Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Nun gibt es kaum noch Anlaß zur vollkontinuierlichen Pro- 
duktion in den großen Konvertern; diese irrsinnige Produk - 
tionsverdichtung bei Fahrweise rund um die Uhr, die immer 
seltener durch Störungen unterbrochen wird, muß durch 
Kurzarbeit ausgeglichen werden. 
Natürlich kann ich mir eine Gesellschaft vor- 
stellen, 
® in der alles alternativ funktioniert, 
® in der alles alternativ funktioniert, 
® in der alles alternativ funktioniert. 
Natürlich kann ich mir vorstellen, 
® daß die gesellschaftlich notwendige 
Arbeit weiter dem Umfang nach enorm 
abnimmt, 
® daß die gewonnene Disposition über Zeit 
in der Gesellschaft die Lust zum Experi- 
mentieren freisetzt. 
aber ich kann mir auch vorstellen, 
9 daß die historische Konditionierung des 
Einzelnen durch Industriearbeit auch der 
gewonnenen Freizeit den Stempel von 
Leistungssuche aufdrückt, 
daß die sirkende Profitrate dem Indivi- 
duum den Zeitgewinn wieder abjagt, um 
ihm einen Teil der Existenzsicherung als 
individuelles Geschäft aufzubürden. 
cd 
Es war noch weit zur Forderung der 35-Stunden-Woche, 
als Lafargue 1883 schrieb: 
„Vertiert (verdummt) durch ihre Laster (ihre Arbeitslust) 
konnten sich die Arbeiter nicht zu der Erkenntnis der Tat- 
sche erheben, daß man, um Arbeit für alle zu haben, die 
Arbeit rationieren muß wie das Wasser auf einem Schiff in 
Seenot.” 
(zit. nach Benz, E., Lafargue-Studien, in der Bernstein- 
schen Übersetzung nicht enthalten) 
Aber ich muß mir vorstellen, 
® daß die organisierte Systemgewalt heute 
(nenne sie Polizeistaat, Atomstaat, 
Rüstungsstaat, überwachte, formierte, 
kontrollierte Gesellschaft) diese Chance 
des anderen Lebens nicht läßt, 
daß sie sich in die Bedürfnisse nach 
Erhalten, Besitzstandwahren, Versi- 
chertsein hineindrängt, um an der Ruhe- 
und Ordnungskette zu halten, 
» daß sie mit neuen Verführungen nach der 
desorganisierenden Existenzangst spürt. 
Ich frag mich also, was passiert, wenn 
® wenn ein noch größerer ganz erheblicher 
Teil vor allem Jugendlicher in alternati- 
ven Projekten lebt, umworben von einem 
Staat, der die freie Initiative favorisiert, 
um sich zu entlsten, getragen von solchen 
Jugendlichen, die heil und ganz genug 
sind. selber zu machen, aufzubauen: 
Die Arbeiter der Hüttenwerke Rheinhausen und der Kupfer- 
hütte vereinen sich in Hochfeld, fast 10 000, Frauen und 
Kinder sind dabei. So haben sie sich selbst noch nie gesehen: in 
solcher Zahl, gemeinsam auf der Straße. 
® 
wenn in der ersten Ökonomie im Sektor 
der organisierten Arbeit, Auslese- und 
Leistungsprinzip, intensivierte und ver- 
feinerte Ausbeutung im Widerstreit mit 
neuen Fähigkeiten zur Beherrschung der 
Produktionsprozesse liegen (also Kondi- 
tionierung contra AAO OS 
in der sich weiterentwickelnden Indu- 
striearbeit); 
wenn ganze Teile der Gesellschaft mit 
ihren Händen, Köpfen, ihren Fähigkei- 
ten in diesem Sektor nicht gefragt sind; 
wenn in der ersten Ökonomie, im Sektor 
der organisierten Arbeit, ein Teil davon 
für schlechteste, dümmste Resttätigkei- 
ten und mieseste Bezahlung aufgesaugt 
werden kann, weil der Staat kein Netz 
mehr hinhält; N 
wenn die Nichtgefragten, die Ubrigblei- 
benden, die nicht die Fähigkeiten, Mög- 
lichkeiten haben, anders zu leben, keinen 
Weg mehr sehen? 
» 
Mir scheint: die friedliche Idylle ist nicht nur 
vom UÜberbau her, sondern auch von unten, 
von der Basis her bedroht. 
Und ich frag mich dann (bei soviel denk- 
möglicher Apokalypse muß ich nach dem 
möglichen Ausweg suchen), ob denn wirk- 
lich nur noch diese kleinen autonomen Grup- 
pen die notwendige Bewegung/Veränderung 
der Gesellschaft bewirken, die die Katastro- 
phe aufhalten kann. 
Und dann frag ich mich, was denn die Men- 
schen des zweiten Sektors, die Träger der 
organisierten Arbeit, die die Wirklichkeit 
des Ruhrgebiets ausmachen, historisch noch 
zu vermelden und beizutragen haben. 
Ganz sicher ist die heroische Rolle, die 
ihnen als sich mit der Entwicklung der Groß- 
industrie kompromißlos —formierender 
Gegenkraft zuerkannt wurde, historisch 
abgetan, überrollt von der arbeitsteiligen 
Zersplitterung des Wissens, der Substitution 
menschlicher Arbeit durch die Maschine, der 
Konditionierung durch (inzwischen verinner- 
lichtes) Leistungsbewußtsein. Sie waren 
Realisten stattdessen: aus gelebter Erfah- 
rung ihrer Lohnarbeiterexistenz in den lan- 
gen Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs 
der Bundesrepublik die beständigsten Ver- 
teidiger des Systems und zugleich ungebro- 
chenes Widerstandspotential. 
Viele der Rheinhausener gehen zum ersten Mal durch‘ den be- 
nachbarten Stadtteil Hochfeld — das haben sie nicht gewußt- 
Vor kurzem hätten sie vielleicht noch geurteilt: gut daß das 
wegkommt, ist doch kein Lebensstandart — jetzt friert es sie. 
Ich denke, die Sehnsucht, ganzer Mensch zu 
sein, entsteht bei ihnen um so mehr, als sie 
im Umgang mit der materiellen Aneignung 
der Welt den starken Widerspruch zwischen 
Lohnarbeiter- und Produzentensein erfah- 
ren. Aber die Bedingungen der Konditionie- 
rung lassen es ohne gewaltige Erschütterung 
und Anstöße von außen, die die eigenen 
Defizite überbrücken helfen, nicht zu, zu 
sich selbst zu kommen 
„Die Grausamkeit, mit der die Vergesellschaftung der 
Individuen stattgefunden hat und noch stattfindet — ... 
erzwingt gerdezu das folgenschwere Mißverständnis, in 
diesem Prozeß der 2. Menschwerdung nichts weiter als die 
Opferung des Individuums an ihm äußere Mächte zu 
sehen, führt zur rückwärtsgewandten Utopie der gesell- 
schaftsfernen Individualarbeit, anstelle der gewaltsamen 
Produktion des gesellschaftlichen Menschen. Für die Ana- 
lyse der Arbeit hängt aber alles davon ab, in der Vergesell- 
schaftung der Individuen die innewohnende Perspektive 
der „Individualisierung” der Gesellschaft zu erkennen. 
Hauptfrage muß sein, inwieweit die Individuen zu aktiven, 
selbstbewußten Trägern der gesellschaftlichen Entwick- 
lung werden müssen, und welche Probleme sich dabei erge- 
ben; inwieweit die Automatisierung der Entfaltung der 
Individuen zu einem Erfordernis der gesellschaftlichen 
Weiterentwicklung macht.” 
Projektgruppe Automation 
n: Argumenthefte/Sonderband 19 S.189/190 
Die Selbstbefreiung durch konkrete, sinnli- 
che Arbeit, die der Angelhaken der Alterna- 
tiven zur Sinnerfahrung im Leben, ganzheit- 
lichen Fähigkeiten und darüber die Substanz 
von Widerstand gegenüber historisch über- 
holten Fesseln ist, bleibt also auch bei organi- 
sierter Industriearbeit zu sehen. . 
Veränderung der Industriearbeit (bei 
automationsorientierter kontinuierlicher 
Produktion) / Veränderung des Menschen: 
Produktion rund um die Uhr, Verwertung 
immer teuerer Anlagen in immer kürzerer 
Zeit, Kontiwechselschicht, Diktat der indu- 
strialisierten Zeit über den Menschen, Funk- 
tionalisierung des Menschen ehne Rücksicht 
auf biologische und soziale Bedürfnisse, 
Anpaßbarkeit unterstellt. Aber mit jeder zeit- 
umstellung wiederkehrendes Unwohlsein, 
vorzeitiger Gesundheitsverschleiß. Kompen- 
sation durch Geld und arbeitsfreie Zeit. Für 
die einen: inhaltsarme, einseitig belastende 
Resttätigkeiten, Enteignung von Fähigkei- 
ten. 
Für die anderen: mehr Kompetenz und 
Eigenverantwortlichkeit bei der Arbeit. 
Aber unter wachsendem psychischem Streß: 
Arbeiten ohne konkretes Tun. reduziert auf 
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