Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Spuren sinnloser und gewaltsamer Vernichtung billigen Wohn- 
raums: Der 10.12. ist auch der Tag nach den neuen wohnungs- 
politischen Beschlüssen in Bonn: Staffelmiete auch im Altbau, 
Zeitmietverträge, mehr Profit im Wohnungsbau 
ständiges Wachsamsein, auch gegen die bio- 
logische Uhr, Verantwortungsbewußtsein 
gegenüber dem Prozeßablauf, um dem Stör- 
fall durch manuelles Eingreifen zuvorzukom- 
men. Und Überantwortung des eigenen Wis- 
sens an die Maschine, Einbringen des eige- 
nen Erfahrungswissens für einen störungs- 
freien Ablauf, aber ohne Einfluß auf die 
Gestaltung der Arbeitsbedingungen. 
„Wie mein Vater stets Anspruch erhoben hatte auf den 
Zugang zu den kulturellen Gütern, so hatte er drauf 
beharrt, daß ihm gehöre, was ihn an seinem Arbeitsplatz 
umgab... In der Fabrik konnten Kollegen ihn zuweilen ver- 
spotten, ihn sogar Streber nennen, wenn sie ihn bei über- 
mäßiger Pflege der Maschine fanden, wenn er nachdachte 
über technische Verbeßrungen. ...Auch als er seine Anstel- 
lung als Vorarbeiter verlor, und nur aushilfsweise Verwen- 
dung fand, ließ er nicht davon ab, jede Aufgabe im 
Bewußtsein seiner ganzen Verantwortung auszuführen. 
Nie würden wir imstande sein, sagte er, unsre Lage zu ver- 
ändern, so lange wir gefangen blieben in unsrer Halbheit 
und Entfremdung.” 
(Peter Weiß, Ästhetik des Widerstands, Ffm 1976 S. 350) 
„...da hat der Dr. ... gesagt, wir haben das ausgerechnet, 
wir haben pro — ich weiß jetzt nicht pro Kopf oder pro Tag 
— nur so und so viel Prozent Störung und dafür reichen 1 
oder 2 Mann aus so. Und da haben wir uns natürlich fürch- 
terlich gegen mokiert, weil es ist ja so, wir sind ja im Endef- 
fekt nicht dafür da, Störungen zu beseitigen, dat heißt 
dafür sind wir auch da, wenn sie auftreten, am Endeffekt 
sind wir dafür da, um Störungen erst gar nicht aufkommen 
zu lassen ja. Was wir vorher schon machen können oder 
während des Betriebes machen können ohne die Anlage 
still zu stellen, also praktisch der Störung schon vorgreifen, 
das sieht man da oben nicht. 
Ich sag, Mensch, warum reißen wir uns eigentlich den 
Arsch auf, laß doch stehn, die Scheiße, dann sehen die 
wenigstens man oben wofür wir da sind, nech, aber dat läßt 
der Ehrgeiz wiederum nicht zu. Dat ist der Ehrgeiz, wenn 
wir tatsächlich merken, manchmal ist es ja zu merken, dat 
nen Motor irgend wie klapprig wird oder ... Lager und so 
weiter und so weiter, so dann wird der Neue schon ran 
geholt, dann steht der schon bei Fuß ja und sobald die 
Anlage mal irgend wie über ne andere Sache steht, wegen 
Gasmangel, wegen Strommangel, ... in der Zeit wechseln 
wir den Motor jetzt, daß der nicht in Störung geht, ist die 
Störung für uns auch schon wieder pleite. Wir brauchen sie 
nicht zu schreiben, man sieht se nicht, man hört sie nicht 
und ihr habt gar keine gehabt...” 
(ein Betriebselektriker aus dem Hochofenbereich) 
Wie nah und wie weit ist dies von der „inne- 
wohnenden Perspektive der ’Individualisie- 
rung’ der Gesellschaft”? 
Immerhin umfaßt es der Möglichkeit nach 
die Hoffnung, daß die strukturellen Umbrü- 
che in der Gesellschaft in Verbindung mit 
bewußter Erfahrung Ansätze zur Emanzipa- 
tion und Autonomie im Bereich organisierter 
Industriearbeit vorwärtstreiben 
“Der einzige Sinn, den ich seh, wenn wir dann arbeitslos sind, 
können wir uns die Schabracken nehmen, 20 Mark Miete und 
selbstausbauen, haben ja Zeit genug.” 
Spuren sinnloser und gewaltsamer Vernichtung auch an den 
Menschen — aber auch eine Hoffnung: aufgebrochen einen 
Weg zu suchen. 
Was hat dies mit der Frage nach dem 
Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und 
räumlicher Strukturveränderung im Ruhrge- 
biet zu tun? So viel, als daß es um den Schritt 
vom Hinnehmen der Vernichtung von 
Arbeitsplätzen und von Wohn- und Lebens- 
raum hin zu ihrer bewußten Aneignung geht. 
Der Umbauvorschlag von Stahlarbeitern für 
ein konventionelles Miethaus des Belegwoh- 
nungsbestandes der Stahlindustrie aus den 
50er Jahren ist sicher Ausdruck vom Sichein- 
richten auf das hier von jeher übliche Über- 
wintern in der Krise und von der Resignation 
hinsichtlich des Zustandekommens kollekti- 
ven Widerstands — sicher aber auch die Idee 
vom Bruch mit den alten Abhängigkeiten. 
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Umnutzungsvorschlag von Stahlarbeitern für ein konventionelles Miethaus des werkeigenen Wohnungsbestandes der Stah- 
lindustrie aus den 50er Jahren. Abb. 2 
Entscheidungen: 
1. Sich in der 58 qm - Wohnung arrangieren 
2. Für alle Fälle (wiederkehrender Arbeit) Lärmschutz für Schlafraum des Schichtarbeiters 
3 Selbstversorgung als Überlebensstrategie (Aneignung der von den heimgekehrten türkischen Kollegen hinterlassenen zur 
Zeit leerstehenden Wohnungen für Selbstversorgungszwecke)
	        

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