Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1982, Jg. 14, H. 61, 62, [63/64], 65, 66)

IBA: Vom Umgang mit dem Stadtgrundriß

„Nach den unermeßlichen Schäden des letzten Krieges ist nunmehr eine neue Aufgabe gestellt: Planung und Neuaufbau einer
mehr als 1000-jährigen Stadt, deren vor Jahrhunderten geformtes Gesicht zerschlagen wurde. Was aber als wesentliches blieb,
war der Grundriß der Stadt, die die ruhmreiche Geschichte mit hartem Griffel in die Erde eingraviert hat. Diesen Grundriß gilt
es, wie ein Denkmal zu schützen und zu pflegen. Ihn erhalten heißt, den Charakter der Stadt, die liebgewonnene,
überschaubare Ordnung retten und die vom Strom der Zeit teilweise verwaschenen Züge sanieren.“ Prof. Fischer, als
Baudezernent verantwortlich für den „Wiederaufbau“ Aachens
Sprachs und verbreiterte ehedem 6 m breite Straßen auf 60 m, ließ die Hochschule wie ein Krebsgeschwür im alten Stadtkern
wuchern und plante Nord-Süd- und Ost-West-Achsen quer durch die Innenstadt. - Tut der ..Stadtrekonstrukteur‘“ J.P. Kleihues
30 Jahre später etwas anderes” o

Geschichtlichkeit
eines Stadtteils

Die südliche Friedrichstadt
von Landeskonservator Engel, Berlin

Der im folgenden abgedruckte Beitrag ist ein Referat, das im Herbst 1981 vor
dem Beirat für Baudenkmale des Senators für Stadtentwicklung und
Umweltschutz gehalten wurde. Sein Text ist unverändert übernommen worden,
obgleich sich gegenüber dem damaligen Stand durch neue Wettbewerbe und die
Überarbeitung älterer Planungs- und Entwurfsergebnisse, die hier abgebildet
werden, Veränderungen ergeben haben.
Es darf durchaus im Charakter eines solchen Referates liegen, im Interesse
einer kritischen Auseinandersetzung mit der TBA lediglich TeilASPEKTE
DES STÄDTEBAULICHEN Entwurfsvorganges zu betrachten. Aus der Sicht
des Landeskonservators positive Planungsziele dürfen jedoch nicht verschwiegen
 werden.
Wenn die eigengstalterische Ausformulierung durch die Bindung an die
historischen Strukturmerkmale dieses Stadtteiles - wie hier gefordert -
eingeschränkt werden soll, dann geschieht das zur Wahrung der Kontinuität
der südlichen Friedrichstadt. Es soll auch künftig noch möglich sein, zum
Beispiel die Stelle exakt zu erkennen, auf der einmal das Haus des Hans Joachim
von Zieten gestanden hat. Das Aufgreifen von Strukturmerkmalen hat mit
Historisieren nichts zu tun, die südliche Friedrichstadt ist keine grüne Wiese;
die Architektur der Bauausstellung, die sich auf diesem Stadtgrundriß und in
diesen Strukturmerkmalen entwickeln soll, muß sich in zeitgenössischer
Formensprache vollziehen.

Die südliche Friedrichstadt 2.V.18.Jh. - Idealperspek tive

Die Entwicklungs- und frühe Baugeschichte
der Südlichen Friedrichstadt ist in letzter Zeit
wiederholt dargestellt worden, sie kann hier
deshalb verkürzt referiert werden: annähernd
spiegelbildlich zur Lindenstraße - einer der
mittelalterlichen, vom Leipziger Tor kommenden
 Ausfallstraße Berlins - legt Philipp
Gerlach die Wilhelmstraße an; Symmetrieachse
 ist die Friedrichstraße. Linden-, Friedrich-
 und Wilhelmstraße münden im Süden in
der Torplatz, das Rondeel. Die anderen nach
Süden verlängerten Straßen der nördlichen
Friedrichstadt werden auf öffentliche oder
repräsentative private Gebäude als points de
vue zugeführt; die Charlottenstraße, die noch
in Höhe der Kochstraße endet, auf das Haus
des Hofrates Koch, die Markgrafenstraße auf
das Collegienhaus, die Jerusalemer Straße auf
den Maultierstall; den optischen Abschluß der
Kochstraße bilden das Palais Vernezobre
{später Prinz-Albrecht) und die Jerusalemer
Kirche. Den südlichen Beginn der Friedrichstraße
 bildet zumindest ein Öffentliches
Bauwerk: das auf der östlichen Seite gelegene
Spinnhaus. Fast alle Grundstücke weisen
umfangreiche Gärten auf. Eingehenderen
Untersuchungen muß die Darstellung der
Nutzungsverteilung in. der Friedrichstadt
vorbehalten bleiben, z.B. wurde die obere
Wilhelmstraße für den Adel, die untere
Wilhelmstraße „für Zeugmacher und andere
Manufakturisten“, die Kochstraße für die
Innungen in Anspruch genommen. Die
Südliche Friedrichstadt ist Beispiel des
feudalen Städtebaus: angestrebt - wenn auch
nicht immer erreicht - war eine einheitliche
zweigeschossige Bebauung unter fortlaufendem
 Mansarddach, eine Bebauung, die sich in
Einzelbeispielen bis in das späte 19. Jahrhundert
 erhalten konnte; wahrscheinlich aber
schon seit der Spätzeit der Regierung

Friedrich II. wird der Maßstab der zweigeschossigen
 Bebauung an wichtigen städtebaulichen
 Stellen durch eine mehrgeschossige
Wohnbebauung durchbrochen, der Beginn
der Entwicklung zu einem bürgerlichen
Stadtbild setzt ein. Städtebauliche Veränderungen
 in der Südlichen Friedrichstadt
geschehen einmal in Verbindung mit dem Bau
der Schinkelschen Sternwarte 1832 - 1835: die
Charlottenstraße wird über die Kochstraße
nach Süden verlängert und auf die Sternwarte
als point de vue gerichtet, die Besselstraße
stellt eine neue Querverbindung zwischen
Friedrichstraße und Lindenstraße her; über
Straßendurchbrüche (im wesentlichen Oranienstraße
 und Ritterstraße) wird der Stadtteil
an die Luisenstadt im Osten und über die
Anhalterstraße und den Askanischen Platz als
Torplatz mit der Friedrich-Wilhelm-Vorstadt
verbunden. Noch bis über die Mitte des 19.
Jahrhunderts hinaus bleibt die Südliche
Friedrichstadt ein ruhiger Stadtteil, der sich
von der Hektik um die nördlich gelegenen
Linden wohltuend unterscheidet; Fontane
beschreibt 1867 diesen Zustand:
Die Kochstraße „zog eine Grenze zwischen Stadt und
Vorstadt; diesseits lag der Lärm, jenseits die Stille ... Die
Läden hörten auf, die Jalousien fingen an“ (Voss S. 283).
Trotzdem durchsetzte sich die Friedrichstadt
in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
weiter mit öffentlichen Standorten, Schwerpunkte
 in einzelnen Bereichen bilden sich
heraus: das Militär konzentriert um den Belle-Allianz-Platz,
 die Lindenstraße nimmt Einrichtungen
 der öffentlichen Hand auf: die
Hauptfeuerwache Lindenstraße, das kgl.
Oberbergamt, das dem Durchbruch der
Oranienstraße zum Opfer fällt, das Statistische
 Bureau südlich der Schinkelschen
Kaserne der Lehr-Eskadron, die ab 1818
anstelle der alten Maultierstätte entstanden

Die südliche Friedrichstadt 1748 - Kartenausschnitt
Die Lindenstraße mit heutigem Berlin-Museum - um 1830

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