Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Lucien Krolls Studentenwohnheim in Louvain-la-Neuve, dahinter die Med. Fak 
im Zwielicht, sie könnte richtig sein, sie 
könnte aber auch nur einen. der genannten 
Gründe verstecken. In vielen, wenn nicht in 
den meisten Fällen, entzieht sich die Behut- 
samkeit schlicht der unmißverständlichen und 
konsequenzenreichen Vergegenständlichung 
dessen, was man wirklich will. Vielleicht ist 
das taktisch sinnvoll? Ich kanns nicht glauben. 
sern, in ständigem Kampf mit der Baupolizei, 
heimlich aufgeführt, jahrelang zäh verteidigt, 
gelegentlich abgerissen und alsbald wieder 
aufgebaut und wieder jahrelang verteidigt 
usw. Heute sind diese kritischen Korrelate 
praktisch ausgemerzt, jede Currybude sieht 
schon von weitem nach sanitären Standards 
und DIN-Normen aus, Schuppen existieren 
nur noch als um Feuerlöscher herumgebaute 
Eternitwände. Das Provisorische wird ver- 
tilgt wie eine Unkrautart. Dazu kommt die 
innere Homogenisierung des Hausbestandes 
zu normgleichen Wohnanlagen, die das 
emsige mietensteigernde Modernisieren be- 
sorgt: da werden nicht Bequemlichkeiten einer 
alten Form eingefügt - dagegen wäre, wers so 
will, nichts zu sagen -, sondern es werden 
Normen angeglichen, es werden die bloßen 
Kennzeichen von Standards und facilities 
eingebaut (und an ihnen, nicht etwa an einem 
Mehr an Gebrauchswert, orientiert sich ja 
auch die Mietsteigerung). 
Diese Homogenisierung läuft auf einer 
Interessenallianz vor aller Architektur, in der 
industrielle Normer, staatliche Überwacher, 
Baufirmen und Hausbesitzer ihren gemein- 
samen, Vorteil finden. Die architektonischen 
Individualisierungsbemühungen der Stadt- 
baukunst kommen an diese Ebene gar nicht 
heran. Die Methode der Behutsamkeit 
dagegen, die ja eigentlich den Substandard 
verteidigt, verteidigt ihn nicht als Gebrauchs- 
wert, sondern als sozialpolitischen Freiraum 
- sie muß also, um die Altsubstanz konkur- 
renzfähig zu machen, so viele Angleichungs- 
zeichen hereinnehmen wie möglich, ohne den 
sozialen Spielraum damit aufzuheben. Im 
prekären Kontinuum zwischen Instandset- 
zung und Modernisierung wären erscheinen- 
de Inhomogenitäten nur ein politisches 
Risiko, in das jeder hineinstieße, der dem 
anderen was will, egal welche Seite. Die 
„Stadtbau der Piraten“ 
Stadtbau und Sozialplan, das ginge noch. 
Aber die Dinge sind inwzischen verführeri- 
scher: zwischen Stadtbaukunst und ästheti- 
siertem Sozialplan, das ist es, wo wir hindurch 
finden müssen. Hindurch kommt nur, wer 
seine eigene Form zu ändern weiß, beweglich 
ist, in die Standardisierungen der Zwick- 
mühle nicht hineinpaßt und also dem 
ökonomisch mächtigen, aber kKurzsichtig 
genormten Zugriff entkommt. Man muß raus 
aus der ganzen Situation, Lösungen für die 
Ebene mittlerer Abstraktion zu finden. Man 
muß sich dem Zwang entziehen, in Gesamt- 
lösungen zu denken, in einer, sei es noch so 
zartfühlend, dem kleinen Bewohner auf den 
Pelz rückenden Perspektive von oben, des 
Heils, der großen Heilung. Wer das begriffen 
hat, übernimmt zwar Verantwortung für das 
Ganze, aber er spielt nicht Regierung, er denkt 
nicht in Gesamtmodellen, sondern in kriti- 
schen Einzelfällen, die das Ganze in ihrer 
Einzelheit greifbar machen. 
Eine Vokabel dafür kann der Hausbau sein. 
In der heute erreichten Homogenität städti- 
scher Baustruktur wäre so etwas wie Hausbau 
von vornherein der Kritische Grenzfall. In 
Hausbauzeiten gab es kritische Entsprechun- 
gen auf mehreren Ebenen, Budenarchitektu- 
ren vor den Häusern, überall, wo öffentlicher 
Raum dazu die minimale Grundfläche bot, 
und Schuppenarchitekturen hinter den Häu- 
Foto: Serwe / Auslöser 
Markierung eines Bruches, einer Aufhebung 
der sich weiter durchsetzenden und steigern- 
den Homogenität der Baumassen und Be- 
wohneransprüche kann nur als ein eigenes, für 
sich selbst gesetztes Projekt erfolgen. Es 
braucht eigene Träger, eigene Konzepte, 
eigene Lobby. Denn darüber sollte man sich 
keineswegs täuschen: die Homogenisierung 
läuft nicht nur in den Gebäuden, sondern auch 
in den Köpfen und Verhaltensweisen. Die 
Standardfrage ist das innerste Credo der 
schweigenden Mehrheit und macht diese zur 
verläßlichen Basis der Homogenisierung, und 
daran werden auch horrende Mietsteigerun- 
gen vorerst nichts ändern, denn da steht mehr 
auf dem Spiel als der Geldbeutel, da geht es 
um die sozialen Grundwerte, mit denen man 
sich gegen historische Rückfallängste, gegen 
die eigene Vergangenheit, gegen die Russen, 
Asozialen und die arbeitslose Zukunft vertei- 
digt. Für diesen Deichbau gegen die Angst ist 
auf längere Sicht kein Mietgeld zu teuer. 
Hat dann ein unabhängiger Hausbau 
überhaupt eine Chance? Ist dafür politisch 
Platz in den Städten? Das wird herauszu- 
finden sein. Die Homogenisierungsfront 
scheint dergleichen von vornherein auszu- 
schließen. Man darf aber nicht übersehen, 
welche Kräfte diese Front bindet. Da wird 
zwar durchaus sozialer Beton gebaut, und je 
deutlicher werden sollte, daß sich eine 
Minderheit nicht mehr an den Konsens halten 
will, je mehr andererseits das Durchhalten von 
Standards Einschränkungen fordern wird, 
desto mehr ist Haß auf Spielverderber zu 
erwarten. Aus dem gleichen Grunde - daß es 
ums Heiligste geht und alle Kräfte aufgeboten 
werden müssen - wird die öffentliche Hand 
nicht umhin können, an peripheren Punkten 
Lockerungen herzustellen, sich durch Aus- 
nahmeregelungen zu entlasten. Wie das 
aussehen kann, brauche ich nicht weiter zu 
A
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.