Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

® Demokratische Architektur hat zwei Prin- 
zipien: In der Eigentätigkeit, die ihm eine 
entwickelte Architektur-Bühne ermöglicht, 
erfährt der Mensch sich als Subjekt seines 
Raumes. Die reale, komplexe Öffentlich: 
keit der Bühne ermöglicht es ihm, im kom- 
plexen Austausch mit anderen Menschen 
zu leben: im Geben und Erhalten (statt 
im Nehmen und Sich-Abschirmen, um die 
„Beute“ zu verzehren). 
Architektur als Bühne ist mit allen ihren 
Details und als Ganzes Ausdruck von 
Lebensvorgängen. Alles ist gestalteter 
Ausdruck. 
B? Unsere gewachsenen Einsichten verbieten 
es uns, sie noch länger in Reduktionen 
zu lesen: als reine Formen. 
9 Gewachsene Einsichten fordern dazu auf, 
Architektur nach Gesichtspunkten zu ge- 
stalten, die Menschen in entwickelter 
Weise dienen. 
9 Alle Details der Architektur verstehe ich 
nicht als nur oberflächlich erkannte Form, 
sondern als Ausdrucksgestalten von Le- 
bensvorgängen. 
9 Sie bilden Zusammenhänge. 
Ebenen des gestalteten Ausdrucks 
Ich hatte eingangs die These entwickelt, daß 
sich elementare Fähigkeiten der Architektur 
in engem Zusammenhang mit der jeweiligen 
Natur des Menschen entwickeln: bezogen auf 
seinen Körper. Dieser Ausdruck des Körpers 
hat in der Architektur in mehreren Ebenen 
Entsprechungen: 
9 Er kann die spezifischen Bewegungs- 
möglichkeiten des bzw. der Menschen aus- 
drücken. Das nenne ich dann sozialen 
Raum. 
Wenn ein Raum ausgreift, hat er eine 
Gestik - analog menschlicher Gestik die 
im Ausgreifen der Arme Raum schafft. 
Wichtig ist dabei, zu sehen, daß dieser 
Raum der Geste nicht einfach Raum an 
sich ist, sondern eine spezifische Absicht 
(Intentionalität) besitzt und dadurch ge- 
prägt ist. 
Die Wände eines Raumes können so etwas 
wie eine Mimik haben, eine Art Gesichts- 
ausdruck. Die Amsterdamer Schule der 
Zwanziger Jahre gibt dafür eine Fülle von 
Beispielen. 
Der Ausdruck kann ganz einfach da sein, 
in einer naiven Weise. Oder er kann so in- 
tensiviert sein, daß er betroffen macht. 
Der Ausdruck kann Assoziation anregen. 
Er kann als Symbol wirken, das heißt: aus- 
drücklich auf einen anderen Sachverhalt 
hinweisen. 
Rezeptions-Fähigkeit 
Ob die Menschen die architektonischen Aus- 
drucksgestalten verstehen, hängt von ihren 
Vorerfahrungen und der Entwicklung ihrer 
Erfahrungsfähigkeit ab: der sinnlichen und 
der intellektuellen. 
Eine eindimensional technokratisch ange- 
legte Gesellschaft versucht ihre Mitglieder so 
zu erziehen, daß sie ihre Räume als sozial 
entleert, das heißt als abstrakt ansieht. Sie 
reduziert den komplexen sozialen Ort so, daß 
er nur noch Stätte einer engen Produktivität 
ist (oder als solcher wahrgenommen wird) 
sowie als Transportweg zwischen zwei Punk- 
ten gilt. Sie gibt dies als objektiv, rational und 
intellektuell aus. Tatsächlich aber ist es ihre 
Interpretation: die subjektivste, die irratio- 
nalste und eine wenig intelligente. Denn die 
Wirklichkeit ist komplex; und Intelligenz ist 
die Erfassung großer Komplexität. 
Die historischen Ansätze des Funktiona- 
lismus in der Architektur-Theorie haben diese 
Enge nicht gemeint. Im Gegenteil: sie 
begannen die Untersuchung der komplexen 
Natur der Menschen - mit großer Genauig- 
keit. So die frühen angelsächsischen Funk- 
tionalisten. Julius Posener hat darüber 
geforscht.* 
Im Werkbund und Bauhaus wurde dies 
fortgesetzt. Ihr wichtigster Theoretiker ist 
Adolf Behne. Nicht zu vergessen: der in der 
Praxis meines Erachtens bedeutendste Woh- 
nungsplaner, der Niederländer Jacobus Jo- 
hannes Pieter Oud. 
Die Interessen einer Kapital-Verwertung, 
die Architektur auf den geringstmöglichen 
Einsatz an Kapital und planerischer Intelli- 
genz reduzierte, hat schon in den Zwanziger 
Jahren, vor allem aber nach 1945, den 
trivialen Funktionalismus entwickelt: Haus 
und Stadt auf Minimalebene. 
Architektur- Wissenschaft als Sozial- 
wissenschaft 
Ich sehe also Architektur unter dem Aspekt 
der Sozialwissenschaften. Allerdings müssen 
sie für dieses Feld in spezifischer Weise 
entwickelt werden. Die Ausdrucksgestalten 
der Architektur sind in erster Linie unter 
einem psychologischen Gesichtspunkt er- 
kennbar, dem anschließend weitere folgen. 
Wobei man einbeziehen muß, daß alle diese 
Gesichtspunkte ihre Geschichtlichkeit haben. 
Dies entspricht auch dem Alltagsverhalten 
kluger Benutzer der Architektur. 
Dieser Ansatz, der von Menschen und 
Architekten als einem komplexen Erleben und 
Handeln ausgeht, könnte zeigen, was Be- 
wohnbarkeit ist und wie sie gestaltet werden 
kann. 
TEIL II: 
BEISPIELE DEMOKRATISCHER 
ARCHITEKTUR: FASSADEN ALS 
BÜHNEN 
Ich möchte die These der Architektur-Theorie 
am Beispiel von Häusern des Architekten 
Andries van Wijngaarden in Rotterdam näher 
ausführen.5 
Die Auswahl dieser Bauten könnte unter 
einem weiteren Gesichtspunkt interessant 
sein: ich vermute, daß es van Wijngaarden 
weitgehend gelungen ist, eine Vielzahl von 
individuellen und sozialen Gebrauchswerten, 
die im niedriggeschossigen Siedlungsbau, 
etwa in Arbeiter-Siedlungen, entwickelt wur- 
den, auch in der viergeschossigen Block- 
bebauung des sozialen Wohnungsbaues anzu- 
wenden. Das würde eine Synthese von Sied- 
lungsbau und Blockbebauung wie in Berlin 
bedeuten. 
Andries van Wijngaarden: Crooswijk in Rotterdam. Balkon. 
Tingangszone Loggia an der Straße Gärtchen an der Straß 
A 
CM 
Eingangsbereich 
Vor der Eingangstür wird eine räumliche 
Situation gebildet. Sie besteht aus fünf 
Elementen: 
® Zurücksetzung der Eingangstür, 
* einem Podest, 
° einer Seitenwand, 
einem Mäuerchen, 
® einer Decke. 
Dadurch entsteht eine Übergangssituation, in 
der sich Außen und Innen durchdringen. 
Psychologisch bedeutet dies: 
® Wer heraustritt, fühlt sich noch einen 
Moment geschützt. 
® Man kann auch im Außenraum in den 
geschützt erscheinenden Raum vor dem 
Eingang flüchten. 
® Oder dort bleiben. 
® Wer eintreten will, wird vorbereitet. 
Vorentscheidung: 
® Die Eingangszone soll ein vielfältiger 
Aufenthaltsbereich sein. 
® Die Leute sollen keine Angst vor Men- 
schen 
® und vor der Benutzung des Raumes vor 
der Tür haben. 
Die Plattform ist nur eine Stufe hoch: 
% Sie verhindert das Eindringen des Regens. 
, Der Eingangsraum wird markiert. 
3 Es entsteht der Eindruck, einerseits ein 
Podium zu besitzen, 
® andererseits einen fast ebenerdigen. Über- 
gang zwischen Außen und Innen zu haben. 
Eine Seitenwand tritt vor: 
® durch Verschiebung des Baublocks 
® oder durch Risalitbildung. 
Dadurch erhält der Benutzer das Gefühl, eine 
Rückendeckung zu haben. 
Die Decke bildet ein Vordach: 
® gegen Regen und Sonne 
® und als psychologischen Schutz nach oben. 
Vor der Haustür gibt es fast immer ein etwa 
hüfthohes Mäuerchen: 
® Es markiert den Eingangsbereich, 
bildet eine räumliche Szenerie. 
Man kann seine Tasche darauf abstellen, 
sich darauf setzen, 
auch zu mehreren, 
Kinder können darauf spielen. 
Das Mäuerchen schafft zwei räumliche 
Teile: einen überdeckten neben dem Ein- 
gang und einen offenen an der anderen 
Seite 
Die Tür-Öffnung wird bis zur Decke geführt - 
mit Hilfe eines Oberlichtes: 
® Dadurch gleichen sich die Höhen von 
Türen und Fenstern einander an. 
® Die Türöffnung wirkt größer. 
® Und die Wandfläche erscheint leichter. 
In Katendrecht werden Eingänge vor die 
Fassade gezogen. 
® Sie haben eine nach vorn gesetzte Schei- 
benfläche, 
® an die an den Seiten Glastüren schräg- 
angesetzt sind. 
® Dadurch ragen sie in den öffentlichen 
Raum. 
- Das Haus-Innere wirkt aktiv nach außen. 
Innen und Außen verschränken sich. 
® Halbprivates wird öffentlich 
Die Erdgeschoß-Wohnungen in den Miets- 
häusern besitzen nicht nur den Eingang über 
dem gemeinsamen Flur, sondern sie haben 
meist zwei weitere Eingänge: zur Straße und 
zum Garten. 
An der Straßenseite haben die Wohn- 
zimmer breite, doppelflügelige Gartentüren.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.