Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

pen und Eigentümern zustehenden Pri- 
vilegien, wie Wohnsicherheit, tatsächli- 
che Selbstbestimmung des Wohnens 
etc., auch die minderbemittelten brei- 
ten Schichten Gebrauch machen kön- 
nen. 
Es gibt wesentliche Gründe einer solchen 
Bindung von Wohnraum: 
Erstens: Der gesellschaftlich gebundene 
Wohnraum bedeutet eine dauerhafte 
Zweckbindung des Wohnraums für die Be- 
wohner, die sich anders nicht versorgen 
können und hilft der Milderung der auch 
auf dem Wohnungsmarkt bestehenden so- 
zialen Ungleichheit. 
Zweitens: Die Förderung dauerhaft gebun- 
denen Wohnraums kann für den Staat so- 
gar billiger sein als die zur Zeit beliebte 
Subjektförderung. Denn, entgegen der 
Subjektförderung, die — solange es sich 
um eine Gesellschaft handelt, die nicht in 
der Lage ist, soziale Ungleichheit abzubau- 
en — ein Faß ohne Boden ist, ist die direk- 
te, auf die Wohnung bezogene Förderung 
(Objektförderung) einmalig und erzeugt 
somit keine Dauerkosten für den Staat. 
Daß der Vorteil der traditionellen Objekt- 
förderung nicht hinreichend zur Geltung 
kam, lag daran, daß er „privatisierbar” war 
— vom Eigentümer oder vom „zu billig” 
dort lebenden Mieter. Entscheidend bei 
dieser Förderung ist, daß der — so dauer- 
haft gebundene — Bestand für den Aufbau 
eines tendenziell kreditmarktunabhängi- 
gen Finanzierungssystems genutzt werden 
kann. Hier sind die verschiedenen Varia- 
tionen geschichtlich und im internationalen 
Vergleich bekannt. Schließlich liegt eine 
weitere verbilligende Produktivitätsres- 
source in der Mobilisierung der Selbstver- 
antwortlichkeit und Selbsthilfebereitschaft 
der Bewohner (schonender Umgang, In- 
standsetzung und Verwaltung). Dies ist 
aber nur dort möglich, wo das reine Miet- 
verhältnis überwunden ist, wenn Formen 
der Bewohnerselbstversorgung gefunden 
werden. Da das Modell „jedermann Eigen- 
tümer” sich nicht als verallgemeinerungsfä- 
hig erwiesen hat, schon gar nicht in De- 
pressionszeiten, bleibt nur die kollektive 
Selbstversorgung, deren historische Form 
die Genossenschaft war, die heute sicher- 
lich nicht die einzige Form darstellt. 
Drittens: Der gebundene Wohnraum er- 
weitert die Verfügungsrechte der Nutzer 
und somit die Möglichkeit, stabile Nach- 
barschaftsbeziehungen zu entwickeln; so 
kann aus Wohnraum Lebensraum werden. 
Die Problemverarbeitungsfähigkeit der 
Nachbarschaften wird erweitert, insbeson- 
dere dann, wenn die Nachbarschaftsbezie- 
hungen nicht zufällig entstehen, sondern 
selbstbestimmt gewählt werden können. 
Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn 
sich Bewohnergruppen schon vor Einzug 
über Sozialbindung konstituieren und als 
Gruppe ihr Wohnprojekt aktiv begleiten. 
Viertens: Kulturell spricht für den gebun- 
denen Wohnraum die Suche nach einer 
Neuorientierung im Städtebau. Hierzu be- 
darf es der Mobilisierung der Phantasie der 
Vielzahl lokaler Initiativen und Institutio- 
nen. Sollen Wohnungen und Häuser nicht 
bloß addiert werden, sondern Identität 
vermittelnden Lebensraum bilden, so muß 
das klassische Miet- und Eigentumsver- 
hältnis mit seinen Tendenzen der Isolie- 
rung, Passivierung und Reduzierung über- 
wunden werden. 
Diese gesellschaftliche Bindung von 
Wohnraum steht in engem Zusammenhang 
mit folgenden Zielen der wohnungspoliti- 
schen Bewegungen: 
® Dezentralisierung der Wohneinheiten 
und somit verstärkte Berücksichtigung 
lokaler Gegebenheiten und Vorausset- 
zungen, 
® Bestimmung der Entscheidungsstruktu- 
ren durch die Nutzer, 
® differenzierte, sinnvolle und behutsame 
Nutzung vorhandener (lokaler) Res- 
sourcen. 
3. Bündelung der wohnpolitischen Opposi- 
tion oder: Warum noch ein Verein? 
An vielen Stellen wehren sich Betroffene 
gegen die Folgen marktorientierter Woh- 
nungspolitik. Ihr Widerstand aber bleibt 
häufig isoliert und auf Reagieren unter 
Handlungsdruck beschränkt. 
Wohnraumbeschaffung und -sicherung 
bindet aus der Sicht der Einzel-Initiative zu 
viele Kräfte auf zu vielen Ebenen. Dies gilt 
besonders für die Schichten, denen Selbst- 
hilfe gerne (als letzter Ausweg) angedient 
wird. 
Will man Selbsthilfe und Selbstverant- 
wortlichkeit stärken, müssen Handlungs- 
und Organisationsangebote soweit an die 
Betroffenen herangetragen werden, daß 
diese selbsttätig ihre Probleme damit ange- 
hen können: solche Beratung kann zu ei- 
nem schwierigen Balanceakt zwischen 
UÜberforderung und Bevormundung wer- 
den. 
Damit wohnpolitische Alternativen stär- 
ker zur Verwirklichung gelangen, bedarf es 
auch des systematischen und kontinuierli- 
chen Zusammenwirkens von Personen der 
verschiedenen Kompetenzen und Betrof- 
fenheit: der (zukünftigen) Bewohner, der 
Architekten, Okonomen, Juristen, Ver- 
waltungsangehörigen etc.. 
Aus der Not des einzelnen Falles heraus, 
unter akutem Handlungsdruck lassen sich 
Beratungskapazität und Verbindung der 
Fachleute untereinander selten in ausrei- 
chendem Maße herstellen: der Druck der 
Verhältnisse läßt einen solidarisch vermit- 
telten Zusammenschluß der verschiedenen 
professionellen und institutionellen Inter- 
essenten mit den Betroffenen nicht mehr 
zu. So scheitern die einen Initiativen und 
andere, erfolgreichere bleiben auf ihre 
„Einmaligkeit” beschränkt: die Bedingun- 
gen für Scheitern und Erfolg werden kaum 
reflektiert und weitervermittelt. Hoffnun- 
gen und Energien werden vergebens mobi- 
lisiert: im Falle des Scheiterns bleibt nichts 
Positives übrig. Die Geschichte des Schei- 
terns kann so selbst zum Argument und 
Hindernis gegenüber weiteren Bemühun- 
gen werden. 
Durch die Organisation aller Interessier- 
ten — Bewohner wie Fachkräfte — und die 
Entwicklung und Propagierung von mög- 
lichst konkreten Projektkonzepten kann es 
gelingen, das lähmende Vorwegnehmen 
des Scheiterns an der Vielfalt der Einzel- 
probleme, der Langwierigkeit und den fi- 
nanziellen Belastungen zu überwinden. 
Kontinuität, durch Bündelung verstärk- 
ter politischer Druck und professionelle 
Vorbereitung können dieses Handlungsdi- 
lemma vereinzelter lokaler Initiativen auf- 
brechen. Für die Einzelgruppe ist das prak- 
tische Problem häufig unlösbar. Aus dieser 
Erfahrung ergibt sich die Suche nach einer 
Organisationsform, die die verschieden- 
sten „Betroffenen” zur kontinuierlichen 
Aufbauarbeit zusammenbringt. 
Dies war historisch nicht anders. Die 
Geschichte der Genossenschaften und 
wohnungspolitischen Alternativen ist ohne 
die zahlreichen „Propagandavereine” und 
unterstützenden „befreundeten Organisa- 
tionen” nicht zu verstehen. Neben den Bo- 
denreformvereinen, der Deutschen Gar- 
tenstadtgesellschaft, den zahlreichen 
Wohltätigkeitsvereinen (Centralstelle für 
Arbeiterwohlfahrt) waren es vor allem die 
im Deutschen Verein für Wohnungsreform 
zusammengeschlossenen Vereine für 
Kleinwohnungswesen, denen der einstige 
Aufstieg der gemeinnützigen Wohnungs- 
wirtschaft als wirtschaftlicher, sozialer und 
kultureller Innovationsfaktor zu danken 
ist. Ohne die lobbyistische, propagandisti- 
sche, bildungspolitische und organisatori- 
sche Kraft dieser Organisationen wären die 
Wohnungsreformbewegung und die Ansät- 
ze zu genossenschaftlicher Selbsthilfe nicht 
zum Zuge gekommen. 
Der Aufbau einer vergleichbaren „Bera- 
tungsinfrastruktur” ist heute in europäi- 
schen Nachbarländern fortgeschritten — 
allerdings auch noch nicht so sehr im woh- 
nungspolitischen Bereich. 
Aus diesen Gründen schlagen wir den 
Aufbau eines zentralen Vereins vor: Ein 
solcher Verein kann und soll nicht die In- 
itiativen und Träger am Ort ersetzen — er 
kann sie aber stärken, indem er Aufgaben 
übernimmt, die vielen Initiativen gemein- 
sam sind und die eine professionelle Bear- 
beitung nahelegen( z.B. Rechtsgutachten, 
Finanzierungskonzepte, Modellentwürfe). 
Auf lokaler Ebene werden häufig zu vie- 
le Kräfte von Aufgaben absorbiert, die 
auch in gemeinsamer Arbeit mehrerer In- 
itiativen etc. vor-geklärt werden könnten 
(z.B. Rechtsfragen wie Vertrags- und Trä- 
gerformen). Doppelarbeit und Dilettantis- 
mus sind die Folgen. Auch ist der Adressat 
vieler Forderungen der Staat (Länder oder 
Bund): lokale Initiativen sind zweifellos 
überfordert, eine Lobby zur Durchsetzung 
anderer wohnungspolitischer Rahmenbe- 
dingungen auf dieser Ebene zu bilden. 
Gleichwohl ist dies von größter Bedeu- 
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