Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Zur Vertiefung der hier angerissenen 
Thematik hat Jürgen Wolf für Herbst 
des Jahres (vorraussichtlich Nr. 71) 
das Schwerpunktthema ”Rezession 
und Repression: Ausblicke auf 
1984” (Arbeitstitel) vorgeschlagen. 
Die vorbereitende Redaktion haben 
W.Durth, F.Geschwind,G.Hamacher 
und J.Wolf übernommen. Weitere 
Autoren werden gesucht. 
Hat die aktive Stadtenwicklung noch eine 
Chance oder versinken die Städte in 
Lethargie? 
Die Dauerrezession ist nur die volkswirt- 
schaftliche Erscheinungsform einer tiefgrei- 
fenden Strukturkrise der Wachstumsgesell- 
schaft. Sie ist verbunden mit pol. und kulturel- 
len Umbrüche mit der Suchm nach neuer 
Identität der Individuen, einer Polarisierung 
der Lebensverhältnisse und -auffassungen, die 
insgesamt das Stadtleben nachhaltig verän- 
dern. 
Von der wirtschaftlichen Rezession als 
Dauerzustand ist vermutlich auszugehen. Die 
Trendwende beginnt mit den 80er Jahren. Seit 
1980 steigt die Arbeitslosigkeit in einem seit 
der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht mehr 
gekanntem Ausmaß, zugleich nimmt auch die 
Kurzarbeit bedrohlich zu und die offenen 
Stellen schmelzen zusammen (vgl. Abb.1). 
Das Bruttosozialprodukt reagiert mit entspre- 
chender zeitlicher Verzögerung (1980 + 1,8%, 
1981 - 0,2% und 1982 - 1,2%). Auch für 1983 
prognostizieren die wirtschaftswissenschaftli- 
chen Institute eine weiterhin schrumpfende 
Volkswirtschaft, denn der erwartete Einbruch 
im 1. Quartal 1983 erfordert schon rein rech- 
nerisch im 2. bis 4. Quartal Zuwachsraten von 
vier und mehr Prozent, wenn sich aufs ganze 
Jahr gesehen das Sozialprodukt in etwa aus- 
gleichen soll. 
Der damit verbundene Steuerausfall in den 
kommunalen Haushalten bei andererseits er- 
höhten Ausgaben im sozialen Bereich auf- 
grund der allgemeinen Verarmung zwingt die 
Gemeinden bei Festhalten an ihrer bisherigen, 
den neuen Anforderungen insofern nicht 
länger angemessenen Haushaltspolitik, die so- 
zialen Leistungen zu beschneiden, von denen 
nicht wenige in der Stadt leben. Aber nicht nur 
die sozialen Aufgaben der Gemeinden nehmen 
bei gleichzeitig schrumpfender Leistungs- 
fähigkeit zu. Was schwerer wiegt, ist, daß viele 
Gemeinden zu wenig politische Phantasie ent- 
wickeln und mit Einsparungen in der planen- 
den Verwaltung die Quelle austrocknen, von 
der die notwendigen strukturellen Ände- 
rungen in der Nachwachstumsphase nach ent- 
sprechende wissenschaftlicher Grundlegung 
und politischer Zielvorgabe auszugehen ha- 
ben. Denn jede Intensivierung der Bewirt- 
schaftung der auch in der Dauerrezession in 
der Gemeinde gleichwohl noch reichlich vor- 
handenen Ressourcen an Flächen, suboptimal 
genutzten Gebäudebeständen und privaten 
Kapitals, ganz abgesehen von menschlicher 
Arbeitskraft, erfordert zuerst eine Intensivie- 
rung der Planung. Nur sie kann die nunmehr 
unumgängliche Rationalisierung der bisher 
mehr oder weniger organisch gewachsenen 
Stadt mit ihren vielseitigen Funktionsschwä- 
Jürgen Wolf 
Stadtentwicklung in der 
Dauerrezession 
chen im Interesse aller leisten. Indem aber nun 
gerade bei der Planung der Rotstift angesetzt 
wird, verbauen sich die Gemeinden ihre Zu- 
kunft. No future? Reduziert sich die Kommu- 
nalpolitik in der Rezession auf die Verwal- 
tung der Not und versinken die Städte, zu- 
erst in den industriellen Ballungsgebieten, in 
die Lethargie eines Manchester oder Liver- 
pool? 
.. Vor der Frage aber, welche strukturellen 
Änderungen der Kommunalpolitik notwendig 
sind, steht die Frage, worauf werden alle jene 
in der Stadt lebenden oder dorthin künftig zu- 
ziehenden Menschen angewiesen sein, deren 
Einkommen absolut oder relativ sinkt, oder 
die ganz durchs soziale Netz fallen? 
Nachteilen. Der Umzug in die große moderne 
Wohnung muß auf unabsehbare Zeit zurück- 
gestellt werden. Die Angewiesenheit auf die 
kleine, billige, heizkostengünstige Wohnung 
mit nicht ständig steigenden Mieten und Be- 
lastungen in einem Stadtteil, in dem man auch 
notfalls ohne Auto (soweit überhaupt vorhan- 
den) den Arbeitsplatz, die Schule, den Kinder- 
garten, das Einkaufszentrum mit den Sonder- 
angeboten und hin und wieder auch die freie 
Natur erreichen kann, wächst. Noch besser 
freilich, wenn in der Nähe ein Kleingarten vor- 
handen ist, von und in dem es sich ein bißchen 
besser leben läßt. Man wird auch wieder mehr 
auf die alltäglichen nachbarschaftlichen Hil- 
fen angewiesen sein und die bescheideneren 
Möglichkeiten der Erholung und Entspan- 
nung vor der Haustür oder am Stadtrand dem 
Fernurlaub vorziehen müssen. Die Einrich- 
tungen der Naherholung, kleine Parks im 
Stadtteil, eben auch der Kleingarten, die 
Landschaft und der Wald am Stadtrand, die 
relativ ruhige Wohnstraße, Sport- und Ver- 
einsamlagen gewinnen somit an Bedeutung 
und werden im Falle ihrer Gefährdung wohl 
noch hartnäckiger verteidigt werden als bisher 
schon. 
Statistisch macht sich die neue Angewiesen- 
heit seit Beginn der Dauerrezession im Winter 
’80/’81, als erstmals wieder mehr als eine 
Million Arbeitslose registriert wurden, als 
Trendwende in der Nah- und Fernwanderung 
bemerkbar: Es gewinnen nicht nur die Städte 
mit relativ günstiger Arbeitsmarktsituation 
Einwohner aus anderen Regionen, sondern re- 
lativ unabhängig davon ist aufgrund der auch 
im Umland stagnierenden Bautätigkeit und 
der für immer mehr Haushalte kaum noch 
tragbaren Fahrkosten eine Tendenzwende 
von der Stadtrandwanderung zur Stadtwan- 
derung erkennbar (vgl. Abb.3). 
Zunehmende Diskrepanzen der Wohn- 
raumversorgung und Polarisierung der 
Bevölkerungsstruktur im Altbaubestand 
infolge von Wanderungsgewinnen 
Insofern die Wanderungsmotive hie wie da 
ökonomischer Natur sind, bevorzugen die ent- 
sprechenden Zuwanderer in der Stadt Stadt- 
teile mit preiswertem Altbauwohnungsbe- 
stand. Dort konkurrieren sie aber mit der 
Nachfrage der Haushaltsneugründer, derjeni- 
gen, die aus anderen Gründen innerhalb der 
Stadt umzuziehen gezwungen sind, und der 
Nachfrage oberer Einkommensgruppen, die 
aus dem Umland zuziehend das Stadtleben in- 
zwischen wieder mehr präferieren. Die Ge- 
samtnachfrage akkumuliert in diesen Stadt- 
teilen zu absolut zunehmenden Einwohner- 
zahlen, ohne daß dort zusätzlich Wohnungen 
errichtet würden, so daß sich die Wohnversor- 
gung pro Haushalt oder Person im statisti- 
schen Durchschnitt absolut verringert 
(Abb. 4). 
Die Verbesserung der Wohnversorgung der 
einkommensstarken Haushalte wird hier 
Arbeitsmarktbedingte Zuflucht in Städte 
mit relativ niedriger Arbeitslosigkeit und 
Seßhaftigkeit 
In der Bundesrepublik erhoffen sich viele von 
der Rezession Betroffene am ehesten noch 
eine relativ gute Lebenschance in den kom- 
merzialisierten süddeutschen Großstädten 
und wandern vermehrt dorthin. Den wenigen, 
die auf diese Weise ihren Wohnort wechseln, 
weil sie noch einen Arbeitsplatz gefunden ha- 
ben, stehen die vielen gegenüber, denen eine 
Berufskarriere durch Arbeitsplatzwechsel und 
damit verbundenem Umzug in andere Städte 
nicht mehr möglich ist, oder die als Dauerar- 
beitslose diese Chance schon lange nicht mehr 
haben und an ihren Wohnort gebunden 
bleiben. Aus sozialer Mobilität folgt Wan- 
derung, aus sozialer Immobilität Seßhaftig- 
keit. Verstärkte Zuwanderung in Regionen 
mit 'relativ günstiger Arbeitsmarktsituation 
korreliert so mit allgemein rückläufiger Ge- 
samtmobilität (vgl. Abb.2). 
Die ökonomisch erzwungene neue Seßhaf- 
tigkeit verändert notgedrungen auch die Ein- 
stellung zur unmittelbaren Umgebung, zur 
Nachbarschaft, zum Stadtteil und zur Stadt, 
in der man nunmehr für längere Zeit mit wenig 
Hoffnung auf eine grundlegende Verbes- 
serung der Einkommensverhältnisse zu leben 
hat. Es ist der gegebene soziale Raum, nicht 
die Berufskarriere in fremden Städten, auf den 
sich die Lebenserwartung zunehmend richtet 
und mit dem sie sich bescheiden muß. Was die 
Menschen dort erwartet, ist auch davon ab- 
hängig, wieweit sich die Bewohner der gege- 
benen Nachbarschaft politisch, kulturell und 
sozial betätigen. Erwächst hieraus die politi- 
sche Kraft, auf welcher jene notwendigen 
Strukturänderungen gründen? Welche Hand- 
lungs- und Konfliktpotentiale zieht das nach 
sich? 
Vermehrte Angewiesenheit auf eine 
Stadt, in der es sich auch bei bescheide- 
nem Einkommen leben läßt 
Zunächst äußerst sich die neue Seßhaftigkeit 
als eine vermehrte Angewiesenheit auf die vor- 
handene Wohnung mit all ihren Vor- und 
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