Full text : ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1981, Jg. 13, H. 55-57/58, [59], 60)

Diesen Vortrag hat Erich Kühn, emeritierter
 Professor für Stadt- und Landesplanung
in Aachen, im Januar 1981 auf Einladung
des Lehrstuhls Planungstheorie an der
RWTH Aachen vor jungen Studenten
gehalten.

Zunächst liegt mir daran, Ihnen zu sagen,
daß ich mich freue, nach etwa 10 Jahren
wieder einmal an der Hochschule, in der
Architekturabteilung, aktiv tätig sein zu
können. Als ich gefragt wurde, ob ich bereit
sei, über das städtebauliche Geschehen in
den fünfziger Jahren zu berichten, habe ich
daher ohne Zögern zugesagt. Wer nicht nur
beobachtet, sondern aktiv am Geschehen
mitwirkt, erinnert sich erst nachdenkend an
Sonderheiten, an Zäsuren, die in der Tat
dazu berechtigen, von einem Dezenium
eigener Art, sogar sehr bedeutsamer Art zu
sprechen. 1950, das bedeutet zunächst und
vor allem:
Seit dem totalen Zusammenbruch nahezu
aller, zum mindesten aber wesentlicher
geistiger und materieller Werte, sind erst
fünf Jahre vergangen. Deutschland war in
jeder Hinsicht ein Trümmerfeld.
Das kann in einem Bericht über die 50er
Jahre nicht unberücksichtigt bleiben. Unserem
 gemeinsamen Vorhaben, über die
50er Jahre nachzudenken, würde gewissermaßen
 die Basis fehlen, wenn ich nicht die
fünf vorhergegangenen Jahre wenigstens
kurz einbezöge.
Herr Fehl hat mich gebeten, möglichst aus
eigenem Erleben zu berichten. Ich tue das
gerne. Um aber eigenes Erleben zu ergänzen,
 zu kontrollieren und zu bestätigen,
werde ich mehr als üblich zitieren müssen.
Einige Bilder sollen erläutern und dokumentieren.


Wie begann für mich der
Wiederaufbau?

Kurz nach dem Rückzug der deutschen
Truppen sprach mich auf dem Mindener
Markt - ich war Kreisbaurat in Minden -ein
englischer Offizier an, der merkwürdigerweise
 meinen Namen und meine Beschäftigung
 kannte, ohne daß ich ihn je vorher
gesehen hatte. Er gab mir den Auftrag, bis
zum nächsten Morgen einen Saal für das
Militärgericht nach groben Skizzen, die er
machte, zu möblieren. Ich habe noch den
Schluß der Frage im Ohr: „When not, I put
you in yale“. Ich erklirte, daB ich dazu nicht
in der Lage sei. Darauf er, heftig aufbrausend:
 „Warum nicht?“ Meine Antwort:
„Weil ich nachts nicht auf die Straße kann!“
Darauf riß er einen Zettel aus seinem Notizblock,
 um einen Ausweis zu schreiben. Auf
meine Bemerkung, ich könne immer noch
nicht, erneutes, * verstärktes Aufbrausen:
„Why not?“ Die Antwort: ,, Weil ich Handwerker
 brauche, die ebenso auf die Straße
müssen.“ Als er dann einige Blankogenehmigungen
 fertigte, erneut meine Bemerkung,
 ich könne immer noch nicht. Die
Reaktion: Spürbar aufsteigende Wut, ein
roter Kopf, und noch einmal sehr scharf:
„Why not?“ Nach der Antwort, die Zettel
hätten keinen Stempel, konnte ich erleben,
wie ein englischer. Offizier sich - mit oder
ohne Stöckchen - schreiend aufplustern
kann: Wir Deutschen sollten uns endlich
unsere verdammte Perfektion abgewöhnen -
sein Name sei in der gesamten Armee
bekannt, und das genüge. Später wurden wir
gute Freunde.
Der Gerichtshof stand am nächsten
Morgen, und der erste deutsche Angeklagte,
er hatte einen englischen Soldaten erschossen
 und einen zweiten schwer verletzt, wurde
freigesprochen. Die beiden hatten ihm seine
Uhr wegnehmen wollen - was sonst kaum

Erich Kühn

Die fünfziger Jahre
Persönliche Erinnerungen an die Zeit des Wiederaufbaus

vorkam. In der Rauferei zog einer der
Engländer seine Pistole, der Deutsche bekam
 sie in die Hand und schoß. Das Gericht
hielt es für Notwehr und sprach - was bei
einem Nazi-Gericht nie vorgekommen wäre
- den Deutschen frei. Dieses Urteil hat den
Engländern die Verwaltung sehr erleichtert.

angeordnet, den ganzen Wald im Bereich
der Porta-Westfalica abzuholzen. Ich konnte
 das, nach Rücksprache mit den betroffenen
 Bauern, nur mit der Erklärung abwehren,
 wir' hätten nicht genügend Äxte. Die
einzige Reaktion des Offiziers: ein Augurenlächeln.
 Eine große Ausstellung einer
„Gesellschaft zur Rettung des Waldes“, die
später überging in die „Schutzgemeinschaft
deutscher Wald“ war schon gefährlicher.
Das ,Besorgen“ von lebenswichtigen
Gütern, etwa die private Beschaffung von
Kohle aus den Güterzügen wurde mit
dem Wort ,Fringsen“ - von Bischof Frings
in Kóln in einer Art Generalpardon zwar
nicht legalisiert, aber doch verharmlost.
Einige Zeitmerkmale, die heute leider
weitgehend zeitbestimmend sind, gab es
nicht: Es gab weder Langeweile noch Leere,
wie sie im Mai 1969 von den französischen
Studenten den älteren Generationen vorgeworfen
 wurde. Im Manifest der Studenten
stand: „Ihr habt uns nichts zu bieten als
Langeweile“. Ein Ausspruch, über den
Manes Sperber so empört war, daß wir ihn
zum Thema eines Gesprächs im größeren
Kreise gemacht haben. Sinngemäß gilt das
gleiche für „Leere“. Beides führt heute zu
einem krampfhaften Bemühen um Auffüllung,
 das wir hier nicht besprechen können.
Die Grundstimmung der ersten Nachkriegsjahre
 läßt sich am ehesten mit „Aktivität“
 kennzeichnen, nicht resignieren sondern
 zupacken. Die Tonart gibt ein Lied
wieder, das Ursula Herking 1946 in Erich
Kästners Kabaret „Schaubude“ vortrug:

il perd
C65
| Ac
i

vag Ar

(Han. Bahrain ve n
dk. et
eem en

4, Dee

J
ud

N
V

Kurze Zeit später setzte die Entnazifizierung
 ein. Sehr detaillierte Fragebögen
mußten ausgefüllt werden. Vieles bedurfte
einer Sondergenehmigung durch die Militärbehörde.
 Ich war beispielsweise generell
befreit vom nächtlichen Ausgangsverbot,
durfte „Sperrbezirke“ betreten und am Tage
ein Auto fahren, vermutlich, weil ich
inzwischen vom Baurat zum kommissarischen
 Landrat avanciert war.

Das zum Persönlichen, wie war die
allgemeine Stimmung? Das erste Gefühl war
Befreiung - war ein freudiges Aufatmen nach
dem Inferno: Keine Bombennächte mehr im
Keller - nie mehr „Heil Hitler“ sagen zu
müssen. Heinrich Böll bestätigte später, daß
der Impuls sofort nach der Rückkehr aus
dem Kriege zu dem „Impetus der Befreiung
kam“. „Immer, trotz Trümmer, Elend,
Schwierigkeiten, Hunger usw. blieb das
Gefühl, befreit zu sein, das Entscheidende.“
Als Folge der Zwangspolitisierung der Hitlerzeit
 nun aber politische Abstinenz - ein
Zurückziehen auf die Familie als kleinste
und zunächst einzige Bastion im Kampf um
die blanke Existenz - Mangel vor allem an
Nahrungsmitteln, an Baumaterial, an Heizmaterial.
 Ein Beispiel: Um Heizmaterial zu
beschaffen, hatte die englische Besatzung

Ich trag Schuhe ohne Sohlen
Durch die Hose pfeift der Wind,
doch mich soll der Teufel holen,
wenn ich nicht nach Hause find.
In den Fenstern, die im Finstern lagen,
zwinkert wieder Licht.
Freilich nicht in allen Häusern.
Nein, in allen wirklich nicht ...
Tausend Jahre sind vergangen
samt der Schnurrbart- Majestät.
Und nun heifit's: Von vorn anfangen!
Vorwárts marsch! Sonst wird's zu spát!
Dieses Zupacken galt zunichst den Trümmermengen,
 die erst bewiltigt werden
mußten, ehe der Aufbau beginnen konnte.
Staub und Ratten bedrohten zudem die Gesundheit.
 Um einen Begriff von den Mengen
zu geben, einige Zahlen: In Dortmund
waren etwa 11 Millionen Kubikmeter Schutt

22
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.