Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

skizzieren: die Ingredienzien werden ja 
- Arbeitslosigkeit, Rezession im Baugewerbe, 
Untergang der kleinen Firmen, arbeitslose 
Architekten, Jugendausbildungsprojekte, 
ökologisches Bauen mit einfachen Techno- 
logien usw. - seit Jahren diskutiert mit 
wachsender Annäherung an die Wirklichkeit. 
Ich will das hier aufgreifen, nur unter dem 
Winkel der Frage, was das Denkelement 
Hausbau für das Umgehen mit der Stadt an 
Perspektiven beitragen kann. 
Hausbau ist der kritische Grenzfall einer 
Stadt, in der - ob nun Pariser Agglomeration, 
Londoner New Town, Darmstadt Neu- 
Kranichstein, Albertslund bei Kopenhagen 
oder Gropiusstadt in Berlin - ganze Stadt- 
viertel von einer Baugesellschaft errichtet und 
verwaltet werden, von einem einzigen Fern- 
heizsystem abhängig sind und von wenigen, 
deshalb hochzentralisierten Einrichtungen 
versorgt werden. Der alte kleinbürgerliche 
Hausbau ist da so vollständig erdrückt, daß 
wir ihn getrost als abgewöhnt betrachten 
können, ohne allzu ungenau zu sein. Klein- 
bürgerlichkeit im alten Sinne ist in unseren 
Städten nur noch ästhetische Verweisschicht 
oder ökonomische Sicherung an ganz quer 
dazu strukturierten Objekten, das kleinbür- 
gerliche Eigentumsstreben tummelt sich in 
Neu- und modernisiertem Altbau als Eigen- 
tumswohnungsbesitz, im Reihenhausver- 
bund, der in einst großbürgerliche Vorort- 
parzellen hineingeklemmt wurde, oder es 
wandert ganz aus der Stadt aus und sucht die 
stadtnahen Dörfer grausig heim. Die Figur 
des Hausbaus würde in der heutigen Lage ein 
Stück vorwärtsgewandter Sehnsucht aus- 
drücken, einer Sehnsucht nach identifizier- 
barer Örtlichkeit, nach der Erkennbarkeit 
sozialer Situationen als Voraussetzung des 
Zuhauseseins. Man sollte sich das nicht zu 
friedlich vorstellen: nur mit Idyllik funktio- 
nierte das nämlich nicht. Ein Beispiel sind eher 
die besetzten Häuser in den Großstädten, ein 
Beispiel wohlgemerkt, kein Modell, weil auch 
sie als Spaltpilze in der pasteurisierten und 
homogenisierten Milch der frommen Den- 
kungsart überhaupt erst wirken. 
An Hausbau ist zu denken als an einen 
Hebel, mit dem in einer bewegungslosen, 
zubetonierten Stadtsituation möglicherweise 
noch etwas zu bewegen ist, nach den ästhe- 
tischen Hebelgesetzen einer dialektischen, d.i. 
in Widersprüchen arbeitenden Stadtbau- 
kunst, die nicht von oben aus dem Stadtbau- 
kasten heraus komponiert, Häusermassen 
verteilt, Plätze und Piazzettas sät und Bäume 
symmetrisch vom Himmel regnen läßt, 
sondern die mit Provokationen arbeitet, 
gezielt angreift, Reaktionen hervorlockt, .die 
den taubstummen Massen der spekulativen 
Stadt ihre unterdrückte Sprache vorhält. Der 
Hausbau dieses Sinnes hat besseres zu tun als 
Lücken zu füllen, aber dazu muß er die 
Lücken erst einmal akzeptieren, denn mehr als 
Lücken werden für Experimente nicht zur 
Verfügung sein. Aus den spekulativen Defi- 
ziten dieser Lücken heraus kann dann ange- 
griffen werden, getreu der Maxime, nicht 
Lücken zu füllen, sondern Schlüsselfälle zu 
bilden. Der Hausbau braucht den Unterdruck 
der Lücken, um daraus aggressiv hervor- 
zuschnellen als eine Stadtfigur, die einen 
Bruch im Kontinuum darstellt, ein Wider- 
spruchselement in der geronnenen Gewalt 
einer Blockrandumbauung, ein Stück Un- 
heimlichkeit in der Glätte der Straßenfront 
- aber ebenso auch ein Stück Wärme und 
Heimlichkeit, und ein Vermittlungsangebot 
im vermittlungslosen Beieinander in der 
Gegend verlorener Baumassen, ein Versöh- 
nungsversuch in Bruchsituationen zwischen 
Alt- und Neubaukanten, zwischen sozial 
unvermittelten feindlichen Baumassen. 
Um das zu leisten, sind viele Einzelzüge 
nötig, kein einmaliges ästhetisches Konzept. 
Was Hausbau sein könnte in solcher Funk- 
tion der Grenzbildung und Grenzvermitt- 
lung, des Bruchs und der Versöhnung, das läßt 
sich erst an der einzelnen konkret gefaßten 
Situation herausfinden und nur nach voll- 
brachter Arbeit vollständig und überzeugend 
sagen. Man muß freilich diese Situationen 
aufzufinden wissen. Es ist in der Regel 
keineswegs schon der Fall, daß ein Ereignis sie 
markiert hätte eine Besetzung etwa oder ein 
unangenehmes Baugesuch eines ortsbekann- 
ten Spekulanten. So etwas kann auch Falle 
sein, nämlich gerade nicht die Situation, aus 
der erfolgreich und mit dem nötigen Über- 
zeugungsvorrat zu handeln wäre. Nach meiner 
Erfahrung mit Berliner IBA-Projekten in 
Neu- wie Altbaugebieten enthält aber jede 
komplexe Aufgabe jene Lückensituation, die, 
wenn man dank der genauen Durcharbeitung 
der Aufgabe sie aufgedeckt und aufgefunden 
hat, sich als Schlüsselsituation erweist, als 
Schlüssel einer die divergierenden Stränge 
vermittelnden Lösung. 
Erst in der Situation stellt sich dann auch 
die Frage eines bestimmten kritischen Haus- 
typs. In einer fünfgeschossigen steinernen 
Bauordnungsstadt wie Berlin wäre ein zwei- 
geschossiger, in Selbsthilfe erstellter Fach- 
werkbau bereits der Inbegriff des kritischen 
Genzfalls. Aber die Bedingungen der Kriti- 
schen Besonderheit gehen natürlich in jedem 
einzelnen Fall viel weiter und in unterschied- 
liche Richtungen. Welche soziale Identität hat 
ein solcher kritischer Hausbau? Das kann 
nicht genau genug ausformuliert werden. 
Wollen Jugendliche beim Hausbau eine 
Grundausbildung erwerben, oder gar im 
Lebenszusammenhang des Hauses ein Hand- 
werk erlernen, eine Werkstatt aufbauen, ihren 
Lebensunterhalt verdienen? Oder wollen 
kinderreiche Familien den Rahmen eines auf 
veränderte Weise arbeitsteiligen sozialen 
Lebens aufbauen, mit Kinderladen, Gemein- 
schaftsküche, Spiel- und Basteleinrichtungen 
bis zur Selbsthilfewerkstatt? Oder will eine 
Wohngemeinschaft weitere Schritte der Selbst- 
versorgung in der Stadt‘ unternehmen mit 
flächenintensivem Gemüseanbau im Ge- 
wächshaus und begrenzter Tierhaltung? Es 
gibt viele Vorstellungen - auf dem Papier ist 
das alles austauschbar und gratis, wozu also 
weiter aufzählen. Die Bedingungen der 
Durchsetzung wären interessant. 
Zu diesen Bedingungen gehört all das, was 
zur Zeit international ausprobiert wird. Kann 
eine alternative Trägerschaft politisch tole- 
riert werden - was ja die Voraussetzung wäre, 
um mit den nötigen öffentlichen Zuschüssen 
in Situationen zu bauen, die für die 
Verwertungsbedingungen der hochgerüsteten 
Wohnungsbaudinosaurier nicht mehr genug 
hergeben? Ist Selbsthilfe als soziales Modell in 
der relevanten Größenordnung überhaupt 
praktizierbar, und wenn, mit welchen Grup- 
pen? Welche Spielräume für einfache Techno- 
logien, Standardunterschreitungen, funktio- 
nale Vermischungen (Gewerbe, Tierhaltung, 
dauernder Aufenthalt von Menschen) werden 
politisch und folglich bauaufsichtlich tole- 
riert werden? Welche Vorstellungen und 
welche Praxis einer neuen Sparsamkeit und 
Verantwortlichkeit im Umgang mit Raum, 
gesellschaftlicher Arbeit und individuellen 
Objektansprüchen werden wir zustandebrin- 
gen? Was von alledem, was möglich ist, ist bei 
genügend vielen wirklicher Wunsch und damit 
Basis realer Veränderung? Die Chancen sind 
natürlich von Ort zu Ort verschieden, und sie 
entwickeln sich mit der monoton sich ver- 
breitenden Arbeitslosigkeit und der Aussicht 
auf deren Verewigung. Dazu ist hier nicht zu 
orakeln - es kam auf den Hinweis an, daß, 
bevor entsprechende Chancen abgewartet und 
ergriffen werden, wir begrifflich auf der Höhe 
dessen sein müssen, was dann zu leisten. ist. 
Hausbau ist eine Denkfigur dafür. 
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Internationale 
Bauausstellung 
Berlin 
1987 
STELLENAUSSCHREIBUNG 
Ab 01.05.1983 zu besetzen 
1 Stelle (40 Std./Woche) 
Vergütung analog BAT 
zeitlich befristet bis31.07.1984 
Stellenbeschreibung: 
Planungsassistent/in für den 
Leiter der Arbeitsgruppe Stadt- 
erneuerung in ihrer Funktion 
als treuhänderischer Sanie- 
rungsträger für das Sanierungs- 
gebiet Kreuzberg, Kottbusser 
Tor und Fraenkelufer 
Aufgabengebiet: 
Organisatorische und konzep- 
tionelle Weiterentwicklung des 
Verfahrens der behutsamen 
Stadterneuerung ‚Koordination 
und Mitarbeit bei der Aufstel- 
lung von Finanzierungsplänen 
und Erneuerungsprogrammen, 
Vorbereitung und Führung 
von Abstimmungsgesprächen 
mit den zuständigen Verwal- 
tungsstellen. 
Qualifikation: 
Einschlägige Kenntnisse der 
Problematik und Lösungsan- 
sätze der behutsamen Stadt- 
erneuerung, Erfahrung mit Ver- 
waltungsabläufen und mit Fra- 
gen der Betriebsorganisation. 
Bewerbungen sind innerhalb 
von 4 Wochen zu richten an: 
Bauausstellung Berlin GmbH 
z.H. Herrn Prof. Hämer 
Lindenstr. 20 -21 
1000 Berlin 61 
Tel.: 2508 260/261
	        

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