seine
Schuld; daß die methodischen Grundlagen
der OKO-Studie mehr als wacklig
sind, da sie einen rigorosen Vorgriff auf
nicht nur technische, sondern auch geburtenpolitische
Maßnahmen bedeuten,
daß die Studie wirklich unabhängig ist,
zumal von belegbaren Zahlen im Bereich
der regenerativen Energiequellen - was
solls; Klaus Traube hat zur Entschuldigung
des Buches angeführt, es sei ja
schließlich auch im wesentlichen als
zwölfmonatiger Alleingang eines interessierten
Laien (Dipl.-Chem. F. Krause)
unter Absegnung durch den Rest der Auloren
entstanden - so sieht es aus (seufz).
Daß der großtechnische und dezentrale
Sonnenenergie-Einsatz in der Bundesrepublik
Deutschland die doppelte Fläche
des gesamten installierten Straßennetzes
verschlingen würde - wen störts? (Ich seh’
schon den Aufruf zur Bürgerinitiative auf
der 4. Umschlagseite), es sei denn, industrielle
Fertigungsprozesse werden auf
manufakturelles Niveau herabgeschraubt
(und waren die Leute damals
nicht glücklich, gell?) oder laufen, ganz
wie in meinen Comics, auf der ’Hamstermit-Wasser-und-Amphetamin’-Basis
Aber näher zum Thema der ARCH‘
was sollte einem Leser eigentlich eher die
Sprache verschlagen: die Reformhaus-Mentalität,
mit der für ’nicht-chemisierte’
(was ein Wort wieder!) Lebensmittel -
die dafür wahrscheinlich Vogelmist und
das noch viel gesündere Mutterkorn enthalten
- plädiert wird? Oder die Unbefangenheit,
mit der hier die Probleme der luxurierenden
Stadtrand-Mittel- und Oberschicht
durch simple Wendung ins ’Okologische’
im Handumdrehen in ein
Menschheitsproblem transformiert wird:
Der kleinste Kachelofen, den ich kenne
(kein Turm wie im Haus Dr. Flaskamp)
kostet 10 000,--DM, und auch meine bescheidene
Zwei-Zimmer-Wohnung wird
den biodynamischen Mindestanforderungen
nicht gerecht: zu meiner Entlastung
muß ich anführen, daß die Holzfesterrahmen
sich seit längerem selbst
kompostieren, da ich gewitzt auf °chemisierte’
Nitrolacke oder Xyladecor verzichtet
habe. Auch mein nichtexistenter Garten
enthebt mich all der Probleme, die
mir - nach Dietrich: ’Symbiotische Architektur’
- durch tieflegen der E-Leitung
NEUERSCHEINUNG:
Freiheit + Gleichheit
Streitschrift für Demokratie und Menschenrecht
Mit dieser Streitschrift sollen Geschichte und Gegenwart der Bundesrepublik im
Spiegel der Menschenrechte als unmittelbar geltende Normen gezeigt werden. Die
gewordene Wirklichkeit der Menschenrechte aufzuspüren heißt aber, sie in den verschiedenen
gesellschaftlichen Gruppen aufzusuchen, sprich: bei den Majoritäten
und Minoritäten der Bundesrepublik. Die Gefährdung der Grund- und Menschenrechte
hat viele Dimensionen, vom Betrieb bis zur Polizei, vom ’Atomstaat’ bis zur
Friedensfrage, von der Meinungsfreiheit bis zu den Berufsverboten, von den zahlreichen
’Minderheiten’ (Alte, Kinder, Strafgefangene, Obdachlose, Homosexuelle,
Ausländer, Zigeuner ...) bis zur längst nicht verwirklichten Gleichberechtigung der
Frau.
Das Heft 2 der Streitschrift ”Freiheit + Gleichheit” (Oktober 1980) bringt u.a. folgende
Beiträge @ Roland Narr: Kinder und ihre halberwachsenen Rechte @ Christine
Morgenroth: Arbeitslosigkeit ist grundgesetzwidrig ® Hannelore Narr: Altsein im
gesellschaftlichen Abseits @ Peter Schlotter: Politik der Angst — Rüstung und Ab-‚üstung
@ Joachim Hirsch: Der neue Leviathan oder der Kampf um demokratische
Rechte @ Roland Roth: Bürgerinitiativen und Sicherheitsstaat @ Dorothee Sölle:
Menschenrechte in Lateinamerika @ Bernhard Blanke: Schutz der Verfassung durch
Spaltung der Demokratie? @ Arbeitsgruppe: Berufsverbote 1979/80 @ Wolf-Dieter
Narr: Verfassungsschutz — Ein Lauschangriff und die Folgen @ Christoph Nix: Strafvollzug
in hessischen Haftanstalten.
Im Heft 1 (Dezember 1979, aber noch immer aktuell) sind u.a. folgende Beiträge
enthalten @ Wolf-Dieter Narr/Klaus Vack: Menschenrechte, Bürgerrechte, aller
Rechte @ D. Helmut Gollwitzer: Der Kampf für Menschenrechte — heute noch zeitgemäß?
@ Ute Gerhard/Eva Senghaas-Knobloch: Was heißt Gleichberechtigung ?
® Wolfgang Däubler: Menschenrechte im Betrieb ® Rüdiger Lautmann: Homosexuelle
als Indiz @ Klaus Horn: Medizinische Versorgung und Menschenrechte ®
Helmut Ortner: Wer bestraft wird, verliert sein Bürgerrecht @ Hans Heinz Heldmann:
Unsere ausländischen ’Mitbürger' @ Ingeborg Drewitz: Die Vergangenheit liegt nicht
hinter uns @ Thomas Blanke: Der ’innere Feind’ in der Geschichte der BRD @ Albrecht
Funk: Welche Sicherheit schützt die Polizei? @ Ulrich Albrecht: Soldaten und
Demokraten — eine bleibende Differenz ? @ Mechthild Düsing/Uwe Wesel: Die Feste
der freien Advokatur wird gestürmt.
Je Heft 130 Seiten, Magazinformat, fester Umschlag, DM 10,--.
Herausgeber und Bezugsadresse: Komitee für Grundrechte und Demokratie e.V.,
An der Gasse 1, 6121 Sensbachtal (gegen Vorauszahlung; Scheck, Briefmarken,
Bargeld o.ä. beilegen)
und ähnliche Feinheiten entstehen
könnten. Genug. Nur ein Hinweis und eine
Bitte noch:
Ich finde den Artikel von W. Wagner
über unbekannte Energieformen richtungsweisend;
nicht des Inhalts, sondern
des Setzers wegen,: der hat die Zeichen
der Zeit erkannt, daß es in Glaubensfragen
ganz unnötig ist, sich auf so verkopfte
Typen wie den Großen Albert zu berufen,
und hat konsequent alle Sonderzeichen
weggelassen:
2 tr
Betrifft: ARCH__ 51/52
Errata:
In der Nummer51/52 wurde. vergessen beim
Artikel »Gesundes Raumklima« (S.55) Helmut
Bartussek als Mitautor einzusetzen.
Ein Poster
zur Neuen Architektur
(Ausschnitt umseitig)
zeichnete Cord Machens,
angeregt von den Vorlesungen
J. Poseners in Heft 48 und 53
ARCH+
Als DIN A2 Plakat zu bestellen
bei: KLENKES
Oranienstr. 9, 5100 Aachen
DM 6,—
Mögen Formeln wie = c/ fürdie weijere
erfolgreiche Redaktionsarbeit stenen!
Bitte seien Sie nur so konsequent,
sich auf die im gleichen Artikel als erste
Referenz auftauchende Literatur umzutaufen:
von ARCH“* auf PSI*'
Klaus Leimkühler
“ne ganz progressive Referenz: A. Stelter:
PSI-Heilung Goldmann (!) 1979
Zum Titelbild:
ADELCHI-RICCARDO
MANTOVANI
"Die sanfte Agonie einer Quellnymphe”
(Öl, 70x90 cm, 1976)
Privatbesitz
Die Druckvorlage wurde uns
freundlicherweise von der
Galerie Taube, Pariserstr. 54,
1000 Berlin 15, zur Verfügung
gestellt.