Schwerpunkt: Städtischer Raum - der sozialwissenschaftliche und städtebauliche
Ansatz
Philippe Panerai
Typologien
Als Bruch mit den überlieferten
Typen (types consacres),
die noch Ausdruck
von sozialen Verhaltensweisen
bzw. tradierten
Bedeutungsgehalten
sind, analysiert Panerai
das „moderne” Bauen,
das nicht erst mit dem
„modernen Stil”, sondern
mit dem modernen Verständnis
von Typus beginnt.
Panerai zeichnet
eine historische Linie
von der Entwurfshilfe
J.N.L. DURANDs über
die Vorreiterrolle des englischen
Wohnungsbaus im
19. Jhdt. bis hin zu Ernst
MAY und Le CORBUSIER.
Typisierung, Prototypen
und deren serielle Variation
lösen die Typologie,
die eingebürgerten Typen
ab und damit zugleich jedes
Verständnis des Zusammenhangs
von Typologie
und städtischer Morphologie
auf. Dieses — zunächst
im analytischen Sinne —
wiederentdeckt zu haben,
ist das Verdienst der „„Venezianischen
Schule” um
S$. MURATORI und Carlo
AYMONINO, deren Ansatz
Panerai abschließend vorstellt
(vgl. Nr. 37 ARCH T).
Wegen seiner früheren religionsphilosophischen
Bedeutung als vorweggenommenes Bild einer
späteren Offenbarung, haftet dem Begriff des
„Typus” noch heute ein Hauch von Mystik an:
Bester Beweis dafür sind wohl die diversen
Bannflüche, die es von allen Seiten regnet, Sobald
das Thema zur Sprache kommt und die alle
Merkmale eines — allerdings auf das Maß ei“
nes „Kapellenstreites’”” reduzierten — Religionskrieges
aufweisen 1).
Oder der beinahe magische Gebrauch der
beiden Begriffe Morphologie und Typologie,
die in zahlreichen neueren Studien beschworen
werden, um der bösen Geister Herr zu werden
2).
Die Typologie, von der man einen Augenblick
lang glauben konnte, sie sei in irgendeinem
Laboratorium verschwunden, wo einige zu
spät gekommene sich an uninteressanten Klassifikationsproblemen
erschöpften, erfährt eine
Renaissance. Sie ruft Leidenschaften hervor
und was noch besser ist, sie zeigt sich — nach
dem Scheitern der semiotischen Versuche — als
die theoretische Strömung, die am ehesten die
verschiedenen Architekturbewegungen, die sich
in den letzten zehn Jahren gebildet bzw. gefestigt
haben, unter einen Hut zu bringen vermag.
Nicht von ungefähr bestimmt sie den Ton jenes
Buches mit dem Titel „Architecture Rationelle”,
das LEON und ROBERT KRIER, AL-DO
ROSSI, die Arbeiten von „LA CAMBRE”
und den Wettbewerb ‘La Villette”, BOTTA,
GARAY, GRASSI, GREGOTTI, PORTZAM-PARC,
SCOLARI, STIRLING, UNGERS und
VAN EYCK zusammenbringt und sich unter Berufung
auf die guten Geister der großen Toten
CERDA, E. SAARINEN und OTTO WAGNER
sich als eine Art Anti-CIAM-Manifest bzw. als
eine neue Charta von Athen gibt 35.
Die Verteidigung der Stadt gegen den Angriff
der Bauspekulation und der mißbräuchlichen
Stadterneuerungen sowie der Einfluß der
Gedanken eines HENRI LEFEBVRE 4) auf die
Architektur, scheinen kurioserweise zu Schlußfolgerungen
zu führen, die — wenigstens auf den
ersten Blick — den Zielen recht nahekommen,
welche seit vielen Jahren seitens — von Natur
aus eher konservativen — Institutionen wie der
Denkmalpflege und dem Naturschutz verfolgt
werden.
ZUR PROBLEMATIK DER TYPOLOGIE
ALS KLASSIFIKATION
Über den Ursprung des Begriffs „„7'ypus” und
die Bedeutung, die er — von verschiedenen wissenschaftlichen
Bereichen ausgehend — für die
Architektur hat.
Vom griechischen typos, der Abdruck, hergeleitet,
bezeichnet „Typus’”’ seit dem 15. Jahrhundert
zunächst nur den Druckbuchstaben,
den typografischen Bleibuchstaben. Von dieser
ersten Bedeutung wollen wir uns lediglich merken:
Der Typus ist nicht eine nachzuahmende Figur,
sondern das Reproduktionsmittel selbst,
genauso wie Modell und Gußform auf denselben
Bedeutungskern zurückgehen.
Der neue naturwissenschaftliche Typus-Begriff
und seine Anwendung in der Kunst- und Baugeschichte
Jenseits der eingangs schon erwähnten älteren
religiösen — Bedeutung (‘vorweggenommenes
Bild einer späteren Offenbarung’), verengt sich
im 18. Jahrhundert der Gebrauch des Wortes
„Typus” auf einen präziseren, eingeschränkteren
Wortsinn: der Typus, das sind die gemeinsamen
Merkmale einer Menge (bzw. Gruppe,
Klasse) von Gegenstäncn oder Personen; sie
definieren deren „Wesen” Das 18. Jahrhundert,
das ist die Zeit, da sı.h die beobachtenden
Wissenschaften entfalten. BUFFON und LIN-NE
schlagen zum ersten Mal eine systematische
Klassifikation der Pflanzen und Tiere nach ihren
natürlichen Eigenschaften und ihre Reproduktionsweise
vor >). (...)
Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund müssen
wir die Anwendung des Typus-Begriffes auf
die Architektur untersuchen. Das Wort an sich,
das Werk eines QUATREMERE DE QUINCY®),
oder die Klassifizierungsversuche eines DU-RAND
spiegeln deutlich das wissenschaftliche
Klima der ersten industriellen Revolution und
das Erbe der Enzyklopädisten. Und nicht von
ungefähr bedient sich die — seit LAUGIER „natürliche”
— Architektur des Werkzeugs der gerade
entstehenden Naturwissenschaften (vgl.
A. VIDLER 7).
Lassen wir die bei DURAND und QUATRE-MERE
DE QUINCY ebenfalls vorhandene Problematik
der Produktion vorerst beiseite und
versuchen wir, die Bedeutung dieses Zurückgreifens
auf die Natur zu erfassen. Die LAU-GIER’sche
„Urhütte ” 8) ist gleichzeitig der
ideale, charakteristische Typus des gesamten
„Architekturreiches’”” und das Urwesen, aus
dem, einer fast darwinistischen Theorie zufolge,
alle anderen Bauwerke hervorgegangen sind.
Man betrachtete die Bauten der Vergangenheit
mit demselben Blick wie Gesteine und
Pflanzen, und man bildete sich ein, diese „„natürliche””
Architektur sei von selbst entstanden.
Zumindest lehnte man es ab, sich für die konkreten
Umständen ihrer Entstehung zu interessieren;
statt dessen versuchte man im Nachhinein,
eine Charakterisierung des fertigen Produkts
oder gar eine Rekonstruktion des Entstehungsprozesses
— eine fiktive Rekonstruktion,
deren alleiniger Zweck darin besteht, das
Bild der Vergangenheit den heutigen Werten
anzupassen.
Die Unzulänglichkeiten dieser im nachhinein
und nach rein formalen oder stilistischen
Kriterien konstruierten architektonischen Typologie
sind hinreichend bekannt: es handelt
sich dabei um eine a-historische Betrachtungsweise,
die weder die Produktion (die Produktionsweise,
den Auftrag, also auch den Produktionsprozeß
selbst), noch den Gebrauch berücksichtigt;
die alle Abweichungen, Ausnahmen,
Unregelmäßigkeiten außer acht läßt; die
zuweilen wahllos aus Raum und Zeit schöpft,
um Zusammenhänge aufzuzeigen — in Unkennt-